Kleinigkeiten (20)

Wann wird ein Politiker unmenschlich? Vielleicht dann, wenn ihm oder ihr das System wichtiger ist als die Menschen, die in ihm leben. Was den Sozialismus anbelangt, so nennen wir das „Stalinismus“ und sind zu Recht entsetzt. Was den Kapitalismus anbelangt, nun, wir werden sehen.

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Ein Symptom des späten Kapitalismus ist das, was man das sinnlose Großprojekt nennen kann. Es bündelt Kapital, Mafia und Politik in einem scheinbar progressistischen Kraftakt, in aller Regel gegen die Interessen großer Teile der Gesellschaft. Unterirdische Bahnhöfe wie in Stuttgart und nun auch in Florenz, Tunnels und Flughäfen. Aber auch Kleinstädte haben ihre kleinen Großprojekte, auch hier Bahnhofsverlegungen, Altstadt-Umgestaltungen etc.

Das sinnlose Großprojekt hat als erste Aufgabe keineswegs die Verbesserung der Welt, in der wir leben. Selbst jene Vorteile, die uns versprochen werden, tolle zehn Minuten früher irgendwo ankommen, noch mehr Shopping usw., auf die wir liebend gern verzichten würden, werden konsequent verfehlt. Die Nachteile dagegen steigen ins Unermessliche, beinahe immer werden sie vorher verschwiegen, schöngeredet, unterdrückt. Nein, das sinnlose Großprojekt hat ausschließlich zum Ziel, Geld zu bewegen und Macht zu verteilen. Es ist in aller Regel gerade fertiggestellt und fängt bereits wieder an sozial und architektonisch zu verfallen. Denn alles ist hier darauf ausgerichtet, öffentlichen Raum nicht zu erzeugen, sondern zu vernichten.

Das Scheitern in Form von Verzögerungen, Pleiten und Kostenexplosionen ist struktureller Teil des sinnlosen Großprojektes. Weiterlesen

Die Rolle des Biertrinkens bei der Entstehung des deutschen Faschismus

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Nicht jeder, der Bier trinkt, ist ein Nazi, das wäre ja noch schöner. Und nicht jeder Nazi trinkt Bier. Hitler unterschied sich von seinen Helfern ja auch durch sein Abstinenzlertum. Trotzdem scheint es einen intensiven Zusammenhang zwischen diesem alkoholhaltigen Getränk und der Bereitschaft, sich grölend auf Mord und Totschlag einzustimmen zu geben. In Deutschland.

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Mir scheint, es gibt drei wesentliche Beweggründe für deutsche Menschen, sich den Nazis anzuschließen:

1. Die Aussicht auf Beute, und darauf, dass die Beute auch wieder sanktioniert wird. Das Hauptmotiv im „Judenhass“ ist weder politisch noch „biologisch“, sondern einfach eine Maske dafür, den anderen totschlagen und sich seinen Besitz aneignen zu dürfen. Der Krieg wird gewiss nicht mehr aus der „Begeisterung“ heraus geführt wie der Erste Weltkrieg, keine „Reinigung“ und „Wiedergeburt“ ist da in Sicht. Auch der Krieg ist ein gewaltiges Mord- und Raub-Unternehmen; die Produktivkraft, die man dem Opfer im eigenen Land gestohlen hat, während man es systematisch ermordete, muss irgendwo hin. Und vielleicht muss man selber irgendwo hin, Spuren verwischend. Man braucht Land und Märkte, Rohstoffe, möglicherweise Sklaven. (Und auch hier soll ja der unterste und gemeinste Soldat immer noch sich als überlegen und privilegiert empfinden.)

2. Die nationalistische, rassistische und ideologische Selbstüberhöhung. Der skrupellose Räuber und Mörder wird zugleich zu einem „Besseren“, nämlich zum Herrenmenschen, dem die Beute auch „zusteht“ Weiterlesen

Kleinigkeiten aus dem Poesie-Album

Das Schönste am Net ist die Maschinenpoesie: Dada Rules Okay!

„Die Website seesslen-blog.de beschäftigt sich mit den Themen Schönste, Deutschland, Georg und Seeßlen aus dem Bereich Blogs. seesslen-blog.de ist ein wenig bekannt in Deutschland und steht für Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn.“ (Beschreibung in „Webwiki“)

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Ein wiederentdecktes Mundartgedicht des postsituationistischen Lyrikers Edgar P. Kuchensucher:

Drühaberlna

Zeimfuffioba, da huada drentadings

Hostnagseng?

Huabahand auffi

Und ummi, oiwei ummi Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (3)

„Gerade hat Georg Seeßlen, Autor u.a. des möchtegernklugen Buches „Blödmaschinen“, in der „TAZ“ die Abschaffung des Feuilletons gefordert (weil es der „bürgerlichen Persönlichkeit“ entspreche und diese so wie die „bürgerliche Zeitung“ verschwinde, man kennt das), da führt uns das höchst lebendige deutsche Feuilleton einen perfekten Meta-Krimi vor.“ (aus DIE PRESSE, 16.08.2012, Autor Thomas Kramar)

So heißt es in der Zeitung, die sich einfach „Die Presse“ nennt. Jetzt weiß ich es: Ich bin Mit-Autor eines „möchtegernklugen“ Buches. Ach, möchten wir nicht alle ein bisschen klüger werden?

Chor der feuilletonistischen Knochenmänner: Nö, möchten wir nicht. Weil, was hat ein Möchtegernkluger schon für Chancen gegen die Man-kennt-das? Die Man-kennt-das sind eine Feste Burg und die Möchtegernklugen sind draußen im Wald, und wer das Verschwinden der bürgerlichen Persönlichkeit bemerkt, was, nebenbei auch ein paar ziemliche kluge Köpfe der sogenannten Geisteswissenschaften tun, die für die Man-kennt-das natürlich keinerlei Relevanz besitzen, dem wird es noch strafverschärfend vorgehalten, wenn die Verhältnisse tatsächlich so idiotisch sind, wie er sie beschrieben hat. Das größte Vergehen der Möchtegernklugen ist, dass sie manchmal ziemlich recht haben, und das ist echt lästig. Und das Schlimmste ist, dass die Möchtegernklugen ja eigentlich gar nicht recht haben wollen. Sondern nur zum unruhigen Denken anregen. Das Rechthaben überlassen die Möchtegernklugen nur allzu gern den Man-kennt-das.

Und denen ist es in der Tat ein Beweis für die Lebendigkeit des deutschen Feuilletons wenn einer von den Feuilletonisten einen Kriminalroman schreibt, indem er sich als alter Schwede ausgibt Weiterlesen

Geschmack und Verachtung

Erste Annäherungen an einen gesellschaftlichen Paradigmen-Wechsel

Paul Valery hat gesagt, der Geschmack bestehe aus tausenderlei Ekel. Guter Geschmack ist also wohl so etwas wie eine elaborierte Vermeidungsstrategie gegen das, was Ekel auslöst. Geschmack beschreibt die Welt-Grenzen des Subjekts, also solche Grenzen nach unten, zur Sünde, zur (wilden) Natur usw., zur Seite, also gegenüber dem nächsten, anderen, fremden, und schließlich nach oben, zur Perversion und zur falschen Herrschaft. Aber auch Grenzen gegen das Verschwinden, die Auflösung, die Unsichtbarkeit. Wir müssen uns einen Menschen wie Oscar Wilde als einen von Ekel erfüllten Mann vorstellen. Und natürlich wissen wir, wie schnell man Menschen, die einen guten Geschmack haben, aus der Fassung bringen kann.

Vor allem mag dieser Ekel die eigene Person, den Körper, die Geschichte, die Schuld betreffen. Guter Geschmack wäre eine Rettung des bürgerlichen Menschen vor sich selbst. Man muss im Äußeren unterscheiden, was man im inneren nicht begrenzen kann.

Dass man immer noch Körper ist, und nicht nur einen Körper hat, das löst Ekel genug aus, um einen lebenslangen Kampf mit dem Geschmack zu führen-

Natürlich muss man zwischen Geschmack und dem „Geschmacksurteil“ unterscheiden, von dem Immanuel Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“ spricht. Während der Geschmack zu einem Lebensdesign führen mag (weshalb man ihn gern vorlebt ohne ihn zu erklären, ihn teilt, ohne ihn zu befragen) ist das Geschmacksurteil an den Diskurs gebunden: „Die Bedingung der Notwendigkeit, die ein Geschmacksurteil vorgibt, ist die Idee des Gemeinsinns“.[1] Ein vertrackter Satz, Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (2)

Was zum Teufel ist eigentlich mit unserer Sprache und mit unseren Sprechweisen los? Seit eine Reporterin in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender von einem „Inneren Reichsparteitag“ schwadronierte, scheinen unsere bürgerlichen Medien von einer Art nationalistischem/militaristischem/faschistischem Tourette-Syndrom befallen. So muss, nur zum Beispiel, die arme Feuerwehr von Treffelstein/Regensburg laut Süddeutscher Zeitung vom 4./5. August 2012 einen „Großkampftag“ durchführen, wegen Unwettern und weil doch mehr als 170 Feuerwehrleute im Einsatz waren.

Bescheidene Frage: Muss das sein? „Großkampftag“? Haben tapfere Feuerwehrleute solche Militarisierung ihrer segensreichen Tätigkeit verdient? Und wir Leser einer menschenfreundlichen Zivilgesellschaft?

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Und was, liebe F.A.Z., kann der Sigismund dafür, dass der Aegyptica sammelnde Dr. Freud nicht Siegmund, sondern Sigmund hieß?

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Wie dem auch sei, Olympia ist vorbei, und die Welt wird wieder Fußball-förmig.  Zeit, unter anderem, für ein „SPORT – Neu! GROSSE JAHRESAUSGABE: BUNDESLIGA SONDERHEFT 2012/2013, präsentiert von TV Movie Perfekt Für Digital-TV“ (für fünf Euro und fünfzig Cent). Darin werden nicht nur 256 Seiten und je 72 „Vereinsseiten“ versprochen, sondern auch „Pro Club 1 Experte“. Das ist ein schöner Etappensieg der deutschen Expertenkultur.

Aber warum, um einen berühmten Billy Wilder-Film zu zitieren, dabei stehen bleiben? Wir müssen über den einen Experten pro Club hinausgehen: Wie wäre es mit einem Experten pro Spieler? Weiterlesen

Kleinigkeiten (19)

Man kann Bayern ja wirklich viel vorwerfen. Aber den Joseph Vilsmaier, den hat Bayern nicht verdient. Oder?

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Die Straße frei den Neonazis. So jedenfalls kann man einen Beschluss der Behörden ansehen, der vergangene Woche eine Kundgebung der NPD auf dem Münchner Rotkreuzplatz erlaubte und dafür den dort ansässigen Obstständen und den Cafés  die Öffnung untersagten. Eine Entschädigung wurde für den Verdienstausfall nicht in Aussicht gestellt.

Über solche Kleinigkeiten regen wir uns natürlich nicht mehr groß auf, denn wir haben ja eine Ruderin, die doch glatt das Olympische Dorf verlassen musste, weil sie mit einem Neonazi liiert ist. Ihr wird mit einer bemerkenswerten Schnelligkeit ein Liberalismus-Kranz geflochten. Dabei stand kein anderes „Grundrecht“ der Sportlerin in Frage, als das, ihr Land zu „repräsentieren“. Wenn man bei einer Olympiade so versessen aufs Nationale ist, dann müssen sich die Mitglieder der jeweiligen „Mannschaft“ gefallen lassen, über sportliche auch bürgerliche und menschliche Qualitäten zu zeigen. Im privatisierten Sport kann jeder und jede machen was das Geld, das man ihm oder ihr zahlt, erlaubt. Die deutsche Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen aber ist ein Projekt der Gesellschaft, gesponsored hauptsächlich by Deutsche Sporthilfe, Bundeswehr und Polizei. Ob ich mich nun für Menschen interessiere, die ein Boot mit Muskelkraft schneller durch das Wasser bewegen wollen als andere, oder auch nicht: Was die Sportler dort treiben, tun sie in meinem Namen (und ein bisschen: mit meinem Geld). Und ich möchte mich nicht von einer Sportlerin repräsentieren lassen, die mit einem Neofaschisten liiert ist, privat oder sonstwie. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (1)

Heribert Prantl hin oder her, Kollegenhäme sowieso. In der Süddeutschen Zeitung gibt es doch auch ganz anderes, interessantes zu lesen. Zum Beispiel dieses:

Loreen, 28, schwedische Popsängerin, kauft am liebsten Schuhe und Unterwäsche. „Ich habe einen echten Fetisch für beides. Wenn du mich beim Shoppen erwischen willst, musst du also nur in der Schuhabteilung oder bei den Dessous nachsehen“, verriet sie dem Magazin Männer. Loreen, die mit ihrer Tanznummer „Euphoria“ den diesjährigen Eurovision Song Contest gewonnen hat, sieht sich selbst als „Party-Pooper des Jahrtausends“. „Bars sind mir zu lärmig. Ich trinke auch keinen Alkohol. Und in Clubs gehe ich wirklich nur zum Tanzen. Solange auf der Tanzfläche genug Platz ist und der DJ gut ist, tanze ich dann stundenlang“, sagte sie.

Und mein Großvater, der schon lange im Himmel der Zeitungsleser Zeitungen aus besseren Zeitungszeiten liest, pflegte, wenn er am Abend seine Zeitung aus der Hand legte, zufrieden zu sagen: „Sind wir schon wieder ein bissel schlauer“. Ist wohl immer noch so. Denn wer hätte gedacht, dass eine schwedische Popsängerin der Party Pooper des Jahrtausends ist und das auch noch einem Magazin mit dem geheimnisvollen Titel „Männer“ berichten muss. Was für eine weite und vielfältige Welt.

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/12

Die Kunst ist noch stets dasjenige verrichtende Geschehen, das die Natur nachahmt. Nur geht es nun nicht mehr darum, wie einst, mit möglichst viel verschiedener prozessualer Technik die Erscheinungen des Natürlichen nachzuahmen, sondern vielmehr darum, eben das Prozessuale des natürlichen Lebens nachzuahmen. Die Kunst will nicht mehr einen Körper nachmachen (als Zeichnung, Gemälde oder Skulptur), sondern sie will so körperlich wie möglich sein (beim Herstellen von allem möglichen, oder doch mehr des Gerade-noch-unmöglichen). Das Technische in der Kunst wiederum ahmt hier nicht die Technik der zweiten Natur (der Industrie und Kommunikation) nach, sondern das Technisch-Prozessuale des wirklichen Lebens.

Natur, natürlich, gibt es nicht. Allerdings gibt es tausende von Grenzen zwischen „Natur“ und, nun, etwas anderem.

Eine der Grenzen liegt gewiss in der Sprachlosigkeit. Natur, Kunst und Technik sind „sprachlos“, aber auf sehr verschiedene Weisen. Während die Natur mehr oder weniger auf ewig „sprachlos“ sein soll, soll sich die Technik auf die Sprache zu bewegen (sie soll früher oder später als Diskurs ein Bewusstsein bekommen), während sich die Kunst von der Sprache weg bewegen soll, im Sinne eines „Über-Sprache-Hinausgehens“: Die Kunst ist eine Explosion der Sprachlichkeit, die Technik eine Implosion.

Die Frage ist stets: Würden Natur, Technik und Kunst auch ohne Sprache „funktionieren“? Bei der Natur nehmen wir es gar als moralische Prämisse: Ökologisches Empfinden entsteht aufgrund des, nun ja, Dogmas: Die Natur kann ohne den Menschen auskommen, aber der Mensch nicht ohne Natur.

Bei der Technik genießen wir gelegentlich die Un-Sprachlichkeit ihrer Protagonisten, die Hilflosigkeit der Bedienungsanleitungen, den Kürzel-Jargon etc.

Bei der Kunst geraten wir, mit einer gewissen Wollust, an den Punkt, an dem man „eigentlich in Worten nicht mehr ausdrücken“ kann, was einen in Beziehung auf das Werk bewegt. Weiterlesen