Feb 01 2013

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (18)

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Die Griechen sind faul? Na, der deutsche Arbeitnehmer und die deutsche Arbeitnehmerin sind aber auch nicht schlecht, wie man dem Wirtschaftsteil der F.A.Z. unschwer entnehmen kann. „Etwa jeder zweite Deutsche geht früher in den Ruhestand als es nötig wäre“. Damit entziehen er oder sie völlig unbotmäßig dem Unternehmen Arbeitskraft, das ist skandalös, die könnten sich ohne weiteres noch an ihren Arbeitsplatz schleppen. „Scheinbar könnten es sich viele Ältere leisten, früher in Rente zu gehen“, zitiert die Zeitung die Bundesarbeitsministerin von der Leyen. Was sagt uns das? Erstens. Entweder kennt die Bundesarbeitsministerin oder die Zeitung, hinter der irgendwann mal kluge Köpfe gesteckt haben sollen, den Unterschied zwischen anscheinend und scheinbar nicht, oder aber dahinter steckt statt eines klugen ein niederträchtiger Kopf, der Rentner zu Scheinrentnern machen möchte. Zweitens. Denen geht es ja immer noch viel zu gut. Und dann wird auch noch ein besonders kluger Kopf zitiert, nämlich ein Ökonom mit Namen Bernd Raffelhüschen: „Viele nehmen die finanziellen Nachteile hin, weil sie geerbt haben“.

Und jetzt aber ab nach Teneriffa und die soziale Hängematte aufgestellt! Immerhin müssen Ministerin und Ex-Wirtschaftsweiser Bernd Rürop zugestehen, dass es keine wissenschaftliche Untersuchungen darüber gebe, aber man ist sich schon mal sicher: „Der Tenor vieler auf Mitleid abzielenden Berichte ist daher fragwürdig“. Mitleid mit diesen kaputtgearbeiteten Faulpelz-Erben? Wo kämen wir denn da hin.

Und überhaupt, am schlimmsten sind ja wieder mal die Frauen, vor allem wenn Rentnerin und Rentner ihre Renten zusammenwerfen: „Da der Mann in diesen Ehen oft der Hauptverdiener ist, hören die Frauen dann mit auf, weil sie gemeinsam den Ruhestand genießen wollen“.

Aber in Wirklichkeit sind diese alten Genießer ja doch nicht die Mehrheit des tüchtigen deutschen Volkes. „Seit 2000 ist das tatsächliche Renteneintrittsalter von von 62,3 auf 63,5 Jahre gestiegen“.

Und dann blättern wir um, und jetzt sind wir aber ganz beruhigt: „Staatsdienst soll sich mehr auszahlen“, prangt da die Überschrift, und wir erfahren: „Union und FDP wollen Beamten nach einem Wechsel in die Wirtschaft ihre Pensionsansprüche erhalten“.

Und warum soll das für diese sympathischen Leistungsträger geschehen? Ist doch klar, um eine geschmeidige Beziehung zwischen Staat und Wirtschaft zu erhalten, da darf man nicht so knauserig sein wie bei Rentnern, die eine Kücheneinrichtung geerbt haben. Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion Stefan Ruppert sagt seiner Zeitung: „Mehr Erfahrungsaustausch zwischen öffentlichem Dienst und Privatwirtschaft bringt beiden Seiten Vorteile: Der Staat kann stärker von externem Wissen profitieren, und Unternehmen erzielen einen Vorteil, indem der Wechsel in die Wirtschaft erst ermöglicht wird“.

Und deswegen darf man den einen ihre Rente nicht wegnehmen, wenn sie in die Wirtschaft gehen, und den anderen muss man ihren absurden Anspruch, das Leben noch ein bisschen zu genießen, auch dann nicht gönnen, wenn sie freiwillig auf einen Teil davon verzichten.

Lest Zeitungen, so lange es sie noch gibt.

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