Titelschutz (14)

In meiner Lieblingsrubrik im Börsenblatt des deutschen Buchhandels wird unter Hinweis auf §§ 5, 15 Markengesetz Titelschutz in Anspruch genommen für ein kommendes Buch mit dem Titel

Vergissmichnicht

Und zwar „in allen Schreibweisen, Variationen, Wortverbindungen und Zusätzen“.

Das ist gut. Das ist sogar sehr gut. Denn nun werden wir Titelschutz in Anspruch nehmen nach §§ 5, 15 Blabla für

Verpissdich

Leckmichdochamarsch

oder auch

Ichkommganzgutohnedichklar,verstehste?

Und zwar in allen Schreibeweisen, Variation, Wortverbindungen und Zusätzen, damit wir uns richtig verstehen.

Ein anderer Titelschutz betrifft

Der Hut meines Vaters

Wir kontern mit

Das Sofakissen meiner Tante Weiterlesen

Die Kamera als sexuelle Maschine

„Männer wollen Frauen sehen“, sagt John Berger kategorisch, „und Frauen sehen sich selber, wie sie angeschaut werden“. Und noch deutlicher: „Eine Kamera ist die Maschine für den männlichen Blick auf den Körper der Frau“. Es gibt gute Argumente gegen ein solch einfaches und kategorisches Modell, aber es lohnt sich dennoch, ihm erst einmal zu folgen. Die Geschichte des sexuellen Bildes scheint diese Aussagen nämlich zunächst zu belegen, zumindest für das, was wir jeweils den Mainstream, den industriell-kulturellen Konsens nennen könnten. Mittlerweile werden die Verhältnisse freilich doch selbst hier ein wenig komplizierter gesehen, so dass wir John Bergers Aussage möglicherweise insofern neu fassen müssen, als dieser Blick des Mannes auf die Frau durch die Maschine gesellschaftlich und historisch produziert ist, und es eher, wie es scheint, eine Frage von Ökonomie, Code und Macht ist, als von „Natur“, wie dieser Blick konstruiert wird und wie er „erwidert“ wird. Man kann John Bergers Aussage übrigens leicht umdrehen, und dann geht es weniger um abstrakte Moral als um kulturelle Praxis: Was durch die Maschine auf den Körper blickt ist „männlich“, und was erblickt wird, ist „weiblich“. Man muss nicht immer so kategorisch bleiben. Aber auch, was die Kamera mit John Wayne, Humphrey Bogart, Arnold Schwarzenegger oder Brad Pitt macht (um nur ein paar typische Mannsbilder zu nennen), beinhaltet ein „Weiblich“-Machen des Bildes und ein „Männlich“-Machen des Blicks. Und raunt es nicht im Alltagsschwätzen: „Ein Schauspieler ist eigentlich kein richtiger Mann! In jeder Frau steckt eine Schauspielerin!“ Weiterlesen

Verlorenes aus der Filmgeschichte (1)

Nudie Cuties

Die nette Form der sexuellen Bilder

In den fünfziger Jahren gab es in Amerika ein sehr seltsames, von heutigem Standpunkt aus liebenswürdig naives (aber natürlich immer noch moralisch höchst unkorrektes) Film-Genre, die „Nudie Cuties“. Das waren Filme, die sich die verrücktesten Ausreden dafür einfallen ließen, dass es beim Sehen und Zeigen zu einem sozialen oder sinnlichen Kurzschluss gekommen war. Es ging, kurz gesagt, darum, Frauen nackt oder wenigstens halbnackt zu sehen, ohne dass der Kerl auf der Leinwand oder der im Zuschauerraum vor Schuld und Scham vergehen musste. Einmal musste sich ein biederer Bürger auf ein FKK-Gelände verirren, das andere Mal bekam einer eine Art Röntgenblick und sah alle Frauen nackt, und wieder ein anderes Mal machte jemanden ein Schlag auf den Kopf zum unschuldigen Spanner. Unnütz zu sagen, dass die Frauen in diesen Filmen sehr eindeutig Frauen waren – und der kleine Freudianer in uns muss schon angesichts dieser Bilder argwöhnen: Dieser Männer-Kinoblick in den fünfziger Jahren (und dieser Retro-DVD-Blick ein halbes Jahrhundert später) sucht nicht nur das Bild der begehrten Frau, nicht nur das tückische Umgehen des allgemeinen Blick-Verbots, sondern auch das Bild einer verlorenen Mütterlichkeit.

Nudies sind Filme, die vor allem nach Vorwänden suchen, nackte Frauen zu zeigen. Männer sind dabei allenfalls als Randfiguren präsent (als komische Voyeure zum Beispiel, als verrückte Wissenschaftler, oder unfähige Detektive), aber der Genuss des Filmes ist in erster Linie an der ebenso „unschuldigen“ wie unge­hemmten Freude an diesem Objekt der Begierde begründet, das bis zu einem gewissen Grad fetischisiert, ja in einem kultischen Sinne verehrt wird. Weiterlesen

Titelschutz (13)

Das Unheimliche, Teil 2

Aus meiner Lieblingsrubrik aus dem Börsenblatt des deutschen Buchhandels, „titelschutz“:

„Unter Hinweis auf §§ 5,15 MarkenG nehmen wir Titelschutz in Anspruch für:

Das Mutterverdienstkreuz.

Und wir? Sollen wir nun unter Hinweis auf die oben genannten Paragraphen des Markengesetzes Titelschutz in Anspruch nehmen für

Das Hakenkreuz

Der Hitlergruß

Reichsparteitag?

Da loben wir uns doch solcherlei titelgeschütztes:

„sofort mehr Umsatz mit dem Mike-Dierssen-5-Stufen-Verkaufssystem“ oder

„Das Pilsl-M-Prinzip“

Wenn mir die Buchhändlerin meines Vertrauens demnächst ein Buch mit einem Titel wie diesem (titelgeschützt nach Paragraphen Blablabla):

20 originelle Strickprojekte für ein gemütliches Zuhause

andrehen will, dann weiß ich: Das versucht sie jetzt nach dem Pilsl-M-Prinzip. Was immer das sein mag.

Ich meinerseits nehme Titelschutz in Anspruch für

Ihrhabtsieechtnichtmehralle!

Und zwar, wie es sich für eine Titelschutzanzeige gehört:

„in allen Schreib- und graphischen Gestaltungsweisen, Schriftarten, mit jedem anderen Zusatz oder in Wort-Kombinationen, als Einzel- oder Reihentitel, für alle Medien.“

Titelschutz (12)

Das Unheimliche, Teil 1

Manchmal kann einem auch eine Lieblingsrubrik unheimlich werden, so etwa die meine: „titelschutz“ im Börsenblatt des deutschen Buchhandels. Dort nämlich meldet der Rita G. Fischer Verlag Titelschutz in Anspruch für:

OLYMPIADE LONDON 2012

Nennen wir so etwas einen Coup, oder was?

Sollte unsereiner mal vorsorglich Titelschutz für

EM FUSSBALL (jedes Land, jedes Jahr, jede Schreibweise)

oder

DER ZWEITE WELTKRIEG

oder

WEIHNACHTEN

anmelden?

Der Kampf um das „Besetzen“ von Themen und Begriffen hat durchaus seine komischen Seiten. Und seine unheimlichen. Doch doch.

ZUR AKTUALITÄT SIEGFRIED KRACAUERS (1)

In Band 22 der Gesamtausgabe von Siegfried Kracauer befindet sich auch das Exposé zu einer Arbeit über „Masse und Propaganda“, in der er, von den sozialen und den ideologischen Folgen der Krise nach dem Krieg ausgehend, die Funktionsweisen faschistischer Propaganda zu untersuchen unternehmen wollte.

Dieses Exposé kann ausgesprochen hilfreich bei der Bewertung der Krise, die wir gerade erleben, und der Antwort sein, die unsere Art von Propaganda, Werbung, Unterhaltung, Information, darauf gibt.

Die Frage ist zunächst: In welcher Art Krise befinden wir uns? Drei Möglichkeiten bieten sich an:

1. Eine (wenn auch vielleicht etwas heftig ausgefallene) zyklische Krise, wie sie für den Kapitalismus gang und gäbe (wenn nicht gar „notwendig“) ist. Also nichts was das ökonomische System und seine politische Begleitung nicht schon irgendwie wieder hinbekäme.

2. Eine Modernisierungs- und Umbaukrise: Nach der Krise werden beide, das Ökonomische wie das Politische in den einzelnen von der Krise betroffenen Gesellschaften wie im globalen Geschehen, vollkommen andere sein als vorher: Die beiden Systeme werden radikal umgebaut. Wir werden unseren Kapitalismus so wenig wieder erkennen wie „unsere“ Demokratie.

3. Eine Krise, die auch mit dem Umbau der Markt- und Herrschaftssysteme nicht mehr bewältigt werden kann und entweder zu deren gewaltsamen Ende oder aber zur Herausbildung von fundamentalen Gewalt- und Terrororganisationen zu ihrer „Rettung“ führt. Für Siegfried Kracauer war die Antwort auf eine Krise, die von einer Demokratischen Regierung und einer Demokratischen Gesellschaft nicht mehr zu bewältigen war, der Faschismus.

Der Unterschied zwischen den drei Krisen-Varianten ist zwar gravierend genug, bleibt aber dennoch eher modellhaft, jedenfalls für Leute, die noch nicht in die Zukunft sehen können, denn im Einzelfall kommt es stets noch darauf an, welche Parteien, Segmente und Fragmente der Gesellschaften die Krise nach welchem Modell behandeln. Weiterlesen