Newsletter (3) zur Kuchensucher-Forschung

Aus dem Nachlass des postsituationistischen Lyrikers Edgar P. Kuchensucher ist dieses Gedicht aus der Spätphase seines Schaffens von besonderer Bedeutung. Wir wollen es hier zumindest in Ausschnitten zur  Verfügung stellen. Die gesamte Ballade (immerhin 180 Strophen!) wird wohl erst in der kritischen Edgar P. Kuchensucher-Gesamtausgabe zugänglich zu machen sein (eine Gruppe von Germanisten in Sulm arbeitet noch an der Transskribierung), zu der aber leider noch keine Drittmittel eingeworben werden konnten (sieht man von einer vagen Zusage über 100 Euro Zuschuss und einen  Hinweis im Filialbetrieb der Leoni-Bank Sulm ab).

 

DIE BALLADE VOM PROBLEMBÄREN

 

Der Problembär, wie ihr wisst

Macht in den deutschen Alpen Mist

Erschreckt Touristen und Busfahrer

Knurrt abscheulich – und weg war er.

 

Der Problembär, wie ich höre

Meidet heftig die Frisöre

An den Pfoten, an den Haxen

Lässt er seine Zotteln wachsen.

 

Und der Problembär, geistig kregel

Liest am liebsten Marx und Hegel

Und hält die Dialektik noch

In des Waldes Hektik hoch. Weiterlesen

EXCESS / CINEMA

Erste Skizzen zu einem Konfliktfeld

I. Der Exzess in der gesellschaftlichen Praxis

In der Statistik ist der Begriff des Exzesses einfach die Abweichung vom sogenannten Normalverlauf einer Kurve, dabei wird unterschieden zwischen positivem und negativem Exzess. Wichtig ist: Es geht nicht um die Abweichung eines Wertes, sondern um eine Kraft, die den Verlauf der Kurve selber bestimmt. Wenn der Exzess-Wert einer Kurve null ist nennt man sie normalgipflig, die Abweichungen machen sie entweder steilgipfelig oder flachgipfelig. Ich erwähne dies, um zu erklären, dass der Exzess keine „Abweichung“ ist, im sozialen Sinne also weder als bloßer Wahn noch als bloßes Verbrechen ausgegrenzt werden kann, im künstlerischen Sinne also weder eine Geschmacksverirrung oder ein schlichter Zensurfall.

Wenn wir von Exzessen sprechen, sprechen wir also nicht von Ausnahmen von der Regel, sondern von Änderungen der Regeln. Oder zumindest von der Infragestellung von Regeln. Es gibt ökonomische, kulinarische, sprachliche, politische, sexuelle und ästhetische Regeln. Und deswegen gibt es auch ökonomische, kulinarische, sprachliche, politische, sexuelle und ästhetische Exzesse. Man kann den Exzess als Symptom einer Veränderung begreifen, aber eben auch als Wirkkraft. Im Gegensatz zu einem Traum, einer Idee, einem einzelnen Bild etc. ist der Exzess etwas Unumkehrbares. Wird er wahrgenommen, hat er die Regeln auch schon verändert, manchmal freilich in einer Art, die das Gegenteil von dem scheint, was intendiert gewesen ist (zum Beispiel durch ein Verstärkung der Zensur, durch ein neues Schließen der Geschmacksgrenzen im Mainstream, durch eine heftige Gegenreaktion usw.).

Wir bewegen uns auf den Begriff mithilfe einiger Gegensatzpaare:

1. Qualität und Quantität

Der Exzess hat zunächst in seiner Sprachgeschichte vom lateinischen „excedere“ zwei Bedeutungen, nämlich das Heraustreten oder Hervortreten auf der einen Seite, also eine Form der Betonung, der Isolation und der Überdeutlichkeit, und auf der anderen Seite das über etwas hinausreichen, überquellen, überborden und hinausschweifen. Wir haben also einen qualitativen und einen quantitativen Aspekt und in vielen Zusammenhängen könnte man meinen, Weiterlesen

Die Kriegsausstellung

In so genannten Friedenszeiten scheint es zu genügen, dem Volk immer wieder die eigenen technischen Kräfte und Bilder aus der heroischen Geschichte zu zeigen, sowie sich mit entsprechenden Glamour-Veranstaltungen (der Manöver-Ball für die höheren Stände, die militärische Werbung auf den Volksfesten für die unteren, so wie sie heute in der Bundesrepublik noch immer hoch populär ist) in das Zivilleben einzuschreiben. In „Kriegszeiten“ dagegen, wird es notwendig, eine engere Teilhabe, eine Verschmelzung zwischen dem militärischen und dem zivilen Sektor der Gesellschaft zu erzeugen. Diesem Zweck diente etwa die große Kriegsausstellung 1916, die sich nicht mehr mit der bloßen Zurschaustellung der eigenen Waffen zufrieden geben konnte, sondern mit der Einladung zu einem Ausflug in einen realistisch nachgebauten Schützengraben oder der Teilhabe bei der Reparatur eines U-Bootes ein gleichsam „totales“ Kriegserlebnis simuliert, wie es zu dieser Zeit auch der Film nicht vermochte, der gleichwohl bereits eine zentrale Stellung in dieser multimedialen Intimisierung des Kriegerischen innehatte. (Vergleichbar funktioniert heute das Angebot, in dem für den Kriegsfilm DAS BOOT hergestellten Unterseeboot herumzugehen; die militärische Intimisierung, die in den großen Museen ein wenig in den Hintergrund treten musste, kommt auf dem Umweg über die Filmkulisse zurück.)

Geändert hat sich im übrigen auch in der Doppelfunktion von Werbung (für den Krieg, für die Filmproduktion) und Einnahmequelle kaum etwas: Die „Intimisierung“ als propagandistisches und als ökonomisches Unternehmen scheint zunächst zwei höchst unterschiedliche Ziele zu verfolgen, nämlich einerseits den Krieg durch die eigene Empfindung denkbar zu machen und so auf ihn vorzubereiten, und andererseits aus dem Krieg eine Unterhaltungsmaschine zu formen, Weiterlesen

Kleinigkeiten (30)

Und was sagt unsere Bundeslandwirtschaftsministerin zum Thema Massentierhaltung in einem Gespräch mit der Schriftstellerin Karen Duve?
(in: DIE ZEIT vom 8. Mai 2013 Nr. 20)

„Glauben Sie, dass eine Kuh, die gequält wird, überhaupt noch Milch gibt?“

Das ist ausbaufähig:

Glauben Sie, dass Kinder, die 12 Stunden am Tag in einem muffigen Raum schuften müssen, überhaupt so lustige Kik-Hemden nähen können?

Glauben Sie, dass man aus vergifteten Böden so leckere Popcorns ziehen kann?

Glauben Sie, dass man aus verschmutzten und überfischten Meeren die bei Kindern so beliebten Fischstäbchen bekommt?

Glauben Sie, dass man aus verdorbenen Politiker-Hirnen so lustige Sprechblasen quetschen könnte?

Ich muss noch einen Klasse-Aigner-Satz aus diesem Gespräch anfügen:

„Ich halte nichts davon, mit der Moralkeule auf andere einzuschlagen“.

Also hinaus mit unseren Panzern in Krisengebiete, lasst die Energiekonzerne doch machen, Jugendarbeitslosigkeit in europäischen Ländern, na und? Wir halten nichts von Moralkeulen. Weiterlesen

Titelschutz (17)

Aus meiner Lieblingsrubrik „titelschutz“ im Börsenblatt des deutschen Buchhandels:

Ein gewisser Becker Jost Volk Verlag nimmt Titelschutz in Anspruch für:

Prominent mit Hund

Prominent und Hund

Promis mit Hund

Promis und Hund

Prominente und ihre Hunde

Promis und ihre Hunde

Schön, schön. Aber was ist mit Katzen? Goldfischen? Hamster? Prominent mit Vogel?

Kein Titelschutz, nirgends.

Und auch die Kinder werden interessanten Lesestoff kriegen, zum Beispiel von der arsEdition:

Ohlala, wer pupst denn da?

Für die Kinder von gaaanz, gaaanz frechen Eltern. Weiterlesen

Das Unternehmergespräch in der F.A.Z.: „Es gibt noch großes Unwissen über Glas“

GROSS ist immer der Heiterkeitsfaktor bei der Rubrik

„Das Unternehmergespräch“ in der F.A.Z.

Und beinahe noch größer der der Überschriften:

„Es gibt noch großes Unwissen über Glas“, so am 6. Mai des Jahres 2013.

Sie bringt mich ins Grübeln. Ja, was weiß ich schon von Glas? Dass es ziemlich häufig durchsichtig ist. Dass es meistens aus Siliciumdioxid besteht, chemisch gesehen. Dass es eine unangenehme Eigenschaft mit dem Glück gemeinsam hat, nämlich leicht brechbar zu sein. Dass man sich an Glasscherben ganz fies schneiden kann. Dass es auch immer teurer wird. Aber das kann man ja von nahezu allem behaupten.

Es geht beim Unternehmergespräch mit Hermann Schüller, der ganz hin und hergerissen ist zwischen Glasherstellung und Basketball (er ist nämlich zugleich als Unternehmer zuständig für 20 Standorte, an denen sich Niederlassungen der Semocglas-Gruppe befinden, und Hauptgesellschafter des Basketball-Vereins „EWE Baskets Oldenburg – sehen Sie mal! Sehen Sie mal!), natürlich um etwas ganz anderes. Nämlich darum, noch stärker in das Geschäft mit Glas für Inneneinrichtungen vorzustoßen. Ich sage nur: Biegeglas! „Lediglich rund 4 Prozent des Semcoglas-Umsatzes werden mit Biegegläsern gemacht, aber als Referenz und Türöffner komme diesem Unternehmensteil eine wichtige Bedeutung zu, erläutert Schüller“. Türöffner, hm? Darf ich Ihnen mal ganz unverbindlich mein Biegeglas zeigen?

Nein, das Problem ist wirklich schwerwiegend, machen wir uns doch nichts vor. Weiterlesen

Kleine Skizzen zur Veränderung der politischen Erzählung

Stilbruch. Die Demokratie ist ein System, das den eigenen Bauplan enthält und in bestimmter Weise auch veröffentlicht. Die Aufgabe der Demokraten ist es, die Wirklichkeit, so gut es geht (und wir wissen, dass es nicht immer und überall gut geht) diesem Plan anzugleichen.

Die Postdemokratie ist ein System, das den eigenen Bauplan nicht enthält und schon gar nicht veröffentlicht. Die Aufgabe der Postdemokraten ist es, die Ideen, die man zum System haben kann, so gut es geht (und es geht am besten mit Hilfe der Medien) an die nicht-demokratische Wirklichkeit anzupassen.

Die Demokratie ist ein System, das die Nachricht zu rationalisieren trachtet.
Die Postdemokratie ist ein System, das die Rationalität zu vernachrichten trachtet.

Die Demokratie ist eine Erzählgemeinschaft, die um ihre eigene Aufklärung ringt.
Die Postdemokratie ist eine hysterisierte Erzählgemeinschaft.

Die Unfreiheit beginnt mit den Begrenzungen des Diskurses. Sie bestimmen, zunächst einmal, was nicht Diskurs werden darf. Die innere Begrenzung des Diskurses ist das Tabu, die äußere Begrenzung das Verbot. Das Tabu beschreibt den Gegenstand, der nicht berührt werden darf. Das ist Körperteil, Wesen, Ding, Thema oder Wort. Das Verbot indessen umfasst die Berührung, versieht sie aber zugleich mit einem großen „Nein“. So wird, auf einer zweiten Ebene, das Verbot zu einem Mittler (oder auch einem Mittelding) zwischen Tabu und Strafe. So muss die Hand abgeschlagen werden, die das Nicht-Diskurs-Ding oder das Tabu-Zentrum des Diskurses berührt hat.

So könnten wir einen Diskurs „Besitz“ oder „Eigentum“ (einschließlich der Unterscheidung von beidem) führen, indem wir uns seinem Kern entweder von den Begründungen, von den Praxen oder von den Strafen näherten, von der Grammatik des „mein“, „dein“, „unser“ und „ihrer“ oder im Archiv nach der ewigen Wiederkehr der göttlichen Übergabe des belebten und unbelebten Gegenstandes sähen. Weiterlesen