Nachschriften zu „Kapitalismus als Spektakel“

Im „alten“ Kapitalismus galt immerhin als ausgemacht: Die Finanz-Spekulation war ein Sektor des Lebens, an dem ein gewisser Teil der Bevölkerung, ein wohlhabender und mehr oder weniger professioneller, mitspielen konnte oder auch nicht, und auf dem man hohe Gewinne erzielen und genau so auch alles verlieren konnte. Bürgerliche Biographien zeichneten sich durch Brüche aus: Jemand hatte spekuliert und verloren, während ein anderer noch reicher geworden war (und vielleicht das Verlieren der nächsten Generation überließ). Industrie und Handwerk, Fleiß und Bescheidung im Kleinbürgertum, schienen davon nicht betroffen. In unserem Buch „Kapitalismus als Spektakel“ schilderten wir einen Paradigmenwechsel zu einem „neuen“ Kapitalismus, in dem das Geld noch aus den allerbescheidensten Lebensumständen, die Altersvorsorge, das kleine Erbe, die bescheidene Rücklage, das Geld, mit dem man möglicherweise dem Nachwuchs ein Studium finanzieren wollte, die Sicherung des Minibetriebs und der Ich-AG etc. zwangsweise in Spekulationskapital verwandelt. Der Finanzkapitalismus besorgt sich dieses frische Spielgeld mit der tätigen Hilfe der zwei bis drei derzeit größten Blödmaschinen, nämlich des postdemokratischen Staates und seiner Rhetorik der Ökonomisierung, der populären Medien, die den Finanzkapitalismus in ein Entertainment-Format und eine Reality-Show verwandeln, und schließlich eines Experten- und Ratgeber-Karussels, das für die geschmeidige Verbindung von beidem sorgt. Wer sich dagegen wehrt, dass seine „Spargroschen“ unbarmherzig zum Börsenspiel verzockt werden (oft genug bemerkt man diese Enteignung nicht einmal, weil sie hinter den Bürotürmen der Versicherungen und Banken verborgen bleibt), der wird sie verlieren. Weiterlesen

Kleinigkeiten (24)

Nein, nein! Der Unterschied zwischen rechts und links wird nicht kleiner und verschwindet schon gar nicht. Womöglich aber wird der Unterschied zwischen den Leuten, die sich links nennen und jenen, die sich rechts nennen, geringer. Wenn er verschwunden ist, ist es zum Koffer packen schon zu spät.

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Copyright Wars; Vergangenheit: „’Wenn zum Beispiel irgendeine widersinnige Bill vorgebracht würde, um armen Teufeln von Schriftstellern ein Recht an ihrem literarischen Eigentum zu sichern, so würde ich etwa sagen, dass ich für meine Person nie meine Zustimmung geben könnte, wenn es gälte, der Verbreitung des Wissens unter dem Volke ein unübersteigliches Hindernis in den Weg zu legen (verstehen Sie mich?); dass die materiellen Erzeugnisse, die das Eigentum des Menschen sind, ganz gut einem einzigen oder einer Familie gehören dürfen; dass aber die geistigen Erzeugnisse, da sie Gottes sind, natürlicherweise dem großen Volk gehören sollten. Wenn ich dann auch noch heiter gelaunt bin, möchte ich eventuell einen Scherz über die Nachwelt machen und sagen, dass denjenigen, die für die Nachwelt schreiben, auch der Beifall der Nachwelt als Lohn genügen müsste. Derartiges kann die Stimmung im Hause vielleicht günstig beeinflussen, mir aber nie schaden, da ich von der Nachwelt nicht erwarten kann, dass sie von mir oder meinem Spaße Notiz nimmt. Leuchtet Ihnen das ein?’ Weiterlesen

Titelschutz (15)

Konkrete Poesie des Alltags meets Meine Lieblingsrubrik im börsenblatt des deutschen Buchhandels:

Die neue Macht der Bürger

„Wann endlich beginnt bei euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“

Verdi und Wagner. Das Jahrhundert der Opfer

Vagina

Das alles kommt vom Rowohlt Verlag auf uns zu, ehrlich wahr, einschließlich der Anführungszeichen und Verdi und Wagner eher mal in Bezug auf Opfer als auf die Oper.

WIR SIND ERZOGENE

Wir sind Erzogene, und nur als Erzogene, im guten wie im schlechten, fällen wir Entscheidungen. Das aber, was uns erzogen hat, ist bereits tot oder stirbt, während es uns erzieht. So leben wir mit dem größten Teil unseres Wissens, unserer Wahrnehmung, unseres Urteils nicht nur in der Vergangenheit, sondern in den Gräbern, Grüften, zwischen Gedenksteinen. Während alles Denken davon ausgeht, dass wir „auf den Schultern von Riesen“ stehen, kann es auch argwöhnen, von ihrer Schwere in die Gruft gezogen zu werden. Erzogene Menschen leben im Schatten der Toten, aber sie wissen, wo sie eben diesen verlassen – und wann sie wieder Schutz in ihm suchen können.

Die Erziehung des Menschen ändert beständig seine Strategien und seine Instanzen. Eltern und Schulen inszenierten sich als die großen Träger der Erziehung in der bürgerlichen Gesellschaft. Sie sollen, wenn es nach dem Willen der Konservativen geht, auch in der post-bürgerlichen Zeit ihre Funktion nicht vollkommen aufgeben und müssen sich deswegen, bezüglich der katastrophalen Verhältnisse, die man so zu beobachten pflegt, schwere Vorwürfe anhören: Sie versagen in der Erledigung einer Aufgabe, die ihnen die Gesellschaft zugleich beständig abspricht, und was bleibt ihnen dann übrig, als sich gegenseitig die Verantwortung für die Unerzogenheit oder die Anti-Erzogenheit oder schließlich die Fehlerzogenheit der nächsten Generation zuzuschieben? Weiterlesen

Weitere Notizen während der Abschaffung des Feuilletons

Meine Forderung zur Abschaffung des Feuilletons in den deutschen Großzeitungen findet offensichtlich Gehör in den Redak…, nein, Quatsch, in den Marketingabteilungen. Es wird allerdings eher so schleichend abgebaut. Bei 74 Zeitungsseiten der Süddeutschen Zeitung, PR-Beilagen nicht mitgerechnet, am 18. Oktober gibt es ganze zwei Seiten Feuilleton, plus eine Seite „Film“ und eine Seite „Literatur“. Weitere Stichproben ergeben: Das ist wohl ein Trend.

Am 29. Oktober sind es drei Seiten von 58 plus eine Seite Literatur, von 44 Seiten  am 30. Oktober, plus Fernsehprogramm, sind es 3 Seiten (Aufmacher: James Bond) plus eine Seite Literatur, von 80 Seiten am Wochenende zum 3./4. November sind es immerhin 5, plus 1 Seite Literatur, plus 1 Seite „Kunstmarkt“, dafür gibt’s aber auch ein paar schöne Anzeigen, damit man nicht so viel lästigen Text setzen muss.

Komm schon, liebe Süddeutsche Zeitung, die paar Seiten, die kriegen wir doch auch noch weg! Die Leute, die für 2,20 Euro eine Süddeutsche Zeitung kaufen, die brauchen Wirtschaft, Geld, Sport, Bayern, München, Immobilien –  aber doch keine Kultur.

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (16)

Früher zeichnete sich ein politisch interessierter Bildungsbürger, der auf sich hielt, unter anderem dadurch aus, dass er mehr als eine Zeitung las, womöglich gar Zeitungen aus verschiedenen Ländern. Viel Zweck hat das heute nicht mehr, denn in den meisten Zeitungen steht sowieso das gleiche drin. Wenn man den Wirtschaftsteil der F.A.Z. und den der NZZ vergleicht, stößt man zum Beispiel auf einen interessant-absurden Artikel mit dem Titel: „Gazproms Geschäftsmodell: Gas fördern, Geld verbrennen“. Die Unterschiede? In der NZZ wird der Name des Autors ausgeschrieben, in der F.A.Z. abgekürzt. Und „Analysten der Sberbank“ in der F.A.Z. sind in der NZZ „Analytiker der Sberbank“. Und in der Schweiz heiß Gazprom immer noch Gazprom, in Deutschland aber Gasprom. (Vielleicht weil dieses Land einen Gaspromi namens Schröder stellt?) Ansonsten geht es darum, dass Gazprom einfach nicht schnell und effizient genug investiert, um Gas, mehr Gas aus dem arktischen und sonst welchem Boden zu holen. So kann das ja nichts werden.

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Sie hören damit nicht auf, nein, sie tun es nicht. Es muss einfach irgendwie lukrativ sein. Jedenfalls kommen die „seriösen Tageszeitungen“ hierzulande nicht mehr ohne Klatsch-Nachrichten und Unfug aus, die sie durch ein Name Droping einer Zeitschrift mehr oder weniger als Quer-PR outen. Diesmal muss uns die Süddeutsche Zeitung (2. November) mit Kate Moss beglücken:

„Kate Moss, 38, britisches Model, hat ihren Ex-Freund, den US-Schauspieler Johnny Depp, 49, nach der Trennung noch lange vermisst. In einem Interview mit Vanity Fair gestand sie, dass er der Einzige war, von dem sie sich umsorgt gefühlt habe. Weiterlesen

MENSCH MASSE!

„Ohne Hass auf die Massen ist Spektakelkritik nicht zu haben“  schrieb Aram Lintzel in der taz. Sorry, aber dit is Blötzinn. Weil, wenn das stimmte, könnte man nämlich überhaupt nichts mehr kritisieren. Denn es würde immer Hass auf die Adressaten und User implizieren. Und wenn die dann auch noch nur als „Masse“ auftreten, dann ist aber B-Movie-Monster-Stimmung angesagt.

„Die diffuse Rede von der Herrschaft des Spektakels auf unbestimmte Zeit zu suspendieren“, wie Juliane Rebentisch vorschlägt, ist auch keine schlechte Idee, das kann aber nicht heißen, dass man die eigentlich ganz und gar nicht so diffuse Rede der Herrschaft durch das Spektakel suspendiert. Dass es mit dem Spektakel ist wie mit dem Geld, dass es nämlich von einem Medium zu einem Wesen wird (zu einem Medium, das sich selbst zum Inhalt hat), steht auf einem anderen Blatt.

Eine Kritik der Herrschaft bedeutet keineswegs automatisch einen Hass auf die Beherrschten, schon gar nicht, wenn man, wie Aram Lintzel ja einräumt, selber zu den Adressaten, vulgo Fans gehört. „Kapitalismus als Spektakel“ ist von zwei Leuten geschrieben, die a) die Pop-Kultur lieben, und b) sich nicht gegen das Blödmachen der anderen (oder gar „der Massen“) wenden, sondern gegen das Blödmachen ihrer selbst.

Die Massen zu hassen oder eben auch nicht ist übrigens so leicht wie uninteressant, weil, wenn schon „Spektakel“ diffus ist, muss der Begriff „die Massen“ geradezu Diffusitätsstürme auslösen.  Es gibt keine Massen, es sei denn, sie geschehen. Weiterlesen