WAS IST MERKELISMUS?

Skizzen zu einem postdemokratischen Herrschaftssystem

Das Herrschaftssystem des Merkelismus basiert auf einem Ineinander von Opportunismus und Dogmatismus; es geht um ständige Anpassungen bei gleichzeitiger unbeugsamer Zielrichtung. Die „marktkonforme Demokratie“ ist vorstellbar nur als eine Art des Kapitalismus, die mit stalinistischer Unbeirrbarkeit vorgeführt wird: Das System ist wichtiger als der Mensch, so wie auch Joachim Gaucks Idee von Freiheit eine Abstraktion ist, die jenseits des Menschen zu funktionieren scheint. (Was überhaupt an dieser protestantischen Pfarrerskultur auffällt, ist neben der käsigen Unsinnlichkeit: eine Unfähigkeit, den Menschen zu lieben.)

Er interessiert sich für die Freiheit, nicht für Menschen, die mit ihr zu kämpfen haben, so oder so. So gibt es eine Unbarmherzigkeit gegenüber jenen, die an der Freiheit der anderen (der Stärkeren) scheitern.

1. Die marktkonforme Demokratie ist die Super-Idee hinter dieser Politik.

2. Eine Form des Staatskapitalismus, der auch die Außenpolitik bestimmt und eine Nation aus dem Wettbewerb definiert.

3. Die Macht wird im Äußeren eher repräsentiert, im Inneren dagegen bekämpft. Merkels Feinde sind nie in den anderen Parteien zu finden, sondern immer in der eigenen.

4. Die Macht einer Nation kommt aus ihrem Exportüberschuss (eine der Übereinstimmungen zwischen Merkelismus und Merkantilismus). Eine Nation mit Exportüberschuss übersteht die Krisen besser und zwingt unbarmherzig die anderen Nationen mit allen Mitteln in dieser Position der Abhängigkeit zu bleiben.

5. Die Nationalisierung des Kapitalismus und die Kapitalisierung der Nation ist in der entsprechenden „soften“ Rhetorik stets mehrheitsfähig. Das merkelistische Staatssubjekt muss die bösen Seiten dieser Rhetorik gar nicht bedienen, sie muss sie nur zulassen und eine sanfte Offenheit ihnen gegenüber inszenieren.

6. Im Merkelismus herrscht das Prinzip des aggressiven Nicht-Handelns, das heißt in Situationen, in denen die meisten Fürsten sich zwischen der schlechten und der zweitschlechtesten Lösung entscheiden zu müssen glauben, hält sich der Merkelistische Fürst stets so lange zurück, bis er den Vorteil aus dem Nicht-Handeln als eigenes Handeln verkaufen kann.

7. Merkelismus, nicht nur im Fürsten selber, sondern in der gesamten Führungskrise, ist geprägt durch absolute soziale Blindheit. Der Fürst sieht von seinem Volk nur, was er sehen will, wendet aber dies gegen diejenigen, die sich aus dem einen oder anderen Grund nicht wohl fühlen wollen in dieser Wohlfühl-Nation.

8. Merkelismus enthält sich des Triumphalismus, Merkelismus wird zur wahren Herrschaft in Europa, tut aber so, als bemerke er es nicht, ja mehr noch: Der merkelistische Fürst reagiert beleidigt gegenüber allen, die seine Machtfülle auch nur bemerken. Wenn der Merkelismus gewinnt, tut er das ohne Lust.

9. Merkelismus ist ein Machtsystem, das nur unter einer „totalitären“ Regierung entwickelt werden konnte (der informelle Machtkampf, der sich als solcher nicht zu erkennen gibt) und nur in einer liberalen Gesellschaft so entfaltet werden kann.

10. Merkelismus erobert weder, noch unterwirft er; Merkelismus ist eine Herrschaftsform, die ihre Gegenstände durchsetzt und durchwirkt. (Angela Merkel mit Hitlerbart sagt rein gar nichts aus, außer der Hilflosigkeit der Wut gegen den Merkelismus.)

11. Merkelismus ist die Politik des marktkonformen Regierens, eines Regierens für den Markt und durch den Markt. Die ökonomische Hegemonialisierung wird politisiert und nationalisiert, und umgekehrt ist die ökonomische Hegemonialisierung das heimliche Staatsziel.

12. Merkelistische Macht benötigt mediale Hilfstruppen, die sie unsichtbar macht.

13. Merkelismus positioniert sich im Konflikt der beiden Kapitalismen (dem Kapitalismus, der gesellschaftlich, politisch, humanistisch und sozial „gezähmt“ werden soll, und dem Kapitalismus, den die Politik und Kultur einer Gesellschaft am liebsten ganz sich selbst überließe) am ehesten ad hoc, nämlich im Wettbewerb mit den anderen Kapitalismen wie dem autoritären (China) oder dem mafiosen (Russland).

14. Solange Merkelismus erfolgreich ist, kann er Reste der Sozialstaatlichkeit „seinem“ Volk gewähren, er nimmt aber sofort, wenn der Markt es erfordert, und er kann sich darin als gnadenloser Vollstrecker des Schröderismus gebaren.

15. Merkelismus reproduziert die oligarche Struktur der Postdemokratie insofern er zum Machterhalt Ausschließungskriterien erzeugt. Der Merkelismus stellt sich selber nicht zur Wahl. Sein Inhalt ist unsichtbar, seine „Entscheidungen“ sind „alternativlos“, seine Ideologie ist Unterhaltung.

Merkelismus, den Robert Misik sehr treffend „Fiskalsadismus“ nannte, funktioniert, weil die Mehrheit der deutschen Medien und wohl auch die Mehrheit der deutschen Menschen jene Strategie unterstützt, die sehend „Deutschlands Nachbarn in Armut und die Welt in eine globale Depression stürzt“, wie der eher unverdächtige britische New Statesman schrieb. Die faulen Griechen, die „Pleite-Griechen“ werden nicht nur von der Boulevardpresse und dem Leitmedium deutscher Niedertracht, der Bild, beschimpft und verhöhnt, Volk und Regierung sind sich auf eine innige Weise einig, wenn man den eigenen Vorteil gemeinsam zu verbrämen gedenkt.

Wie einst bei Maggie Thatcher ist das eigene Geld insofern „heilig“, als man es nicht den anderen geben will, und man verachtet alle, die es nicht haben. Merkelismus übernimmt auf diese Weise den Kult der „Deutschen Mark“.

Politisch gesehen ist der Merkelismus, oder „Merkelantismus“, wie Heiner Ganßmann das nennt, eine neue Abart des Merkantilismus: Diese Staatsidee des 18. Jahrhunderts ging davon aus, dass ein Staat so mächtig ist, wie seine Gesellschaft reich ist. Die Nation muss sich also auf Kosten anderer bereichern, und der beste Weg dazu ist der Export-Überschuss. Wenn die Nachbarstaaten gezwungen sind, mehr bei einem selber einzukaufen, als man bei ihnen kauft, wächst der Reichtum und damit die Macht einer Nation, und durch diese wiederum die Möglichkeiten, weiteren Reichtum anzuhäufen.

Die Nachteile des Merkantilismus waren vergleichsweise schnell erkannt. Ein Export-Wettbewerb der Nationen führt zum einen in den radikalen Ruin der Verlierer-Nation, zum anderen aber dazu, dass sich die Nationen gegenseitig in ihrer Entwicklung blockieren (eben dies, so scheint es, geschieht gegenwärtig in Europa); der Sieg im Merkantilismus ist also nichts weiter als ein Strohfeuer, das gleichwohl ungeheuer viel verbrannte Erde hinterlässt. Das zweite Problem des Merkantilismus besteht darin, dass der Reichtum der Nation sich nicht in ein gerechtes und erfülltes Leben der Menschen umsetzen lässt. Der Export-Überschuss Deutschlands dient dem Staat, dient der ökonomischen Oligarchie und kann allenfalls eine gewisse Pufferung der allgemeinen Verelendung einbauen (während er sie in den Nachbarstaaten beschleunigt). Der Auflösung der Gesellschaft im Inneren setzt der Merkantilismus so wenig entgegen wie der Merkelismus.

Das Geheimnis der Merkelistischen Politik liegt auf der Hand: Die Arbeit so entwerten, dass immer mehr davon notwendig wird, um ein Überleben zu sichern. Der Abbau aller Wohltaten für die Bürger, die nichts für den nationalen Reichtum bringen. Konsum und Besitz in den Händen des Mittelstands wird zurückgefahren. Im „religiösen“ Kern des Merkelismus lauert der neue Puritanismus: Sparen, Arbeiten, dem Markt dienen, das Alternativlose akzeptieren, den Export fördern, auch wenn er Krieg, Hunger, Umweltverschmutzung und schiere Unvernunft gleich mit exportiert. Oder anders gesagt: Die Schuldenkrise des Finanzkapitalismus wird nationalisiert (damit die Privatisierung des Profits nicht rückgängig gemacht oder auch nur gebremst werden muss). „Harte Sparmaßnahmen, gekoppelt mit Massenentlassungen und Rentnerarmut, Schuldenbremsen und Fiskalpaketen, sollen die Staatsfinanzen sanieren – in den ‚Problemländern’“, so beschreibt Heiner Ganßmann den „Merkelantismus“.[1] Aber damit nicht genug: Dazu gehört auch eine soziale Gleichgültigkeit, ein unbarmherziger Abschied merkantil unnützer Menschen und eine ausgeprägte Propagandamaschine, die den Merkelismus einerseits als Nationalismus light verkauft, andererseits als soziales Gewinnspiel: Wer Rücksicht auf seine Mitmenschen nehmen will, hat schon verloren.

Das scheinbar Widersprüchliche am Merkelismus ist, dass er zugleich Europa braucht, nämlich als eben das Exportfeld, von dem aus auch andere Märkte zu „erobern“ sind, und dass er zugleich gnadenlos andere Mitglieder dieses Europas bis an den Rand von Zusammenbruch und Bürgerkrieg treibt. Aber vielleicht ist das ja gar kein Widerspruch. Denn der einzige Ausweg aus dieser neuen Falle (die sich als Ausweg aus der Schuldenfalle maskiert) ist eine Verdeutschung Europas. Und damit ist nicht allein eine deutsche Hegemonie gemeint, die längst schon (und natürlich: oft genug extrem vereinfachend) von den Widerstandskräften gegen die Merkelisierung der Welt beklagt wird, sondern eine Übernahme des neo-merkantilen Staatsmodells.

Die Macht der neo-merkantilen Allianz wächst dabei ins Unermessliche. Und zugleich die Ohnmacht der Völker. Wiederum scheint auf der sozialdemokratischen Seite aus der doppelten Falle – Schuldenfalle und Neo-Merkantilismus – nur ein Ausweg möglich. Man müsse das „eiserne Sparen“ auf irgendeine Weise sozial verträglicher machen (sonst wächst die Gefahr, dass aus den Wirtschaftskrisen noch ganz andere Konflikte entstehen, bis hin zu Kriegen zumindest aber dazu, dass sich Staaten in den erzwungenen Situationen ganz einfach keine Demokratie mehr leisten können), und die einzige Möglichkeit dazu wäre, nun? Genau: Wachstum, Wachstum, Wachstum. Die nächste Falle, mit anderen Worten.

Der Kampf um den Exportüberschuss ist immer der Kampf gegen die Arbeit. Die Produktivität muss gesteigert und die Lohnkosten müssen gesenkt werden. Die „Linke“ des Merkelismus setzt ein wenig mehr auf die Steigerung der Produktivität (Bildung, Wissenschaft, soziale Motivation), die Rechte mehr auf Senkung der Lohnkosten (wenn es sein muss mit Gewalt: Vorwärts ins 18. Jahrhundert!). So ist eigentlich jetzt schon klar, was die Zukunft bringen wird: Merkelismus, der auf den „rechten“ Koalitionspartner FDP verzichtet und den „linken“ Koalitionspartner der post-schröderistischen (und von Steinbrück vollends verblödeten) Sozialdemokratie verwendet, um den Neo-Merkantilismus zu perfektionieren.

Der Neo-Merkantilismus muss die südlichen „Problemländer“ nicht nur ökonomisch und politisch, sondern auch kulturell zurückstufen (dafür sorgen in Deutschland die Medien der Niedertracht). Denn der Merkantilismus kann nur gewinnen, wenn es Staaten, Regionen, Volkswirtschaften gibt, die in ihm chancenlos sind. Man will also Länder wie Spanien, Griechenland und Italien gar nicht „sanieren“, sondern in einen Zustand vollständiger Abhängigkeit und Handlungsunfähigkeit bringen.

Aber wie können andere Länder überhaupt mit dem Exportüberschuss des merkelistischen Deutschlands leben? Im europäischen Markt können sie ja weder ihre eigene Währung noch ihren eigenen Markt schützen, im Gegenteil, dieses Europa dient immer den stärksten Wirtschaften. Ganz einfach: Sie müssen sich beim Überschuss-Land verschulden, so oder so.

Warum aber besteht überhaupt ein solcher Bedarf an deutschen Waren? Dazu gibt es, neben vielen politischen und ökonomischen auch eine „kulturelle“ Antwort. Auch in dem Land, das vom Neo-Merkantilismus in den Ruin getrieben wird, gibt es eine Oligarchen-Klasse, die ungeheure Profite einfährt, und so rasch sich weiter bereichert wie das Volk verelendet. Diese Klasse, und ihre mittelständische Entourage, die von dem Gedanken besessen ist, mit ihr überleben zu können, kann sich kaum mit einheimischen Waren, insbesondere jenen, die Prestige- und Symbolwert aufweisen, schmücken; mit der deutschen Marke schreibt man sich stattdessen gleichsam in die Erfolgsgeschichte des Merkelismus ein. Mit dem BMW fährt man dem Untergang der eigenen Volkswirtschaft davon.

Die Abhängigkeit einer Verlierer-Volkswirtschaft gegenüber einer Gewinner-Volkswirtschaft im Neo-Merkantilismus/Merkelismus beruht also auch auf diesem Weg in der Komplizenschaft der ökonomischen Oligarchien und ihrer kleinbürgerlichen Entouragen (einschließlich der Medien- und Propaganda-Maschinisten).

Die Entwertung der Arbeit in den Verlierer-Volkswirtschaften vollzieht sich mit einer rasenden Geschwindigkeit. Nicht nur die steigenden Arbeitslosenzahlen gehören dazu, sondern auch die auf diese Weise erzeugte Unfähigkeit zur Produktivität. Seit Italien, zum Beispiel, in die Falle von Schulden und Merkelismus geraten ist, verlor das Land bis zu vierzig Prozent seiner akademischen Intelligenz; am Ende wird bis zur Hälfte jener Schicht, die allein das Land aus der wirtschaftlichen und sozialen Krise heraus führen könnte, als „neue Emigranten“ im Ausland arbeiten, und zwar in den Gewinnerländern, um dort die Produktivität zu steigern und die Lohnkosten zu drücken.

Nun handelt es sich freilich nicht allein um Waren, um Arbeitskraft oder um technologische Know How, die im Neo-Merkantilismus einem mehr oder weniger gewaltsamen drain unterzogen sind, sondern auch das Kapital selber wird zu einer auch politisch fließenden Ware (zum „Kapitalexport“). Der rechte Arm des Merkelismus zieht also von den Verlierer-Ländern Marktmacht und Arbeitskraft ab, der linke indes pumpt Kapital in das Land („Wachstum!“), durch das es sich weiter verschuldet.

Die Problemländer in Europa sind also nicht „in einer Krise“ durch den Merkelismus, sondern sie sind dauerhaft am Boden. Sie werden als Volkswirtschaften künstlich am Leben erhalten (damit die Kreisläufe des Kapitals sicher gestellt werden), politisch handlungsunfähig gemacht und gesellschaftlich „verslumt“. Gibt es Gegenwehr, reagieren die neo-merkantilen Staaten und ihre Vasallen mit einer Gewalt, deren man eine „demokratische“ Regierung bis gestern nicht für fähig gehalten hätte.

Merkelismus ist eine besondere – und eine besonders rabiate – Form des Neo-Merkantilismus; er ist gleichwohl auch eine der am besten maskierten. Die soziale Unbarmherzigkeit und die Gewaltbereitschaft verbirgt sich hinter jovialen Sprüchen und Versprechungen gegenüber der eigenen Bevölkerung (welche von den Medien der Niedertracht zugleich gegen die Bevölkerung der Verlierer-Staaten aufgebracht wird). Wenn Herr Steinbrück meint, in Italien hätte diese Bevölkerung nur „Clowns“ gewählt, so dürfen wir zurückfragen, welche Funktion die deutschen Spitzenpolitiker einnehmen, möglicherweise die von Regulars einer sehr bigotten, sehr verlogenen Seifenoper.

Merkelismus wird derzeit ganz offensichtlich von einer großen Mehrheit des deutschen Volkes mitgetragen, und einer Mehrheit innerhalb dieser Mehrheit kann er gar nicht brutal genug sein (während eine Minderheit ihn doch gerne mit einem etwas menschlicherem Gesicht sehen würde).

So hat die Kritik zwei Aufgaben: Den Merkelismus zu verstehen, und die Blödmaschinen, die ihn verkaufen. Im Übrigen gibt es derzeit keine explizit und diskursiv anti-merkelistische politische Kraft in der deutschen Demokratie.

Georg Seeßlen

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[1] Heiner Ganßmann: Merkelantismus. In: Le Monde diplomatique. September 2012

12 Gedanken zu „WAS IST MERKELISMUS?

  1. Was für eine lesenswerte Beschreibung des postdemokratischen Herrschaftssystem, dem unerträglichen Merkellismus. Chapeau!

  2. Das ist eine sehr treffende, wenn auch deprimierende, Zusammenfassung des „Systems Merkel“. Man kann die damit vorgezeichnete Entwicklung Europas nicht anders fortschreiben als in einem zu erwartenden Aufflammen von Bürgerkriegen in den am stärksten von Verelendung betroffenen Ländern, in denen weite Teile der jugendlichen (und nicht verdummten) Bevölkerung bald nichts mehr zu verlieren haben und dies auch begreifen werden.

    Wie konnte es so weit kommen?

  3. Wurde durch die NDS auf diesen Beitrag aufmerksam gemacht. Vielen Dank für diese sehr akkurate Beschreibung und Analyse. Es stimmt einfach alles. Leider sehen immer noch so viele in diesem Land nicht, dass es so ist, wie Sie beschreiben.
    Werde den Link verbreiten!

  4. Danke, dass Sie dem System Merkel die Maske runtergerissen haben. Ich habe lange gerätselt, wofür diese Frau steht, jetzt weiß ich es.

  5. Danke! Mit Beiträgen wie diesen, weiß ich, dass man nichtalleine ist. Ich hätte mir so gewünscht, dass die Atak-Bewegung mehr bewirken könnte, als nur von den Mainstream Medien diskreditiert und diffamiert zu werden.

  6. @LaGioconda
    Ich hatte nie den Eindruck, dass die Politik, die Frau Merkel ins Werk setzt, ihre eigene Idee ist. Sie verkauft diese sehr brutale und unmenschliche Politik nur auf sehr merkelische, auf sehr unbrutale Weise. Natürlich harmoniert das alles mit dem evangelischen Leistungs- und Arbeitsethos, Frau Merkel hat mir in der brandheißen Krisenzeit aber nie den Eindruck gemacht, als wäre sie nicht sehr auf ihre Ratgeber aus Ministerien und Banken angewiesen.

    Es wird wohl so ausgehen, dass irgendwann offensichtlich wird, dass sich die Südländer mit Sparen nicht mehr erholen werden.

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  8. @ maguscarolus – Wie es dazu kommen konnte?

    Die überzeugendste Antwort darauf habe ich vor Jahren in einem Artikel des greisen britischen Soziologen Michael Young gefunden: Down with Meritocracy (http://www.guardian.co.uk/politics/2001/jun/29/comment) Darin zeigt er, dass die frühen Labour-Regierungen aus Leuten bestanden, die in ihrem Milieu sozialisiert waren, während Blair und Konsorten aus Eton, Oxbridge etc. hervorgegangen sind, wo sie gelernt haben, sich mit den Eliten und ihrer Lebens- und Weltauffassung und natürlich mit dem Neoliberalismus zu identifizieren.

    In Deutschland findet sich mit Schröder, einem Arbeiterkind, der nichts lieber wäre als ein Manager und sich mit Häme über Arbeitsunwillige profiliert, ein Paradebeispiel. Aber im Grunde will keiner in der SPD noch etwas mit einfachen Leuten zu tun haben. Alle streben in die Wirtschaft, genauer: zum Geld. Es gibt in ganz Europa und wohl auch sonst kaum noch eine Linke ohne elitäre Sozialisation. (Schon gar nicht in Frankreich.)
    Und der aktuelle ZEIT-Artikel, der Steinbrücks Fehler im Wahlkampf auf die Harvard-Erfahrung seines Teams zurückführt, deutet in dieselbe Richtung. Wie sollen Menschen, die so erzogen wurden, „normale“ Menschen auch nur wahrnehmen?

    Es ist schmerzhaft aber notwendig, zu verstehen, dass Bildung eine Gesellschaft nicht homogenisiert, weil Leute aus einfachen Verhältnissen auf einmal die bürgerliche Bildung verstehen – gleichzeitig aber mit ihrer sozialen Herkunft verbunden wären. Diese Erwartung findet sich z.B. noch in Ulrich Becks Risikogesellschaft aus den 80ern. Nein, diese soziale Herkunft versucht man loszuwerden.
    Belastbare soziologische Daten dafür gibt es z.B. für die Partnerwahl der Frauen. Es gibt zwar seit dem Nachkrieg nirgends eine nennenswerte soziale Aufwärts-Mobilität (unstreitig, siehe Michael Hartmann), aber eine Seitwärts-Mobilität durch Bildung. Einzig für die Frauen haben sich Aufstiegschancen ergeben, weil sie jetzt nicht mehr als Krankenschwester den Chef heiraten müssen, sondern selbst Karriere machen können. Wenn sie dann aber z.B. online einen Partner suchen, dann klicken sie die Männer aus ihrem eigenen Herkunftsmilieu gar nicht erst an.

    Hinter der Entsolidarisierung durch Bildung – und das führt zurück zu Michael Young – steckt eine Art Sozialrassismus, den Young schon vor einem halben Jahrhundert „Meritokratie“ getauft hat. (Das Wort stammt von ihm.) Es ist die Leistungsideologie, die an die Stelle des Gottesgnadentums und der Stände getreten ist. Die Privilegien bleiben zwar im Wesentlichen erhalten (keine soziale Mobilität), aber das funktioniert jetzt (wie Bourdieu gezeigt hat) über die Umwandlung von finanziellem in kulturelles Kapital.
    Die Manager-Kaste definiert ihre Führungskompetenz über ihre Bildung. Der ganze Neo-Liberalismus will sich über „Leistung“ definieren.
    Indem jedoch die Karriere nicht mit Stand sondern mit Bildungsleistung (Noten) begründet wird – wobei natürlich der Startvorteil der Privilegierten heruntergespielt und die Bewerber aus unteren Schichten möglichst auf die öffentlichen Einrichtungen mit geringerem Prestige abgedrängt werden – liegt der rassistische Schluss auf die Überlegenheit der eigenen Anlagen nahe.
    (Über die Ungleichheit, sogar den Anti-Semitismus und Sozial-Rassismus der Ivy-League-Universitäten gibt es inzwischen schon mehrere große Studien, z.B. Jerome Karabels The Chosen.)
    Doch anstatt von „minderwertigem Menschen-Material“ zu sprechen (das überlässt Sarrazin und ähnlich geschmacklosen Leuten) beruft man sich auf „Leistung“. Die gesamte maligne Psychologie der Personalführung und Personal-Entwicklung basiert auf dem festen Vorsatz der Ausbeutung humaner Ressourcen, der Aufdeckung von Potential. Von hier aus ist es nicht weit zum altmodischen Rassismus: Was soll ein Mensch, dessen „Potential“ nicht auszumachen und auszubeuten ist, schon anderes sein als „minderwertiges Menschen-Material“. Aber das spricht man nicht aus. Das Grobe überlässt eben man den Geschmacklosen oder Opportunisten wie Westerwelle, Sarrazin, Schröder oder Bernhard Bueb und Provokations-Profis wie Sloterdijk.

    Nach genau diesem Muster vollzieht sich auch die Entsolidarisierung mit den südeuropäischen Krisenländern. Die Deutschen waren nicht die einzigen Rassisten auf der Welt. Hinter dem Neo-Liberalismus kann man eine Umwandlung des alten Rassismus in ein elitäres Leistungsdenken – eben der Meritokratie – verfolgen. Dass das in seinen vulgären Formen wie bei Bush wieder in offen oligarchische Strukturen zurückführt und in die feudale, narzisstische Gier der Managerkaste, war offen zu sehen.
    Aber der Weg dorthin ist gebahnt durch die bildungsbasierte Entsolidarisierung und die Angst, zu den Losern gezählt zu werden.
    Loser braucht man aber unbedingt, weil man sich nur auf deren Kosten ins rechte Licht setzen kann. Und diese Mentalität spiegelt sich wiederum im Merkelismus der Herrschaft qua Außenhandelsbilanz.

  9. Lieber Herr Seesslen
    ich kann nicht genau sagen, wo fuer mich in ihrem Artikel ein Schmerz steckt.
    Darin, dass in der Antwort auf die Frage, was Merkelismus ist, auch gleich noch enthalten ist, dass die Aussichten, dass etwas Anderes kommen koennte, gering sind?
    Darin, dass die Beschreibung sich selbst als folgenlos, wirkungslos, machtlos hinstellt?
    Darin, dass das System, dessen Absichten analysiert werden, in manchen Dingen vielleicht sogar ohne Absicht agiert, so wie ein Unwetter ja auch keine zerstörerischen Absichten hegt?
    Oder darin, dass Sie sich dafuer zu schaemen scheinen, dass Deutschlands mit dem Export von Waren auch zugleich eine Weltanschauung exportiert, die auf ein Deutschland Deutschland ueber alles und Zerstoerung der Wirtschaft von Nachbarlaendern hinaus laeuft, weil anscheinend sechzig Jahre nach dem verlorenen Krieg keine bessere Idee fuer die Sicherung des eigenen Ueberlebens entwickelt werden kann als die, dass fuer das eigene Ueberleben dann eben die anderen Laendern untergehen sollen?
    Diesen Schmerz benennt heute doch kaum noch einer. Es ist ja auch kein Spass. Aber immerhin ein Anfang.

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  11. Besten Dank für die Analyse.
    Sie sagt das aus was ich fühle und so nicht beschreiben kann.
    Das unfassbare an der Sache ist unsere Machtlosigkeit dieser Frau gegenüber.
    Es wird lange dauern bis Deutschland erwacht, leider zu lange.

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