KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 5/12

Neulich zog ich ein interessantes Buch aus dem Flohmarktstand. Es fehlte in meiner kleinen Sammlung, und so erstand ich es, obwohl es voller handschriftlicher Anmerkungen in verschiedenen Formen war, manchmal bis an den Rand der Lesbarkeit. „So ein Blödsinn“, stand da, zum Beispiel. Oder: „Wo er recht hat, hat er recht“. Manchmal war auch ein ganzer Absatz rot durchgestrichen und am Rand fand sich dafür wohl so etwas wie ein Gegenvorschlag oder ein Zitat aus einem anderen Buch.

Mein Buch war offensichtlich einst in die Hände arger Besserwisser gefallen. Sie schienen ihre Macht genossen zu haben, den Autor nach Herzenslust zu zensurieren, zu maßregeln, zu verspotten. Sie waren mit ihm allein, und er konnte sich nicht wehren.

Woran erinnern mich diese Kritzeleien nur? An Schullektüren, gewiss. Der Lehrer kritzelte in unsere Aufsätze, und wir kritzelten in die Bücher, über die man sie zu schreiben hatte. Wir lebten in einer Kultur der verkritzelten Texte. Was war ich froh, dieser Kultur entkommen zu sein, und aus Dankbarkeit schwor ich, nie im Leben mehr in einen Text zu kritzeln. (Das zerkritzelte Buch, das ich auf dem Flohmarkt erstanden hatte, musste denn auch mit einem prekären Platz in der Sammlung zufrieden sein.)

Aber diese Kritzeleien erinnern mich noch an etwas anderes. An die Kommentar-Funktionen im Internet. Herrscht dort nicht oft der selbe Kritzel-Geist, der einem Autor, mit dem man sich allein wähnt und der sich nicht wehren kann, ein „So ein Blödsinn“ zum Text fummelt? Weiterlesen

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER (22)

Es war ein milder Herbsttag, dem man gern den Begriff des „goldenen Oktobers“ zuordnet, obwohl es noch September ist. Aber das Münchner Oktoberfest beginnt ja auch im September.

Herr Reiner saß auf einer Parkbank, den gelesenen Teil seiner Zeitung unter sich, den anderen vor seinen Augen. Missbilligend schüttelte er den Kopf, als sein Freund, Herr Kainer, zu ihm trat und nach einem skeptischen Blick auf die Farben-, Formen- und Materialvielfalt auf dem einstmals grünen Holz darauf verzichtete, neben ihm Platz zu nehmen. Warum, dachte Herr Rainer kurz, lassen die Menschen ihren Zorn an unseren Bänken aus, statt ihn gegen ihre Banken zu richten? Er fand keine Antwort, die ihm lieb gewesen wäre.

„Was gibt es neues?“ frug er stattdessen leichthin. Und Herr Reiner, immer noch Missbilligung im Blick, antwortete: „Augenblicklich wird das Heilige feuilletonisiert.

Alles fragt sich, was das große Heilige war und ist, und gibt winzig kleine Antworten.“

„Wie das?“ ermunterte Herr Kainer seinen Freund zum Weitersprechen, der sich erhoben hatte, und sorgfältig seine Zeitungsseiten zusammenfaltete. Einen gewissen Hang zur Umständlichkeit kann man meinem Freund nicht absprechen, dachte sich Herr Kainer. Und während sie sich, wie gewöhnlich, auf den Weg zum Biergarten ihres Vertrauens machten (weitab vom Münchner Oktoberfest), fuhr Herr Reiner fort: „Sehen Sie, da beauftragt die F.A.Z. aus gegebenem Anlass sieben ihrer Feuilletonisten, niederzulegen, was ihnen heilig sei. Und was kommt dabei heraus? Launig-geistreiche Textlein, von denen manche wirken, als seien sie aus einer Schublade gezogen: ‚Launig-geistreiche Textlein, für die sich noch kein rechter Anlass gefunden hat’.“

„Aber“, tadelte Herr Kainer mild, „doch nicht ausgerechnet Sie werden etwas gegen launig-geistreiche Textlein haben? Doch sagen Sie, was ist nun den Feuilletonisten der F.A.Z. heilig?“ Weiterlesen

Kleinigkeiten (21)

Zweifellos macht es einen großen Unterschied, ob man, wie Jacques Derrida anlässlich der Heidegger-Formulierungen bemerkt, vom Wirken der Hand oder dem der Hände spricht. Die Hände sind Werkzeuge, die man benutzen kann, nicht sehr unterschieden davon, wie sie auch ein Schimpanse oder ein Eichhörnchen benutzen kann, während die Hand ein superiores Medium zwischen Denken, Sprechen und, nun eben, Handeln darstellt.  Die Götter oder das Schicksal haben vergleichsweise selten die Hände, wohl aber die Hand im Spiel. Wo die Hand wirkt, da ist Edles, wenigstens Großes zu erwarten. Und unsere Wirtschaft soll, so sagte man, von einer unsichtbaren Hand, und nicht von unsichtbaren Händen geordnet werden. Vielleicht aber kommen wir der Sache durchaus näher, wenn wir behaupten, genau das Gegenteil sei der Fall: Die Krise offenbare vielmehr das Fehlen einer unsichtbaren Hand und ein Übermaß an unsichtbaren Händen.

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Dieses Lob des „Gezänks“ findet sich bei Lessing („Wie die Alten den Tod gebildet“): Das heutige, also damalige Publikum, so schreibt er, „scheinet vergessen zu wollen, dass es die Aufklärung so mancher wichtigen Punkte dem bloßen Widerspruche zu danken hat, und dass die Menschen noch über nichts in der Welt einig sein würden, wenn sie noch über nichts in der Welt gezankt hätten. ‚Gezankt’; denn so nennet die Artigkeit alles Streiten: und Zanken ist etwas so unmanierliches geworden, dass man sich weit weniger schämen darf, zu hassen und zu verleumden, als zu zanken“. Weiterlesen

Kassel Punch Drunk

Massenmedien, sag’ ich mal, sind Medien zur Verhinderung von Massen. Sag’ ich mal, ist ein Medium zur Verhinderung von Ich spreche. Also spreche ich nicht, und keine Masse nimmt mich auf. Wer zum Kuckuck bin ich dann? Ein Medium. Würde ich mal sagen.

Würde ich mal sagen ist ein Mittel zur Verhinderung von Deutschlehrer-Glück. Das Deutschlehrer-Unglück ist ein Mittel zur Verhinderung des Bildungsbürgers. Dabei hatten wir ihm (und ihr) gerade alles verziehen. Naja, beinahe alles. Dass in möglicherweise interessanten Büchern immer noch Passagen in Altgriechisch zitiert werden, das natürlich nicht. Aber sein massives Auftreten in Kassel schon. Wir sind ja nicht so.

Massenmedien verwandeln Massen in Zahlen und Zahler. Aber wer soll das bezahlen, ein betrunkenes Ich, das nur aus dem Fenster schaut und schon glaubt, damit wäre der Haustierschutz überflüssig? Ich habe keinen Hund, ich habe keine Katze, ich habe nur einen Kater. Und einen Fernseher. Wenn man betrunken ist, wie Charles Bukowski, dann sieht man freilich gerne aus dem Fenster. Aber wenn man einen Kater hat, ist ein Fernseher besser. Auch aus hygienischen Gründen.

Oder nehmen Sie zum Beispiel die Kunst. Ja, nehmen Sie sie nur, sie ist heute, äh, umsonst. Oder doch sehr preiswert. In Kassel begegnen sich die Kunst und die Leute, das kann doch nicht gut gehen.

Das ist so was von; Also wie soll ich sagen, genau so ist es.

Manchmal ist es natürlich auch genau anders herum. Aber das ist eher selten.

Aber andrerseits. In Kassel sieht man Leute, die sich gegenseitig die Kunst erklären. Wenn das nicht schön ist. Weiterlesen

Kleinigkeiten (21)

Bestürzt sieht mich eine Dame im Omnibus an und meint, ihren etwas eindringlichen Blick entschuldigend: „Sie sehen aus wie jemand, der Sie gar nicht sind!“ Ehe ich noch schüchtern zu Ende murmeln kann: „Tun wir das nicht alle?“ ist die Dame auch schon vor lauter Verlegenheit ausgestiegen.

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Was die Kunstwerke wohl von uns denken, wenn wir sie betrachten, auf diese oder jene Weise, fragen sich Ingrid Mylo und Felix Hoffmann in ihrem heroischen dOCUMENTA-Tagebuch. Von den Kunstwerken weiß ich es nicht so genau, aber mit den Affen habe ich einmal darüber geredet. Sie haben gesagt, dass die Blicke der Zuschauer immer etwas konstruieren, was haarscharf neben ihnen ist. Wenn sie betrachtet werden, dann werden die Affen im Zoo also immer von ein paar Gespenstern begleitet. Die einen mögen das, die anderen nicht so sehr. Vielleicht ist es mit Kunstwerken auch nicht viel anders.

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Also echt, sagt ein Zwölfjähriger zu seinem Kumpel im Bus, während ein dritter aufs Einsteigen wartet: Der ist sowas von Hartz IV. Mit dem will ich nicht zusammen sitzen.

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (14)

Ein wunderbarer Satz aus dem Artikel „Wider alle Tradition“, aus der F.A.Z. vom 31. August 2012. Er ist so wunderbar, dass ich ihn überhaupt nicht kommentieren will, weder satirisch noch sonstwie. Er lautet:

„Viele Afghanen gelten als künstlerisch begabt.“

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Eine Nachricht, wohlgemerkt, nicht etwa eine Anzeige, in der Münchner Abendzeitung:

„Bei PEEEP ist schon o’zapft Weiterlesen