Kleinigkeiten (23)

Unrast und Stille

Im 18. Jahrhundert verliert die Seele ihre Gegebenheit. Sie muss, wie John Locke postuliert, gleichsam gefüttert werden durch Empfindungen und dazu angehalten, Gedanken zu produzieren. Zumindest theoretisch könne die Seele absterben, wenn man ihr nicht beständig etwas zu tun gäbe. Doch glücklicherweise gibt es eine angeborene „uneasiness“, die Unrast, die den Menschen zu neuen Erfahrungen triebe, um der Leere zu entkommen.

Der Gedanke indes ist grauenerregend genug, und er wird, wie verborgen im Nächtlichen auch, bleiben. Es gibt Dinge, wie die Blässe des Adelsprivilegs oder das Eingeschlossensein, die die Seele sterben lassen, ohne dass der Mensch dazu schon mit gestorben sei. So haben wir einen Motor dessen, was dann nur noch als „Kapitalismus“ übrig blieb, ein Tun gegen das Sein.

Diese Dynamik und die Vorgabe einer beständigen Beschäftigung des Geistes bilden eine dialektische Einheit mit der Entdeckung der Langeweile. Die Unrast entsteht aus einer Angst vor der Langeweile, und die Langeweile entsteht aus der Furcht vor der Bewegung, der keine Pause gilt. Denn der Mensch ist nun nicht mehr erfüllt von Gott oder von sich selbst, sondern muss einem leidenschaftlichen Hunger folgen, nach Vergnügungen ebenso wie nach Erkenntnissen. Weiterlesen

Die Hitparade der F.A.Z.-Titel im Wirtschafte- und Finanzteil

  1. Überschäumende Freude über Aktienkurs von Henkel (11. Oktober)
  2. Softbank greift nach Sprint Nextel (12. Oktober)
  3. Stimmung in Banken bessert sich (15. Oktober)
  4. „Wir erschließen uns Urlauber, die wir noch nicht erreichen“ (Im Gespräch: Norbert Fiebig, Touristikchef der Rewe Group)“ (16. Oktober)
  5. Softbank kauft Mehrheit an Sprint Nextel (16. Oktober)
  6. Der Rand sieht kein Land (Der Devisenmarktbericht) (17.Oktober)
  7. Deutsche Brettspiele räumen in aller Welt ab (18. Oktober)
  8. Gesamtmetall will rasche Verlängerung der Kurzarbeit (18. Oktober)
  9. Bankaktien werden wieder salonfähig. (19. Oktober)
  10. SMA Solar schockiert Anleger mit düsteren Aussichten (20. Oktober)

Und einen Bonus:

Europa schafft Zuversicht (Die Börsenwoche) (20. Oktober)

HERRN „DR.“ SEESSLENS HOCHFEINES FÜILTONG

Das ist schon sehr erhellend, was der Anwalt von Hans Barlach beim Streit um die Miete einer Villa in Berlin, in der es für Autoren Übernachtungen und Veranstaltungen des Suhrkamp Verlages gibt, vor Gericht sagt: „Ein Verlag soll keine Veranstaltungen machen, sondern Umsatz“.

Und eine Druckerei? Die sollte keine Bücher drucken, sondern Aktien. Autoren? Sind durch Verkaufszahlen und Umsatzrendite auszuweisen. Bücher sind nicht zum Lesen da, sondern zum Gekauftwerden. Das neue Wort für Literatur ist Profit.

Wird so kommen, pflegte Ethan in „The Searchers“ zu sagen. Zum Beispiel, dass Verlage nicht mehr von Verlegern geleitet werden. Sondern von lebenden Geldautomaten und ihren Anwälten.

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Wenn irgend jemand Prominentes irgend etwas promoten muss, dann wird er von irgendwelchen „Journalisten“ irgendein dummes Zeug gefragt, auf das er dann dummes Zeug antwortet. Ist ja okay, dafür gibt es „Formate“ und Magazine. Manchmal lappt das dann freilich voll ins Metaphysische (Stichwort: Comeback der Religionen). So lesen wir in der Süddeutschen Zeitung:

„Veronica Ferres, 47, Schauspielerin, glaubt seit einer Nahtod-Erfahrung vor 13 Jahren an Gott: ‚Ich war irgendwo zwischen dem Hier und dem Jenseits. Da habe ich Gott gespürt’, sagte sie der Bild-Zeitung“. Das geht noch ein paar Zeilen so weiter bis „’Der Glaube lehrt uns, dass der Tod nicht das Ende bedeutet. Das ist ein tröstlicher Gedanke’, so Ferres.“

Schön, schön. Aber warum muss uns die Süddeutsche Zeitung so dringlich mitteilen, was die Schauspielerin Veronica Ferres der Bild-Zeitung Tröstliches zu erzählen hatte? Weil man auch ein paar Nettigkeiten zwischen die Katastrophenmeldungen packen muss? Weil man kollegial der Bild-Zeitung zur Festigung des Leitmotiv-Status’ verhelfen will? Oder weil eh schon alles egal ist? Oder doch weil man wenigstens Gott spüren möchte, wo kein Geist mehr zu spüren ist. Nirgends. Weiterlesen

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 6/12

Die Praxis jeder Kunst lacht über jede Theorie der Kunst. Was schön ist und möglicherweise auch gut. Allerdings hat es nichts mit der sozialen Wirklichkeit der Kunst zu tun, die immer eine Begegnung von Theorie und Praxis ist, oder anders gesagt, die aufregende Begegnung eines Begehrens nach Autonomie und eines Begehrens nach Einverleibung.

Daher gibt es keinen sinnvollen Diskurs um die Frage, was Kunst soll und was sie nicht soll, was sie dürfen kann und müssen will. Der Diskurs entwickelt sich einzig und allein aus der Frage, was sich über Kunst sagen lässt.

Kunstkritik also, nur zum Beispiel, könnte sich sowohl als Agentur der Autonomie als auch als Agentur der Einverleibung verstehen. Da beides ziemlich dogmatisch-langweilig ist, wird sie ein Dazwischen suchen. Das ist insofern ein wenig problematisch, als wir von Mittelwegen wissen, die in Gefahr und höchster Not den Tod bringen.

Was vermutlich die Idee einer Dialektik der Kunstkritik befördert: Texte mithin, die sowohl das Begehren nach Autonomie als auch das Begehren nach Einverleibung, vor allem aber eine Beziehung zwischen beidem vermitteln.

Auch dies ist natürlich kein Dogma, sondern höchstens eine Methode.

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Möglicherweise haben wir es mit drei großen Epochen des Kunstverständnisses zu tun; der der Selbstverständlichkeit (in der Antike), der der Rechtfertigung (vom Mittelalter zur Neuzeit) und schließlich der des Verstehens (in der Moderne mit allen ihren Wissenschaften und Hilfswissenschaften, einschließlich Psychologie, Soziologie und Semantik). Weiterlesen

Nachschrift zu den “BLÖDMASCHINEN” (10)

Was ich von der Netz-Seite des Wiener Standard gelernt habe, das ist, was ein „Womanday“ ist. Ein Womanday ist ein Tag „für Shopping Queens und Schnäppchenjäger“. Und da gibt es:

„Alles, was das Shopping-Herz begehrt:

  • die neuesten Herbst-Styles
  • die aktuellsten Kosmetik- und Beauty-Produkte
  • die trendigsten Accessoires
  • und vieles mehr, was das Leben schöner macht!“

Toll, ganz toll!

Bloß dumm: Wozu brauchen eigentlich Shopping Queens und Schnäppchenjäger noch diese lästigen „Texte“ zwischen den Anzeigen in der Zeitung?

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Ich bin so eigentlich nicht der Typ für’s Rechthaben. Wenn mir jemand sagt, ich habe recht, werde ich entweder ungesund misstrauisch oder sehne mich nach Reisen in wildes Land. Viel mehr würde mich freuen, wenn man statt dem Rechthaben mir attestierte, Material zum eigenen Denken geliefert zu haben, zum kreativen Widerspruch auch. (Leider gibt’s in aller Regel eher trivialen Shitstorm, aber was soll’s.) Weiterlesen

Kleinigkeiten (22)

Der Eichborn-Verlag ist schon wieder mal wieder da. Und in meiner Lieblingsrubrik des Börsenblatts des deutschen Buchhandels, dem „titelschutz“, kann man sehen, welche schwergewichtigen Bücher da auf uns zukommen:

„Dorf der Idioten“, „Was ist grün und steht vor der Tür? Ein Klopfsalat“, „Meine kleine Volkspartei“, „Miami Weiß“, „Bullshit Bingo“, „Das Lexikon der dämlichsten Erfindungen“, „Was macht der Fisch in meinem Ohr?“, „Babyrotz & Elternschiss“…

Uff. Die deutsche Buchkultur ist gerettet! Weiterlesen

Notizen zu einer Mythologie der Nachricht

In der Geschichte der deutschen Sprache entstand das Wort Nachricht aus einer „mittheilung zum darnachrichten“. Es handelte sich also offensichtlich um eine Information, die Folgen nach sich zieht, im weiteren Verlauf bis zum 18. Jahrhundert allgemein gar als „Nachrichtung“, eine mehr oder weniger rationale Anweisung mithin. Erst in der modernen, medialen Form sind Nachrichten (nun stets im Plural) einfach aktuelle Meldungen, die zur Kenntnisnahme und zum „Informiertsein“ (Bescheid-Wissen) dienen; das „Darnachrichten“ hat den Status einer Potentialität und ist am offensichtlichsten noch in den Wirtschaftsnachrichten, nach denen sich Käufe und Verkäufe von Waren oder „Finanzdienstleistungen“ richten.

Die urspüngliche Nachricht war demnach vor allem eine Mitteilung des Fürsten an seine Untertanen, mit der dringlichen Aufforderung verbunden, sich danach zu richten: Eine neue Bestimmung, ein Gesetz, eine Mobilmachung, ein Verbot, vielleicht auch einmal eine Gnade.

Der Fürst ist auch aus der Nachrichtenproduktion keineswegs verschwunden, er hat indes, auf dem Weg zum „demokratischen Fürsten“ mehrfach seine Gestalt gewechselt. Der ideale Bürger indes, der weder Herr noch Knecht sein wollte, konnte in der Nachricht nur einen Austausch von Informationen unter Gleichen sehen wollen. Und sie konnte nur das gemeinsame Ziel oder einen gemeinsamen Feind (möglicherweise den Fürsten von einst, der nie aufgehört hatte, mit seiner Wiederkehr zu drohen) betreffen. Den Bürger kann die Nachricht nur an drei Orte rufen: auf den Markt, in die Kirche oder zu den Waffen aufs Schlachtfeld.

Im großen und ganzen sind diese drei Orte des „Darnachrichtens“, wennzwar in größtmöglicher Fiktionalisierung oder Symbolisierung, erhalten geblieben. Alle Nachrichten rufen uns, virtuell, auf den Marktplatz, in die Kirche oder auf den Kriegsschauplatz. Nur weiten sich diese Zonen unentwegt aus. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (15)

Die Bild-Zeitung bietet heute als „Kalenderspruch“: „Bist du wütend, zähle bis vier, bist du sehr wütend, fluche“. Aber gerne, liebe Bild-Zeitung, du Scheißblatt der deutschen Niedertracht mit deiner Amokfahrt der „nackten Mutter“ und „Suff-Beichte“ des Fußballers. Du Drecksblatt, mit dem sich kein anständiger Mensch den Hintern wischen würde. So recht, liebe Bild-Zeitung?

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Und nun wieder ein sehr, sehr schöner Satz aus der F.A.Z., den man einfach mal so stehen lassen kann:
„Die Spitzenverbände der Immobilienwirtschaft sind überzeugt, dass die Finanzierungs- und Steuerpolitik stärker mit den Bedürfnissen der Immobilienwirtschaft in Verbindung gebracht werden muss.“ Weiterlesen

EIN DEUTSCHER ALPTRAUM

Das Ehepaar Sarrazin, das ist das Schreckbild des deutschen Spießer-Paares: die Lehrerin, die wir nie haben wollten, die, wenn sie uns zugeteilt wurde, einen unbändigen Hass auf diese menschenfeindliche Institution und das dringende Bedürfnis nach neuen und alten Schwänztechniken erweckte; der rechthaberische, fremdenfeindliche und missgünstige Nachbar, der keinen „Guten Tag“ wünschen kann, ohne jemanden zu denunzieren, und ohne zu betonen, wie er es doch schon immer gesagt habe, und dass alle, die ihm widersprechen, Idioten oder Kriminelle sind; die Schrebergärtner, die an allen „anderen“ etwas auszusetzen haben und sich von allen verfolgt fühlen, die sofort zur Stelle sind, wenn jemand „fremdländische Musik“ aufdreht, die völlig humorfrei behaupten können: „Wir hatten fast immer recht“; die zwei, die, wo sie auftauchen, eine Gruppe von vorher fröhlichen, gut gelaunten Menschen in Streithansel, Depressive und Magenkranke verwandeln; zwei, die nie auf die Idee kämen, irgend jemand anderes als (einschließlich der eigenen, unglücklichen Kinder) könnte auch nur annähernd so wichtig sein wie sie selbst; diese Buchhalter des alltäglichen Wahnsinns, die in einem Hitchcock-Film als komische Nebenfiguren gut aufgehoben wären; diese Ausgeburten des deutschen Kleinbürgertums, das sich die eigene Hölle zur Ideologie gemacht hat, und das alles Wissen und die Wissenschaft nur als Grenzlinie der eigenen, engen, undurchlüfteten Welt gelten lässt; diese verkniffenen und verklemmten Hassprediger ihrer eigenen Lebensunlust; diese in ihrem Rassen- und Klassenwahn vertrockneten Verweisverteiler — und dieses Ehepaar Sarrazin ist im Deutschland des Jahres 2012 nicht etwa ein erfolgreiches Comedy-Programm, sondern es ist zu Medienstars, Helden der Man-wird-doch-noch-mal-sagen-dürfen-Muffigkeit, Uns-aus-dem-Herzen-Sprecher geworden, Weiterlesen