Nov 30 2012

Nachschriften zu “Kapitalismus als Spektakel”

Veröffentlicht von + unter Gesellschaft,Krise,Politik.

Im „alten“ Kapitalismus galt immerhin als ausgemacht: Die Finanz-Spekulation war ein Sektor des Lebens, an dem ein gewisser Teil der Bevölkerung, ein wohlhabender und mehr oder weniger professioneller, mitspielen konnte oder auch nicht, und auf dem man hohe Gewinne erzielen und genau so auch alles verlieren konnte. Bürgerliche Biographien zeichneten sich durch Brüche aus: Jemand hatte spekuliert und verloren, während ein anderer noch reicher geworden war (und vielleicht das Verlieren der nächsten Generation überließ). Industrie und Handwerk, Fleiß und Bescheidung im Kleinbürgertum, schienen davon nicht betroffen. In unserem Buch „Kapitalismus als Spektakel“ schilderten wir einen Paradigmenwechsel zu einem „neuen“ Kapitalismus, in dem das Geld noch aus den allerbescheidensten Lebensumständen, die Altersvorsorge, das kleine Erbe, die bescheidene Rücklage, das Geld, mit dem man möglicherweise dem Nachwuchs ein Studium finanzieren wollte, die Sicherung des Minibetriebs und der Ich-AG etc. zwangsweise in Spekulationskapital verwandelt. Der Finanzkapitalismus besorgt sich dieses frische Spielgeld mit der tätigen Hilfe der zwei bis drei derzeit größten Blödmaschinen, nämlich des postdemokratischen Staates und seiner Rhetorik der Ökonomisierung, der populären Medien, die den Finanzkapitalismus in ein Entertainment-Format und eine Reality-Show verwandeln, und schließlich eines Experten- und Ratgeber-Karussels, das für die geschmeidige Verbindung von beidem sorgt. Wer sich dagegen wehrt, dass seine „Spargroschen“ unbarmherzig zum Börsenspiel verzockt werden (oft genug bemerkt man diese Enteignung nicht einmal, weil sie hinter den Bürotürmen der Versicherungen und Banken verborgen bleibt), der wird sie verlieren.

Unnütz zu sagen, dass die mediale Öffentlichkeit in diesem unseren Lande solche Spielverderberei gar nicht erst zur Kenntnis nehmen möchte. Sie wird ja wohl auch für’s fröhliche Immer-nur-weiter-so bezahlt. Wer beim Finanzkapitalismus-Spiel mitmacht, der kann verlieren, wer nicht mitmacht, der hat schon verloren, so einfach ist das. Und was unsere abgeklärten Freunde von den Kulturseiten gern verschwiegen haben wollen, das muss man dann eben, ganz und gar praktisch ausgerichtet (nur die Namen von den Institutionen und Instituten, die für die geschmeidige Verbindung von Politik, Ökonomie und Entertainment sorgen, sind noch ein kleines bisschen komisch) aus einem Newsletter seines Bankinstituts erfahren:

„Wer jetzt auf lange Sicht sein Geld anlegt, verliert. Angesichts niedriger Zinsen schaffen es Anleger mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr, ihr Geld zu erhalten, geschweige denn sogar zu vermehren. “Mit traditionell einfachen Rezepten ist auf der Zinsseite zukünftig eher wenig zu holen”, sagt denn auch Martin K. Wilhelm, Geschäftsführer des Instituts für Kapitalmarkt und Manager des flexiblen Acatis IfK Value Renten Fonds (WKN A0X758).“

WKN A0X758? Natürlich wissen wir Dummies wieder nicht, was das ist (sagt einem so leicht ja auch keiner). Also: Der WKN (manchmal auch WPKN) ist die Nummer zur Identifizierung der nationalen Wertpapiere (National Securities Identifying Number) durch sechsstellige Buchstaben- und Zahlenkombinationen. Das klingt doch schon einmal toll! Wer an der deutschen Börse gehandelt werden will, muss eine solche WKN beantragen, und zwar bei der „Herausgebergemeinschaft Wertpapier-Mitteilungen, Keppler, Lehmann GmbH & Co. KG (WM Datenservice) mit Sitz in Frankfurt am Main, die übrigens, dass wir da nicht etwas falsch sehen, in vier „Profitcenter“ gegliedert ist, von denen eines die Herausgabe der „Börsenzeitung“ bildet.

Nun aber weiter im Text des Newsletters meiner Bank (bei der ich ein bescheidenes Girokonto unterhalte, und mich auch sonst nicht unbedingt als Abonnent der Börsenzeitung verdächtig mache):

“Wer reale Verluste vermeiden will, muss in Zukunft höhere Risiken akzeptieren”, ist auch Asoka Wöhrmann überzeugt, der die globale Investmentstrategie bei der Fondsgesellschaft DWS verantwortet. Auf der Zinsseite heißt das: auf Anleihen mit Zinsaufschlag setzen. Dazu zählen zum Beispiel Emerging-Markets-Anleihen oder Anleihen von Unternehmen, die kein Investmentgrade-Rating haben. Um Ausfallrisiken zu reduzieren, ist eine umfassende Analyse aller Unternehmenskennzahlen Pflicht und eine breite Streuung dringend zu empfehlen. Profis wie Wilhelm, dessen Zielrendite 2013 bei sechs Prozent liegt, diversifizieren breit – über Anleiheklassen, -märkte, Laufzeiten und Währungen.“

Ja, zum breit diversifizieren müsste man was haben! Wenn man nichts dazu hat, sondern höchstens, wie durch ein Wunder, einmal ein paar Euro extra verdient, muss man eben die realen Verluste hinnehmen, selber schuld. Der Satz: Wer reale Verluste vermeiden will, muss in Zukunft höhere Risiken akzeptieren“, ist an sich blutig-böse Science Fiction, die Ahnung einer Gesellschaft, deren wachsende Mehrheit immer ärmer wird und deren schrumpfende Minderheit immer reicher wird. Wenn es eine mehrheitsfähige Überzeugung ist, dass jeder Euro, der nicht sofort in Konsum umgesetzt wird, entweder verloren geht oder aber ins Börsenzockerspiel überführt werden muss, dann ist dies nicht nur eine moralische Bankrotterklärung für eine Gesellschaft, sondern steuert nicht minder auf die soziale Katastrophe zu wie eine Merkelianische Austeritätspolitik, die ihren Gegenstand allen Ernstes und ausdrücklich dazu zwingt, Arbeitsplätze abzubauen.

Wenn ihr euer Geld nicht dem Finanzkapitalismus überantwortet, nehmen wir es euch weg, sagt die Allianz der postdemokratischen Regierung und der ökonomischen Oligarchie. Und wenn ihr wollt, dass wir eurer Ökonomie helfen, sagt die eine zur anderen postdemokratischen Regierung, dann müsst ihr euer Volk abbauen. Aber auch da, gibt es klare Klassengrenzen: Gut ausgebildete junge Griechen, Spanier und Portugiesen verlassen ihre Länder, der Rest der un- oder nicht marktkonform ausgebildeten, alten oder sonstwie ökonomisch unbrauchbaren bleibt im Land: Nach dem Euro, der nichts mehr wert ist, wenn er nicht an die Börse geht, ist auch der Mensch nichts mehr wert, den der Markt nicht mehr brauchen kann.

Die beiden Impulse der Zwangsfinanzkapitalisierung im eigenen Land und der austeristischen Asozialität gegenüber den Nachbarn im „Währungsverbund“, hängen viel enger miteinander zusammen, als es der öffentliche Diskurs auch nur erahnen lässt.

Wo aber hin, mit meinem Kleingeld, das unbedingt Kapital werden muss, Finanzkapital mit Renditeerwartung und Gewinnmitnahmen und all dem geilen Zeugs? Mein Bank-Newsletter weiß auch hier guten Rat:

Gesundheit kennt keine Konjunktur – Medikamente werden auch in Krisenzeiten benötigt. Die Nachfrage wächst stetig, sowohl in den Industriestaaten, in denen Volkskrankheiten wie Diabetes, Krebs, Demenz oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zunehmen, als auch in den Emerging Markets, in denen eine wachsende Mittelschicht von der Gesundheitsvorsorge profitiert. Pharma gilt deshalb für Investoren als Wachstumsbranche. In internationalen Value-Fonds wie dem DWS Global Value (WKN 939853) ist Gesundheit mit einem Anteil von 22 Prozent am stärksten gewichtet.

Meine Tante ist dement? Bedauerlich. Aber dafür steigen meine Pharma-Aktien. Und sollten die schönen Volkskrankheiten, die so aussehen, als hätte sie der Finanzkapitalismus selber erfunden, hierzulande tatsächlich einmal „besiegt“ werden, na, dann bleiben uns immer noch die Emerging Markets. Und wenn ich einmal die Pflegeversicherung gerade noch bezahlen kann, dann wahrscheinlich wegen der Häufung von Demenzkrankheiten in der südindischen Mittelschicht.

Vor der Krise zockten die Gierhälse in der Wall Street, die aussehen, wie Michael Douglas, wenn er seinem Fiesling-Affen Zucker gibt; nach der Krise machen alle, alle mit. Natürlich freiwillig, natürlich gut gelaunt wie die Dame in der täglichen Börsensendung des deutschen Fernsehens, natürlich mit der großen Hoffnung, am Ende nicht zu den Verlierern zu gehören, und mit der bangen Gewissheit, dass den meisten von uns genau das bevorsteht. Wenn alles Geld in Risiko-Kapital verwandelt werden muss, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten, nämlich sich dem ungleich verteilten Risiko zu unterwerfen wie einem mächtigen Schicksal, das höhnisch ruft: Du hattest deine Chance! Oder indem man, irgendwie, dem Glück bei diesem Risiko ein wenig nachhilft. Moralisch zimperlich darf man ja ohnehin nicht sein, wenn man sein Geld noch, wie heißt es, „gewinnbringend“ anlegen will. Aber das sagt uns ja auch niemand, dass mein kleines Risiko auf den Verlust meiner Ersparnisse einem Risiko auf der anderen Seite der Welt entspricht, zu verhungern, zu verdursten, in Bürgerkriegen umgebracht zu werden oder sich in Sweatshops und Megafarmen für die Zwangsernährungsanstalten des Westens, in denen der Verbraucher so nach dem Preis sieht, dass ihm sonst schon beinahe alles egal ist, zu Tode arbeitet. Kein Wort davon in den fröhlichen Börsennachrichten, in den launigen Kulturspielen, in der Kultur der Abgeklärten.

Übrigens versteht man nun auch die Ignoranz der Kultur gegenüber einem Essay wie „Kapitalismus als Spektaktel“: Er handelt schließlich von der Mitschuld der Kultur an diesem absehbaren Desaster.

Ein Kommentar

Ein Kommentare zu “Nachschriften zu “Kapitalismus als Spektakel””

  1. Schneideggeram 01 Dez 2012 um 10:52 Uhr.

    Och, verehrter Herr Seeßlen,

    das hätten Sie sich aber denken können, dass die Kulturzirkusdirektoren auf Ihre Spektakel-Diagnose bestenfalls reagieren, indem sie Jonathan Peachums Part “Über die Unsicherheit menschlicher Verhältnisse” pfeifen, und es aller Einsichtsbekundungen genauso weitergeht wie zuvor.

    P.S.: Mich hat die Bank schon abgeschrieben, jedenfalls kumpelt sie mich schon lange nicht mehr so an.

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