Kleinigkeiten (29)

Heute am Schaufenster von C&A war ich mir für einen Augenblick unsicher, ob da subversiv komische Künstler am Werk waren, oder ob der Textilkonzern nur aus Versehen mitteilt, was er von seinen Kunden hält. Jedenfalls standen in einem Schaufenster männliche Schaufensterpuppen mit preiswerten Klamotten, und sie hatten statt Köpfen Fußbälle. Und im anderen Schaufenster standen weibliche Schaufensterpuppen mit preiswerten Klamotten – und sie hatten Parfümzerstäuber als Köpfe. Nur die Kinder-Schaufensterpuppen, die hatten noch Menschenköpfe auf. Die Hoffnung, behauptet man ja gerne, stürbe zuletzt.

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Das Problem einer stetigen Auseinanderentwicklung von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften an den deutschen Universitäten scheint unter anderem darin zu liegen, wie unterschiedlich man auf die Ökonomisierung und damit die Infantilisierung des akademischen Betriebes reagiert: potzwichtige Konferenzen, Getue um das Einwerben von „Drittmitteln“, Aufplustern für Exzellenzcluster usw. Während der Naturwissenschaftler danach in seine Sprache der Dinge, der Zahlen und der Zeichen zurückkehren kann, so sehr er nach außen den Clown gespielt haben mag, muss sich der Geisteswissenschaftler genau in der Sprache weiter entwickeln (oder darauf verzichten), in der er sich zum Kasper der Ökonomisierung gemacht hat.

2 + 2 ist immer noch 4, wenn man den „Sponsoren“ oder anderen Geldversprechern nach dem Maul geredet hat, aber kann man nach solchem Glamour- und Ranking-Reden noch zu Blumenberg und Musil zurückkehren, ohne vor Scham im Boden zu versinken?

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Das Wesen des Kapitalismus in dieser Zeit ist es, neben den letzten Ressourcen der Natur die inneren Räume des Menschen zu kolonialisieren. Begehren und Angst, Phantasie und „Kreativität“. Um diesen Akt der internen Kolonialisierung voranzutreiben, müssen einerseits die qualitativen Elemente des Lebens, sagen wir: Glück, Liebe, Freiheit, Bildung etc. in quantitative umgewandelt werden. Denn nur durch Quantifizierung kann etwas den beiden Grundkräften des Marktes, dem Tausch und dem Wettbewerb, unterworfen werden. Weiterlesen

Newsletter (2) zur Kuchensucher-Forschung

Nur wenige Fachleute wissen, dass der postsituationistische Lyriker Edgar P. Kuchensucher sich auch als Romancier versucht hat, ja dass er es gar mit der populären Form eines Kriminalromans riskierte. Die Meinungen über das kürzlich aufgefundene Manuskript „Jezebel, oder Eine Verabredung mit dem Tod“ gehen allerdings entschieden auseinander. Die eine Fraktion, vertreten vor allem durch Professor Sigmund L. Ranzig vom Massachusettes Institut für vergleichende Projektionsforschung, geht davon aus, dass es sich lediglich um eine grobe Skizze für ein nie ausgeführtes Roman-Manuskript handele. Purer Geldmangel habe den Lyriker dazu getrieben, einem Verlag für billige Kriminalromane ein Angebot zu unterbreiten, das dann freilich nicht einmal dort Beachtung gefunden habe. Die andere Fraktion dagegen, vor allem die geschätzten Kollegen vom Edgar P. Kuchensucher Freundeskreis, halten es stattdessen für naheliegend, „Jezebel, oder Eine Verabredung mit dem Tod“ als ein vollkommen fertiges, eigenständiges Werk zu akzeptieren. Diese Meinung wird untermauert durch eine Skizze in Kuchensuchers Tagebüchern (deren Publikation sträflicherweise immer noch nicht begonnen wurde). Dort heißt es:

Dienstag

Dumme Träume gehabt. Unter anderem vom Verfassen des kürzesten Kriminalromans aller Zeiten, den sogar ein deutscher Feuilleton-Rezensent innerhalb einer Woche zuende lesen könnte. Ein Roman aus lauter Sätzen, die Georges Simenon weggelassen hätte. Und überhaupt ist es das Missverständnis des Kriminalromans, der Welt das Geheimnis entreißen zu können, indem man es in ein Rätsel verwandelt.

Einen endgültigen Beleg dafür, dass „Jezebel, oder Eine Verabredung mit dem Tod“ ein genuines und fertiges Kuchensucher-Werk darstellt, wird man wohl erst finden können, wenn endlich das Konvolut der von den Erben unter Verschluss gehaltenen „Briefe an meine Verleger (diese Arschlöcher)“ für die Forschung freigegeben wird. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (22)

Die Super-Illu, schreibt sie wenigstens, hat ihre Leser auf „SUPERillu.de“ gefragt: „Jobcenter sollen kranke Hartz-IV-Empfänger stärker kontrollieren. Wer blau macht, muss mit Leistungskürzungen von bis zu 30 Prozent rechnen. Ist das gerecht?“

„Ja“ sagen, wenigstens auf SUPERillu.de und auf den Seiten dieser, so die Eigendarstellung, „meistgelesenen Zeitschrift für Ostdeutschland“:

76 %

Jaja, wir sind schon wirklich ein Volk.

Auf ihren Seiten „heiter bis glücklich“ stellt das ZEIT Magazin gewöhnlich Dinge vor, die der besserverdienende Mensch gewiss nicht braucht, aber doch kaufen soll, damit es wenigstens dem Premium-Sektor des verarbeitenden Gewerbes besser gehe. Und hier sieht man die Alternative zur billigen Kühlbox aus dem Baumarkt:

„Kühlboxen sind normalerweise aus Plastik und hässlich. Dieses Modell aus Metall gibt es in verschiedenen hübschen Pastelltönen bei outofdoors.co.uk.“

Und der pastellene Blauton, der da vorgestellt wird, ist so hässlich, dass ich mich nicht einmal dagegen zu pinkeln wagen würde. Weiterlesen

DIE SANDKASTEN-PROTOKOLLE (VIII) Erste Frühjahrsausgabe 2013

Wir haben jetzt eine Garage, da passen drei Autos rein. Und wenn mein Papa wieder eine Arbeit hat, dann kriegen wir auch wieder ein neues.

Meine Mama muss heute zu Tschibo, wegen der Punkte, oder was. Ich weiß auch nicht, was passiert, wenn man seine Punkte nicht abgibt. Sie sagt es mir nicht.

Wenn das ein großer Haufen sein soll! Unser Hund kackt einen noch viel größeren Haufen. Der kackt so große Haufen, dass dein Schuh drin stecken bleibt.

Barbies können nicht heiraten. Die haben keine Mösen.

 

Kleinigkeiten (28)

Wann wird es denn endlich einmal wieder so, wie es nie gewesen ist? (Diese ewigen Gewissheiten gehen uns auf den Möglichkeitssinn.)

In der Öffentlichkeit soll man lachen, vor allem, wenn man sie in einer Gruppe betritt. Es gibt Kulturen, in denen man das von Kindheit an lernt. In einer deutschen Gruppe dagegen braucht man dazu, wo immer man auch ist, einen Spaß- oder Witzemacher. Man ist dankbar für ihn, so hat man einen Grund, in der Öffentlichkeit zu lachen. Kaum zu hause, hasst man ihn wieder.

Das ist das Interessante an unserer Zeit: Es wird alles immer egaler. Aber das Nicht-Egale wird noch nicht-egaler als sonst.

Es war das Schrecklichste und es war das Schönste, was man von ihnen sagen konnte: Sie waren zertrennlich.

Bücher? Diese kleinen Dinger, hinter denen sich Frauen in Intercity-Zügen verstecken, um nicht über die Männer mit ihren Laptops zu lachen.

Newsletter (1) zur Kuchensucher-Forschung

Über den post-situationistischen Lyriker Edgar P. Kuchensucher ist viel Unfug geschrieben worden. Man denke nur an Normaticks Aufsatz „Postsituationismus als literarische Mängellüge. Das Beispiel Kuchensucher“ oder an die Doktorarbeit eines gewissen Staatsministers, von der man nur ein Gutes sagen kann: Gefälscht kann solcher Humbug nicht sein. Wahr ist hingegen, dass der Post-Situationismus als „Bewegung zwischen den Bewegungen“ (Richard Romadur) in seiner Bedeutung insbesondere für die „Neue deutsche Abgeklärtheit“ und für die Gruppe „Frankfurter Coole“ noch gar nicht wirklich aufgearbeitet ist. Urteile werden da gefällt, während die Quellenlage nicht ansatzweise geklärt ist. So nimmt es auch nicht Wunder, dass ein Förderantrag des Marbacher Alternativen Literaturarchivs (MAL) mit dem Hinweis abgelehnt wurde, ein Herr Kuchensicher (sic!) sei im literarischen Kompetenzcenter der Bundesrepublik Deutschland nicht bekannt.

Unsere Publikation der „verschollenen Gedichte Kuchensuchers“ ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wie man so sagt. Wir sind uns der Begrenzungen unserer Bemühungen durchaus bewusst. Von dem Projekt einer textkritischen Gesamtausgabe sind wir leider weiter entfernt als je, auch der „Freundeskreis Kuchensucher“ und die bayerische „Kuchensucher-Gesellschaft“ können nur alles in ihren Kräften stehende tun, um das weitere Verschwinden des Werks des „einzigen deutschen post-situationistischen Lyrikers von internationalem Rang“ (Pnömelski) zu verhindern.

Wir setzen unsere Arbeit mit der Transskribierung eines Gedichtes fort, das in einer Cordhose des Dichters in einer stillgelegten Waschmaschine seines Dinkelsbüler Zwischen-Domizils aufgespürt wurde. (Ein Fund, wie man ihn selten macht.)

Die tragische Tippse

Eine kleine Tippmamsell
Tippte fleißig, gut und schnell
Mit einem Lächeln im Gesicht
Beschwerde? So was gab es nicht. Weiterlesen

Das Kapital am Arsch

„Auf uns sitzt die Welt“ erklären Katrin Hielle-Dahm und Philipp Dahm, Geschäftsführer und Eigentümer der Rohi Stoffe, im „Unternehmergespräch“ der F.A.Z. (8. April 2013).
Sie besitzen nämlich eine Firma, die Stoffe für Flugzeugsitze anbietet. Hahaha.

„Auf uns steht die Welt“, sagen die Teppich-Unternehmer. „Auf uns liegt die Welt“ sagen die Betten-Unternehmer. „Die Welt kann uns knicken“ sagen die Karton-Hersteller. „Die Welt kann uns lecken“ sagen die Eis-Hersteller. „Aus uns frisst die Welt“, sagen die Teller-Hersteller. „Und auf uns scheißt die Welt“, sagen die Toiletten-Hersteller. Vielleicht im nächsten F.A.Z.-„Unternehmergespräch“, wo man so schöne Sachen lesen kann wie: „Mit unserer geringen Fertigungstiefe können wir schnell auf Schwankungen reagieren“.

Und nun im Ernst:
Die Fertigungstiefe ist der Maßstab für das, was man im eigenen Betrieb herstellt. Die höchste Fertigungstiefe (100 Prozent) weist also eine Firma auf, in der alles selber hergestellt wird, die niedrigste (0 Prozent) eine Firma, die überhaupt nichts selber herstellt, sondern nur ein Produkt weitervertreibt. Je geringer die Fertigungstiefe, je mehr Outsourcing betrieben wird, desto virtueller werden die Waren. Investiert wird, sagen daher auch die Unternehmer Hielle-Dahm und Dahm, in Design und Produkte, eher weniger in Maschinen. Man kann sich vorstellen, was das bedeutet. Weiterlesen

Unchristliche Sonntagspredigten (1)

Das Paradies, und warum es verloren ging

Friedrich Schiller schreibt: „Alle Völker, die eine Geschichte haben, haben ein Paradies, einen Stand der Unschuld, ein goldenes Alter; ja jeder einzelne Mensch hat sein Paradies, sein goldenes Alter, dessen er sich, je nachdem er mehr oder weniger Poetisches in seiner Natur hat, mit mehr oder weniger Begeisterung erinnert“.[1] Die Existenz einer Paradies-Ahnung oder -Erinnerung bedingt zugleich Sehnsucht und Kränkung. Beides ist immer wieder aktualisierbar; wer oder was hat mich aus dem Paradies vertrieben? Warum nur, warum? Und gibt es Hoffnungen, dieses Paradies wieder zu erreichen?

Das Paradies ist eine der Sachen, um die der Kampf um eine Diskursfähigkeit geht. Wenn man die christliche Paradies-Erzählung einer Diskurs-Bearbeitung unterzieht, können Veränderungen und Verständigungen nur entstehen durch radikale Tabu-Brüche. Die „Schuld“ von Eva muss neu bewertet werden, das Verbrechen, für das die göttliche Strafe erging, die Funktion der Schlange oder, allgemeiner, „des Bösen“. (Und möglicherweise enthalten unsere Bilder, unsere Bilder-Geschichten, bereits andere Deutungsweisen als es der Text der Bibel tut.) Weiterlesen

Sprachen

Sprache 1: Der Mensch ist das Tier, das Sprache hat.

Sprache 2: Die Menschen in ihren Gruppierungen, Exklusionen und Inklusionen, sprechen verschiedene Sprachen.

Sprache 3: Es gibt Dinge, die zur Sprache gebracht werden müssen (auch wenn das nicht immer leicht ist, aus Gründen, die entweder in der Sprache oder in den Dingen, oder aber in der Macht dazwischen liegen).

Sprache 4: Achte auf deine Sprache (denn sie wird dich verraten).

Sprache 5: Die Sprache ist ein wildes Tier. Du wirst es nie ganz zähmen!

Sprache 6: Er/Sie machte sich die Sprache zum künstlerischen Instrument.

Sprache 7: Dies ist hier Amtssprache! Merken Sie sich das! Weiterlesen