Dez 16 2012

Kleinigkeiten (25)

Veröffentlicht von unter Denken,Gesellschaft.

Das Projekt der Linken, wie immer sich diese selber definiert, ist nach wie vor in einer einfachen Aussage zusammenzufassen: Die Befreiung der Menschen von ungerechter, unterdrückender und ausbeuterischer Macht. Die Veränderung dieser Macht bzw. dieser Mächte verändert auch die Linke. Die Ungerechtigkeit, die Unterdrückung und die Ausbeutung sind vergleichbar konstant (da der Mensch als Objekt einigermaßen konstant bleibt und nicht, zum Beispiel, auf einmal fliegen oder gar mit einem Schlag „gut“ geworden sein kann); die Nutznießer von Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung wechseln Form und Methodik. Was man von der Macht sagen kann, bevor man ins einzelne geht: Die Macht ist immer auf der Höhe der Zeit. (Oder sie verschwindet.)

Daher hat Byung-chul Han natürlich vollkommen recht, wenn er sagt, die Macht sei beinahe perfekt, wenn sie gar nicht mehr bemerkt werde, und umgekehrt sei die Gewalt noch stets ein Anzeichen der Schwäche, nicht der Stärke der Macht. Die Macht ist demnach am perfektesten, die den Menschen ausbeutet, weil er ausgebeutet werden will, und die ungerecht ist, weil seine Adressaten Ungerechtigkeiten wollen, und  die unterdrückt, weil die Unterdrückten Geschmack an der Unterdrückung haben.

Wie kann man gegen die Ausbeutung eines Menschen sein, der ausgebeutet werden will (weil, zum Beispiel, die Ausbeutung Teil seines Weltbildes ist, seiner Ordnung, seiner religiösen Gewissheit, oder weil er die eigene Ausbeutung als ersten Schritt in einer Prozess-Kette sieht, in der er selber zum Ausbeuter werden darf)? Wie kann man eine Gerechtigkeit fordern, die denen, denen sie verwehrt wurde, als abscheulich, langweilig oder hinderlich erscheint? Es scheint ein leichtes, dem und der Linken einen Widerspruch zur Freiheit zu unterstellen. Wenn es ein Gutes war, was die Linke einmal gewollt haben mag, so wird sie, mindestens, zum Schlechten, im Zweifelsfall zum Bösen, wenn man Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Unterdrücker gegen den Willen der Betroffenen abschaffen wollte. Oder gar mit Gewalt.

Bliebe also nur: Aufklärung. Reflexion. Kritik. Aber wiederholt sich da nicht alles nur auf einer höheren theoretischen Ebene?  Als Anmaßung, als die berüchtigte „linke Besserwisserei“. Nun, so wie sich die Demokratie aufklären lassen muss (und bei Gott, sie hat es nötig), so muss sich auch die Aufklärung demokratisieren.

Noch so ein etwas steinerner Satz, der den Linken zugeschrieben wird: Die Verhältnisse ändern sich, wenn die unten nicht mehr wollen und die oben nicht mehr können. Moderne Macht mithin besteht darin, zu verhindern, dass die unten nicht mehr wollen können, und sie besteht darin, zu verhindern, dass es oben ein nicht mehr können gibt. Letzteres wurde durch „Liberalität“ möglich, eine herrschende Klasse, die so dynamisch und anti-dynastisch wirkt, dass beständig neues Können integriert, das Nicht-mehr-Können der Alten entsorgt wird.

Allerdings scheint es mit dem Siegeszug des „Turbokapitalismus“ in den letzten Jahrzehnten einen Wandel in der Klasse der ökonomisch und politisch Herrschenden zu geben. Man beschreibt das Entstehen einer neuen „Elite“ (was natürlich im ursprünglichen Sinne absurd ist, so lange man das Wort als Ableitung des Lateinischen Electus, also ausgelesen oder ausgewählt, versteht), die sich immer unangreifbarer und entrückter macht. Diese neue Elite spielt, wie man so sagt, ihr eigenes Spiel, und sie verliert nach und nach die Kraft zur Erneuerung.

In der Zeit der Krisen mag das „unten“ sogar noch als Stabilität erscheinen und Zustimmung erhalten. Doch vernehmen wir da ein fernes Gelächter aus den höheren Etagen?

Es ist immerhin erstaunlich, wie schnell die „neuen Eliten“ bereit sind, die „falschen“ Mittel der Macht anzuwenden: Gewalt, Betrug und Ignoranz. Die Geschmeidigkeit der Macht in der Demokratie funktionierte, weil die Distanz zwischen den Herrschern und den Beherrschten minimiert wurde, real und noch mehr symbolisch. Wächst die Distanz zwischen der Macht und ihren Adressaten wieder, und weiter in dem Maß, in dem sie es in den letzten Jahren tat, dann werden wir wieder vor dem ewig wiederkehrenden Satz stehen:

Die Verhältnisse ändern sich, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen.

*

„Was wäre das für eine Welt, in der wir einem Schweizer Bankier nicht mehr trauen?“, sagt Bond, James Bond, in „Die Welt ist nicht genug“.

*

Von Zeit zu Zeit, so scheint es, müssen die medialen Blödmaschinen vor sich selbst erschrecken. Ein alberner Scherz mit dem Ballyhoo, der um die bevorstehende Geburt eines englischen Hochadelskindes, und der Selbstmord einer aus Indien stammenden Krankenhaus-Angestellten, die das erste Opfer des australischen Spaßvogelsender war, gibt uns zu denken: Es ist, sagt die F.A.Z. eine Ausweitung der Zone dessen, was man aushalten muss (an medialer Verarschung).

Es ist ein Unfall geschehen in einer medialen Institution der Selbstheilung und Selbstreinigung. Denn der Druck dieser Medien ist in Wahrheit nur auszuhalten, wenn er ständig auch durch allerlei Ventile reguliert wird, das bedeutet beides zugleich: Die Verspottung der Medien selber und die Verspottung derer, die ihrer Macht unterworfen sind. Der Practical Joke dieser Art führt den Menschen ja immer vor Augen, wie töricht ihr Glaube an die Medien ist, der an die Stelle des Glaubens an die Autorität getreten ist. Der Medien-Hoax ist eine moderne Variante des „Hauptmann von Köpenick“. Die Frage ist indes, auf wessen Kosten der Scherz geht. Solange der Hauptmann von Köpenick die Mitglieder einer autoritäts-, befehls- und uniformenhörigen Gesellschaft narrte, er also von unten eine Satire auf das oben lieferte, mussten wir ihn lieben. Was aber, wenn er die noch ärmeren Hunde, als er selbst einer war, in seiner Uniform gegeneinander gehetzt hätte, was, wenn er wirkliche Pflichtverletzung durch seine Maskerade provoziert hätte? Jeder Medien-Hoax provoziert einen Kurzschluss zwischen den Fiktionen und der Wirklichkeit; meistens ist das Ergebnis Gelächter, Peinlichkeit, und dann: weiter so, mehr davon! Manchmal geht so etwas aber auch gründlich schief. Vielleicht wissen deutsche Sender, zum Beispiel, warum sie lieber auf extrem weichgespülte oder von Anfang an fiktive Formate setzen.

Es ist ein good cop/bad cop-Spiel. Der Hoax und die Empörung darüber sind zwei Seiten einer Sache, egal ob gerade die eine oder die andere sichtbar ist, immer ist von Macht die Rede, oder mehr noch von Ohnmacht. Der „Prankster“-Angriff hat sich, wie andere Formate auch, von einer satirischen Geste nach oben in ein Trash-Format verwandelt. Der Konsument lacht ja in einer Installation wie der des australischen Senders nicht über die Herrscher. Sondern über Leute wie du und ich. Über sich selbst. Diese Schadenfreude ist das andere Gesicht einer unentwegten Selbsterniedrigung.

Hätte sich die Krankenhausangestellte mit Migrationshintergrund (vielleicht wusste sie ja noch nicht, wie viel Selbsterniedrigung zur Kultur in ihrer neuen Heimat gehört) nicht das Leben genommen, der Hoax wäre weiterhin als gelungener, harmloser Scherz in den „Vermischtes“-Spalten behandelt und schnell vergessen worden. Und wohl  niemand hätte einen Gedanken verschwendet daran, dass in dieser Form der medialen Spaßkultur die Auflösung des sozialen Verhaltens parallel geschaltet ist mit dem Verhalten am Arbeitsplatz. Die Erniedrigung aushalten. Demütigungen „schlucken“. Sich nicht so haben: Der Chef lernt seine Scherze auf Kosten der, naja, Mitarbeiter schließlich auch aus dem Fernsehen. Und mobben ist auch nur ein paar Hoaxes inszenieren, nur ohne sie aufzuklären. Im Medien-Hoax karnevalisiert sich der Terror: Die Foltermaschinen töten nicht sogleich, sie kitzeln nur. Wer das nicht aushält, lebt eben in der falschen Kultur. Unterdrückung, Ausbeutung und Ungerechtigkeit in der Form des Entertainment fällt nie auf. Es sei denn, jemand versteht den Spaß darin nicht. Es sei denn, man merkt, dass im Kern dieser Inszenierungen immer der Wille steckt, jemanden zum Gaudium der anderen zu opfern.

Vielleicht sollten wir lernen, Nein zu sagen, wenn unsere Leitmedien uns fragen: Verstehen Sie Spaß?

Ein Kommentar

Ein Kommentare zu “Kleinigkeiten (25)”

  1. Jens Prausnitzam 17 Dez 2012 um 10:06 Uhr.

    Danke für weitere präzise formulierte Gedanken und Einsichten, wie man sie viel zu selten „zu denken“ bekommt. Dabei haben wir es als Gesellschaft so bitter nötig.

    Vielen Dank für jede dieser „Kleinigkeiten“.

Trackback URI | RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag

Hinterlasse einen Kommentar