Peinlichkeit & Klassismus

Peinlich wird in der aktuellen Kulturgeschichte all das, was für eine kurze Zeit zwischen der Unter- und der Mittelschicht fluktuierte, mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung. So erscheinen zum Beispiel Fototapeten als extrem peinlich, nicht allein weil sie viel zu viel und zu direkt von heimlichen Wünschen sprechen (ferne Länder mit Sonne und Palmen, wilde Wasser, große Maschinen), und weil sie in ihrer Metaphorik schlimmer sind als röhrende Hirschen und Jesusse mit offenen Herzen, sondern weil in der sozialen Praxis (und in deutschen Kriminalserien) Fototapeten in den kleinsten Zimmer der kleinsten Plattenbau- oder Sozialwohnungs-Hochhäuser zu sehen waren. Von nichts sprach die Fototapete mehr als davon, dass das, was auf ihnen abgebildet war, unerreichbar war. Es ist die Vergeblichkeit, die Wand, gegen die man Tag für Tag anrennt, unsichtbar zu machen, was Fototapeten im Nachhinein so symptomatisch machen musste (zu ihrer Hoch-Zeit lösten sie nicht mehr als ein spöttisches Lächeln bei jenen aus, die nicht einmal ihren quengelnden Kindern eine Fototapete gönnen wollten).

Die Fototapete wurde durch den Giganto-LED-Bildschirm an der Wand ersetzt (im zugehörigen Blue Ray-Spieler kann man neben den neuesten Filmen auch prasselnde Kaminflammen, Meereswellen oder Waldrausch abspielen). Natürlich werden auch die Riesenbildschirme (von den Empfangs“schüsseln“ auf Balkonen und Dächern ganz abgesehen) über kurz oder lang als Symptome des Scheiterns erkannt und damit erheblich peinlich. Der gehobene Mittelstand rümpft die Nase: Da wo sich Satellitenschüsseln türmen, da sind die Verlierer zuhause. Weiterlesen

Titelschutz (18)

Aus meiner Lieblingsrubrik „titelschutz“ im Börsenblatt des deutschen Buchhandels entnehme ich gerade eine Restrukturierung der sexuellen Ökonomie, der Selbstorganisation oder was auch immer in der Bundesrepublik Deutschland:

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Kleine Skizzen zu Eros und Film

Narzissus, Echo & Hyazinthus, das androgyne Begehren

In jeder Mythologie gibt es das Wesen, das frei zwischen den Geschlechtern schwebt. Weder „homosexuell“ noch im eigentlichen Sinn zwitterhaft, vielmehr in einem meta-körperlichen Sinn entrückt, selber nicht begehrend, impotent, „unfruchtbar“, erweckt es in den verschiedensten Menschen (und Göttern) eine nun wahrhaft unstillbare Begierde. Dieses androgyne Wesen sinkt natürlich auch in die handfesteren Phantasien der populären Kultur der bürgerlichen Gesellschaft herab, und auch hier gelingt es nicht immer, es vollständig in den Kategorien festzuschreiben (Kind, Homosexueller, Zwitter, Kastrat, der „entmannte Mann“: aus der Mythologie entsprang da nicht selten eine sexuelle Dämonologie).

Narziss jedenfalls versank buchstäblich in einer Endlos-Spiegelung seines Begehrens, verliebte sich in sein eigenes Spiegelbild (das er übrigens für das Bild eines weiblichen Wesens hielt), und dann verwandelte er sich in die Blume, die seinen Namen trägt, und die alle unklaren und metaphysischen Formen des Begehrens zu symbolisieren hatte. (In einer anderen Version der Narziss-Geschichte indes hatte er eine leidenschaftliche Affäre mit seiner Zwillingsschwester, die gleich darauf sterben musste, und seitdem konnte Narziss nur noch sein eigenes Spiegelbild lieben, weil es ihn an die verlorene Geliebte erinnerte.) In Narzissus hoffnungslos verliebt war die Nymphe Echo, die niemals wirklich den Begehrten berühren konnte, und daher dazu verdammt war, seine Worte zu wiederholen. So wurde auch sie zu seinem Spiegelbild. Weiterlesen

Kleinigkeiten über Filmkritik

Das Thema der Filmkritik ist nicht das Filmemachen, sondern das Filmesehen. Filmesehen ist etwas anderes als Filmemachen; will sagen: Das eine ist nicht einfach Reaktion auf das andere.

Filmkritiker und Filmkritikerinnen müssen etwas vom Filmesehen verstehen, weniger vom Filmemachen. Nicht dass es schaden würde, etwas vom Filmemachen zu verstehen, doch schadet es enorm, zwischen dem Filmemachen und dem Filmesehen den diskursiven Unterschied zu verschleiern. Filmkritik, die nur das Filmemachen kritisiert, hat nichts kapiert. Filmkritik, die sich kompetent wähnt, bloß weil man ein wenig „filmemacherisch“ denken kann, genauso.

Wenn es der Filmkultur schlecht geht derzeit, dann weniger deswegen, weil die Kunst des Filmemachens verschwunden wäre, sondern vielmehr, weil die Kunst des Filmesehens verschwindet.

Den Mainstream der Filmkritik bildet nun eine utilitaristische Brücke zwischen Filmemachen und Filmesehen, die von sich behauptet, von beiden Seiten so viel zu verstehen, dass man Bedarf (Erwartung) und Möglichkeit (Fähigkeit) miteinander in Einklang bringt.

(Die Kunst des Filmesehens wandert von der Kritik in die Wissenschaft. Sie mag dort gut aufgehoben sein, wird indes zum professionellen Minderheitenprogramm.)

Der Filmemacher macht in diesem Modell Film für das Filmesehen, was nicht einmal in den kommerziellsten Teilen der Traumfabrikation funktionieren kann.

Die (falsche) Frage dieser Filmkritik ist daher nicht: Was sehe ich?, sondern sie lautet: Was kriege ich (für mein Geld)? Weiterlesen