Kleinigkeiten (32)

MANIFEST? 0!

Es ist eine nicht besonders angenehme Zeit, in der wir leben, nämlich eine, in der, wie Antonio Gramsci aus der faschistischen Gefangenschaft schrieb, „das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann“. Das Sterben dieses Alten haben wir, an anderer Stelle, nämlich in zweien unserer Bücher („Untot“ und „Kapitalismus als Spektakel“), als ein Gegenteil von Verschwinden, nämlich als ein Verwandeln in ein allgegenwärtiges „lebendes Totes“ beschrieben. Dieser Verwandlung zuzusehen macht eine doppelte Mühe: Erstens, weil es wahrlich kein schöner Anblick ist, zuweilen in seiner obszönen Zähigkeit nicht einmal das, was man gemeinhin „faszinierend“ nennt. Und zweitens, weil offensichtlich eine Mehrheit auch und gerade im „kulturellen Sektor“ wütend entschlossen ist, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen oder gar Blindheit zur Bürgerpflicht zu erheben.

Wir sehen, rundheraus gesagt, der Demokratie beim Sterben zu.

Die Verwandlung der Demokratie (die selber, ach! so weit von ihrer Vollendung, ja von den bescheidensten der eigenen Möglichkeiten entfernt war) in die „Postdemokratie“ ist dabei ein zentraler Vorgang, eben die Verwandlung der Demokratie in ihre gespenstische Simulation. Aber es ist nicht der einzige Vorgang. Parallel dazu verlaufen nämlich eine Ausbildung von vollkommen anti-demokratischen Institutionen (wir müssen nicht an die explosive Entwicklung der Geheimdienste und der „Experten“- und „Berater“-Kraken denken) und eine fundamentale Entkopplung zwischen ganzen sozialen Bereichen und der Demokratie. Weiterlesen

Krisengerede

Vor einiger Zeit – es war „Krise“, erinnern wir uns? – war es beinahe Mode, bis in die Mainstream-Blätter hinein das „Versagen“ der Wirtschaftswissenschaften, gar ihre Funktion weniger als Wissenschaft denn als Legitimationsinstrument, kurz gesagt: als Ideologieproduktion zu kritisieren. Man duckte sich nur sehr kurz, mittlerweile ist alles wieder beim alten, nur schlimmer. Und nun wird auch wieder die „Entfesselung“ dieser hybriden Disziplin gepriesen, in den USA, wo bekanntlich so vieles besser ist: : „Viele junge Top-Ökonomen zieht es nach Amerika. Sie schwärmen von besten Bedingungen für die Forschung, mehr Gehalt und weniger Bürokratie. Deutschland hinkt hinterher“, so titelt die F.A.Z am 12. August 2013: „Erhalten Juniorprofessoren hierzulande ein nach Besoldungsordnung festgelegtes Jahresgehalt von etwa 50 000 Euro, sind an den Top-Unis Einstiegsgehälter von weit mehr als 100 000 Dollar möglich“. Nur kein Neid. Dafür gibt es in den USA auch einen „Vorsprung“. Und im Übrigen kennt der Artikel noch einen Grund für das furchtbare Hinterherhinken deutscher Wirtschaftswissenschaft hinter den USA: Das deutsche Verbot für Klimaanlagen in öffentlichen Büros. So kann das natürlich nichts werden, wenn man sich hierzulande nicht einmal mehr die ökonomische Birne herunter kühlen kann.

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Dafür gibt es jetzt eine Reihe von Büchern mit Titeln wie „Fit für die Prüfung: Makroökonomie“, nämlich „Lern- oder Testbücher als Ergänzung zu verbreiteten Lehrbüchern“, und das Ding ist selber, wovon es handelt: „Auf Gewinnmaximierung auf dem Markt für Lehrbücher abzielend“. Schön gesagt. Weiterlesen

Kleinigkeiten (31)

Antonio Gramsci erzählt in einem seiner Briefe aus dem Gefängnis von einem riesenhaften Kerl, der sich nur „Unico“ (der Einzige, oder, nach Stirner, der Einzelne) nennt, ein radikal anarchistischer Individualist, der selbst gegenüber den faschistischen Schergen standhaft bleibt und keine Angaben über Person und Namen macht. „Ich bin der Einzelne, und damit basta.“ Als dieser Einzige auf Gramsci trifft, entscheidet er sich, ihm nicht zu glauben: „Antonio Gramsci ist ein Riese und kein so kleiner Mensch.“

Eine hübsche und natürlich traurige Episode für eine Gesellschaft der radikal Angepassten und Konformisten. Über den Zusammenhang zwischen Widerstand und Vitalismus könnten wir nicht einmal mehr nachdenken, da selbst unser Fernsehprogramm uns Tag für Tag vor Augen führt: Man muss die Menschen nur sich selbst überlassen, um sie zu grausamen Duckmäusern zu machen.

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Ein Wesen der Macht ist es, den anderen verstummen zu lassen. Dazu muss man ihn entweder bedrohen oder anderswie beeindrucken. Wenn wir indes von Macht sprechen – und nicht von Herrschaft – dann gibt es sehr viel raffiniertere Methoden, die anderen verstummen zu lassen. Weiterlesen

Farbspiele (Skizzen)

Um Geschmack zu beweisen, nicht wahr, muss man sich auch in den Farben auskennen und damit, was sie so „sagen“ können. Im Allgemeinen und in Kontexten. Wissen Sie nicht, dass man mit roten Accessoires und Kleidungen „Leidenschaft“ und „Erotik“ ausdrückt, dass „Grau“ sie genau so macht, dämmerig nämlich, und dass ein tiefes Blau, um nicht gleich „Königsblau“ zu sagen, einen Anspruch ausdrückt, dem man nur schwer gerecht werden kann? Die Farbe ist ein Konstruktionsmittel zwischen Subjekt und Gesellschaft, eines von vielen natürlich.

Konsequenterweise ist das Steuerungsmittel für diese Farb-Konstruktionen in unserer Gesellschaft „der Markt“. Durchaus imponierend ist da die „Farblehre“ im Verkauf: Bei den Discountern wird man alles, was mit „leicht“ und „erlaubt“ assoziieren soll, mit einem leichten Blau-Ton versehen finden. Und alles was einen Touch des „Heftigen“, dieses „Trau dich“, und schon halb Verbotene hat, ist mit einem roten Akzent versehen. Mit dem Grün, für gesund und bio usw., darf man’s, wie die entsprechende Wissenschaft erklärt, nicht übertreiben.

Die Farbe ist als Signal, Symbol oder Ikon eingesetzt, sie „bedeutet“ daher auf mehreren Ebenen und unter Umständen auch Widersprüchliches. Daher ist die Sprache der Farben zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Räumen stets zugleich ein work in progress, und ein Versuch, zu „altem Glück“ und „ewigen Wahrheiten“ zurück zu kehren. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (23)

„Kersten Steinke ist eine typische Vertreterin der Linken. Denn die Spitzenkandidatin der Thüringer Linken im Bundestagswahlkampf hat eine stramme SED-Vita“.

Das schreibt Claus Peter Müller am 5. August 2013 in der Zeitung mit den klugen Köpfen, die sich glücklicherweise meistens dahinter verstecken. Er hat übrigens, nach Angaben seines Blattes, eine stramme F.A.Z.-Vita. Die ist so aufregend, dass ich sie meinen Lesern nicht vorenthalten möchte. Claus Peter Müller nämlich wurde am 28. November 1960 in Kassel geboren und wuchs dort auf. Nach dem Abitur entschied er sich 1979 für den Modellstudiengang Journalistik an der Universität Dortmund mit dem Zweitfach Politikwissenschaft (Schwerpunkt Wirtschaftspolitik). Schon das Grundstudium, vor allem aber ein Volontariat bei den „Ruhr-Nachrichten“ (Dortmund) und ein längeres Praktikum beim ZDF bestärkten ihn in seiner Berufswahl. Bis zum Abschluss des Studiums 1985 hat er bei verschiedenen Tageszeitungen und Fachzeitschriften mitgearbeitet. Später kurze Zeit als „Pauschalist“ bei den „Ruhr-Nachrichten“. Im Februar 1986 begann er als Politikredakteur bei der „Neuen Ärztlichen“ in Frankfurt, einer Tageszeitung für Ärzte aus dem Haus der F.A.Z. Dort Spezialisierung auf sozial- und gesundheitspolitische Themen. Von 1990 an bis zur Einstellung der Zeitung im März 1991 war er stellvertretender Chefredakteur. Seit dem 1. Mai 1991 gehört er der politischen Redaktion der F.A.Z. an; vom Herbst 1991 an Korrespondent für Nordhessen und Thüringen mit Sitz in Kassel. Müller, der sich auch mit Gesundheitspolitik und dem Krankenhausmarkt beschäftigt, führt Studenten der Journalistik an der Universität Dortmund in die Berichterstattung über die Sozialpolitik ein. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Boah! Nur so jemandem kann ein Satz einfallen wie dieser:

„in Erfurt kümmerte sie sich – auffallend heimlich – um ihr eher unheimliches Wählerklientel“.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was Frau Steinke so macht und was sie so denkt. Aber scheußlicher als diese Art von Journalismus kann es wohl kaum sein. Weiterlesen