Sprichwörtliches

Winzigkeiten 

  • Gott würfelt nicht. Sie pokert.
  • Wohin des Wegs, du goldener Keks? (Bahlsen für die Seele!
  • Die Wende, die hält –  bis ans Ende der Welt.
  • Gewisse Politiker lügen sich in die eigene Tasche. Man hört es deutlich klimpern.
  • Wer zahlt, schafft an. Ja, es gilt aber auch: Wer anschafft, braucht nicht einmal mehr zu zahlen. (Soviel zu Marktwirtschaft und Politik.)
  • Vor unseren Gerichten wird nun weiter „gedealt“. Sollte unser Verbraucherministerium nicht darauf dringen, dass man Preislisten für Urteile veröffentlicht, die zustande kommen, weil für einen Unschuldigen eine kleine Verurteilung immer noch besser ist als eine große? Oder wäre das schon nicht mehr marktkonform?
  • Empörung eines Bankangestellten: Was wollt ihr denn? Mir geht’s doch gut.
  • Europa: Ein mehrfach gespaltenes Haar. Es gibt Nationen, die durch eine gemeinsame Sprache getrennt sind. Die europäischen Nationen sind durch eine gemeinsame Währung getrennt. Der Euro als Maßeinheit für den Hass, den wir untereinander verspüren. Bevor wir merken, dass wir allesamt Opfer der selben Gangster sind.
  • Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Aber die Schwalbe, die den Sommer nicht machte, war die schönste von allen.

Dreizehn Regeln für das Schreiben eines erfolgreichen Sachbuches

  1. Schreiben Sie nie über ein unangenehmes Thema, es sei denn Sie haben a) eine Patentlösung und b) einen Sündenbock anzubieten.
  2. Machen Sie das Komplizierte einfach, und drücken sie das Banale möglichst kompliziert aus, so haben die Leserin und der Leser immer das Gefühl a) alles verstanden zu haben und b) ganz schön schlau zu sein.
  3. Steuern Sie zielstrebig auf Sätze zu, die man auf jeder Party und bei jedem Geschäftsessen zitieren kann.
  4. Versuchen Sie niemals, Ihre Leser als autonome Gegenüber ernst zu nehmen. Nehmen Sie sie stattdessen gütig an die Hand. Entwickeln Sie ein vertrautes Verhältnis, streuen Sie doch einmal eine persönliche Anekdote ein, gestehen Sie eine kleine Schwäche, machen Sie sich die Leser zu Komplizen: Wir sind die Schlauen und Guten; die anderen sind die Dummen und Bösen.
  5. Schätzen Sie den Intelligenzquotienten ihrer Leser so niedrig als möglich ein. Dann halbieren Sie diesen Quotienten noch einmal. Verwenden Sie den alten Trick des Populismus: Die Gegner tun ja so furchtbar schlau, wir dagegen halten es mit den einfachen Wahrheiten. Denken Sie immer daran: Bevor Ihr Buch Leser finden kann, muss es Rezensenten finden. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (21)

Wer mit vielen, vielen bunten Bildchen, Info-Leisten oder Zita-Kästchen protzen will, der muss eben woanders sparen. Natürlich am Umfang und an der intellektuellen Qualität der Texte, ist ja klar. Sparen kann man aber auch an redaktionellen Sorgfalt, ach was, an schierer Präsenz einer solchen Instanz. (Vor kurzem hörte ich, dass über die Programme etlicher großer deutscher Verlage keine Lektorate, sondern Marketingabteilungen das letzte Wort haben.)

In einem Bericht über Luc Besson, Robert De Niro und die Mafia liest sich folgender Satz im film-dienst Nr. 6/2013.

„Doch dann wird der Ex-Gangster provoziert, und alten Gewohnheiten brechen wieder durch, was schon bald für reichlich Trubel im beschaulichen französischen Städtchen führt“.

Was brauchen wir Sprache, wenn doch jetzt sogar die TV-Beilage des film-dienst Bilder in Farbe hat.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Das ist keine Kritik am geschätzten Kollegen Nagel. Schlampereien und Schwurbeligkeiten unterlaufen uns allen (und zwar um so mehr, als man gern Termin- und Produktionsdruck an uns weitergibt: von Filmkritiken kann doch nun wahrlich niemand mehr leben, drum muss man sich dafür knappe Zeit zwischen den Broterwerbstätigkeiten freischaufeln). Vielmehr geht es darum, dass eine Redaktion irgendwo vielleicht doch noch zu was anderem da ist, als zum Aufpimpen, Anfixen und Merchandising… Und so verspielt man die Hoffnung, Print-Medien könnten noch ein bisschen sprachmächtiger oder wenigstens sprachbedächtiger sein als das viel gescholtene Ey. Guckse ma Schnidd-Fähler in Tranzporter-Film, LOL-Deutsch im Internet. Weiterlesen

WAS IST MERKELISMUS?

Skizzen zu einem postdemokratischen Herrschaftssystem

Das Herrschaftssystem des Merkelismus basiert auf einem Ineinander von Opportunismus und Dogmatismus; es geht um ständige Anpassungen bei gleichzeitiger unbeugsamer Zielrichtung. Die „marktkonforme Demokratie“ ist vorstellbar nur als eine Art des Kapitalismus, die mit stalinistischer Unbeirrbarkeit vorgeführt wird: Das System ist wichtiger als der Mensch, so wie auch Joachim Gaucks Idee von Freiheit eine Abstraktion ist, die jenseits des Menschen zu funktionieren scheint. (Was überhaupt an dieser protestantischen Pfarrerskultur auffällt, ist neben der käsigen Unsinnlichkeit: eine Unfähigkeit, den Menschen zu lieben.)

Er interessiert sich für die Freiheit, nicht für Menschen, die mit ihr zu kämpfen haben, so oder so. So gibt es eine Unbarmherzigkeit gegenüber jenen, die an der Freiheit der anderen (der Stärkeren) scheitern.

1. Die marktkonforme Demokratie ist die Super-Idee hinter dieser Politik.

2. Eine Form des Staatskapitalismus, der auch die Außenpolitik bestimmt und eine Nation aus dem Wettbewerb definiert.

3. Die Macht wird im Äußeren eher repräsentiert, im Inneren dagegen bekämpft. Merkels Feinde sind nie in den anderen Parteien zu finden, sondern immer in der eigenen.

4. Die Macht einer Nation kommt aus ihrem Exportüberschuss (eine der Übereinstimmungen zwischen Merkelismus und Merkantilismus). Eine Nation mit Exportüberschuss übersteht die Krisen besser und zwingt unbarmherzig die anderen Nationen mit allen Mitteln in dieser Position der Abhängigkeit zu bleiben.

5. Die Nationalisierung des Kapitalismus und die Kapitalisierung der Nation ist in der entsprechenden „soften“ Rhetorik stets mehrheitsfähig. Das merkelistische Staatssubjekt muss die bösen Seiten dieser Rhetorik gar nicht bedienen, sie muss sie nur zulassen und eine sanfte Offenheit ihnen gegenüber inszenieren.

6. Im Merkelismus herrscht das Prinzip des aggressiven Nicht-Handelns, das heißt in Situationen, in denen die meisten Fürsten sich zwischen der schlechten und der zweitschlechtesten Lösung entscheiden zu müssen glauben, hält sich der Merkelistische Fürst stets so lange zurück, bis er den Vorteil aus dem Nicht-Handeln als eigenes Handeln verkaufen kann. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (20)

Ein F.A.Z.-Artikel, selbst wenn er in der Rubrik „Natur und Wissenschaft“ erscheint, wie der von Joachim Müller-Jung („Kreativität ist die neue Intelligenz“, Print-Ausgabe vom 30. Januar 2013), ist weder eine Doktorarbeit noch für die Ewigkeit geschrieben. Kleine Fehler sollte man daher verzeihen, große im allgemeinen auch; es gibt wichtigeres zu tun. Allerdings ist es schon ärgerlich, wenn man durch schiere Schlampigkeit einigermaßen in die Wüste geschickt wird. Genauer gesagt, das bringt einen ins Grübeln.

So erzählt der Autor von einem gewissen Joy Gilbert, seines Zeichens Psychologe, der seinerzeit, im Jahr 1950, in einem „wegweisenden Vortrag“ das „divergente Denken“ und damit die Kreativität – im Gegensatz zur Intelligenz – definiert habe (nämlich als Unterschied zwischen „eingleisig schlussfolgerndem Denken“ und „mehrgleisigem Denken“). Dieser Gilbert also habe „eine bis heute gültige Definition von Kreativität“ geschaffen.

Komisch, dass einem ein Psychologe namens Joy Gilbert bislang noch nie begegnet ist. Und noch komischer, dass auch intensive Recherchen nicht recht weiter bringen. Weiterlesen

Skizzen zum Post-Menschen

Die meisten Dinge, die sich radikal geändert haben, galten einst als fundamental unveränderbar.

 

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Die Ray Kurzweils dieser Welt behaupten, dass wir nur noch ein paar Jahre, maximal Jahrzehnte von einer dritten Schöpfung, der Schöpfung des Postmenschen, des Nachmenschen, sicher auch: des Übermenschen entfernt sind. Er ist wissenschaftlich neu erschaffen, tendentiell unsterblich, jedenfalls nicht den klassischen Prozessen von Alterung, Tod und Krankheit unterworfen, er ist inkludierend, insofern er permanent neue mechanische, digitale und medizinische Neuentwicklungen in seinen polyformen Körper aufnehmen kann, und er ist exkludierend, insofern er eine gegen die Gefahren der Umwelt nahezu perfekt gepanzerte Entität bildet. Das posthumane Wesen hat neue Schnittstellen zu den Maschinen und zu einander. Sexualität zwischen Menschen und Robotern zum Beispiel, was die Phantasie aktueller SF-Autoren und Wissenschaftsjournalisten beflügelt

Auf eine solche Gedankenblase kann man auf drei Arten reagieren. Erstens: Man kann es als neueste Spinnerei aus der technizistischen Pop-Kultur abtun und sich drängenderen Problemen wie, sagen wir der gerechten Verteilung von Nahrung und Energie auf der Welt widmen. Weiterlesen