Kleine Zwischenbilanz

Die Frage, in leichter Abwandlung von Guy Debord, ließe sich wie folgt stellen: Wie ist es möglich, dass die Menschen, obwohl sie keinerlei Illusionen, keinerlei Hoffnung, möglicherweise keinerlei Sinn mehr in ihrer Geschichte sehen können, und obwohl es keinen strukturierten staatlichen Gewalt-Apparat gibt, der sie dazu zwingen kann, trotzdem genau so weiter machen wie bisher, das heißt: Wider besseres Wissens und ohne physischen Zwang unsinnige Arbeit verrichten, unsinnige Dinge erwerben und ein unsinniges Leben führen?

Seit geraumer Zeit versuchen wir diese Frage zu beantworten. Es gibt einige Felder, auf denen Aspekte davon möglicherweise zu bestimmen sind:

Die Undenkbarkeit – Unvorstellbarkeit – einer Alternative. „Alles andere ist noch schlimmer“.

Die Flucht in parallele Sinn- und Ordnungssysteme. (Die Sinnproduktionsmaschinen, der Sport, der Tourismus, die Medien, die Kunst – tragen ihren Sinn nicht mehr in „die Wirklichkeit“ zurück.)

Die Manipulation des Begehrens. (Die Sexualisierung der Ware, die Fetischisierung der Sexualität.)

Die Manipulation der Angst. (Die Komplizenschaft zwischen Herrschaft und Apokalypse.)

Das Verschwimmen der Makro- und die Hegemonie der Mikrophysik der Macht. (Die Macht „am Hof“ wird immer undeutlicher; die Macht im Alltagsleben wird immer deutlicher. Der Herrscher muss weniger Zwang ausüben in einer Welt, die aus kaum etwas anderem mehr besteht, als aus Zwängen.)

Die neuen Organisationen der teilnehmenden Ordnung, das Ranking und Rating, das Coaching und Casting, der Echoraum des Internet, die endlose Vernetzung durch die SMS- und iPod-Kultur: Das alleingelassene ist zugleich das vernetzte Subjekt.

Die biopolitische Verwandlung des Begriffs von „Leben“ im allgemeinen (vom richtigen Leben im besonderen). Der Postmensch, der ohne die „alten Fragen“ auskommt (nach Sinn, Moral, Zukunft und Transzendenz).

Die Verwandlung des öffentlichen Raums in den Medienraum.

Die Ökonomisierung und Privatisierung der Welt.

Krieg und Bürgerkrieg als Dauerzustand.

II

Möglicherweise gibt es den Punkt, an dem die Demokratie nur zu retten wäre durch eine radikale Veränderung der Ökonomie. Möglicherweise gibt es den Punkt, an dem die Ökonomie nur weitermachen kann durch eine radikale Veränderung der Demokratie. Dreimal, nein, nur  noch zweimal dürfen wir raten, welche von beiden Möglichkeiten die wahrscheinlichere ist.

III

Nehmen wir eine Beziehung zwischen zwei Idealen: Demokratie und weise Herrschaft. Sie widersprechen und bedingen sich zugleich. Demokratie soll zwar einiges an Regierung, doch möglichst wenig „Herrschaft“ zu enthalten. Die Herrschaft, die Demokratie enthält, bleibt mehr oder weniger verborgen. Sie wird verdrängt, da man sonst ja an Demokratie nicht wirklich glauben würde. Die Herrschaft in der Demokratie ist ein Tabu.

Da über die Herrschaft in der Demokratie nicht gesprochen werden darf, kann sie das genaue Gegenteil von dem werden, was „weise Herrschaft“ wäre, nämlich

dumme Herrschaft

und

böse Herrschaft.

Je böser und dümmer die Herrschaft in der Postdemokratie wird, desto weniger darf von ihr gesprochen werden, denn je kleiner der Rest der Demokratie geworden ist, desto mehr kann er mit seinem Verschwinden und seiner Abschaffung drohen.

Die Postdemokratie ist eine Eisscholle, auf der wir in erderwärmten Gewässern treiben. Wir sehen ihrem Schmelzen zu. Was können wir tun? Alles Feuer wird gefährlich! Auch das der Aufklärung. Verlangt einer etwa danach, die Scholle in anderes, sicheres Gewässer zu bringen, durch gemeinsame Anstrengungen etwa, so hallt ihm „Demokratie“ entgegen. Verlangt ein anderer, zu einer allgemeinen Verständigung über die Gefahr zu gelangen, so schallt ihm „Anarchie“ entgegen (die Eisschollenpolizei kennt da keinen Spaß).

IV

Kung Fu Tse meint: „Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das, was gesagt wird, nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht das Gemeinte ist, dann gedeihen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben die Sitten und Künste, so trifft die Justiz nicht das Rechte. Trifft die Justiz nicht das Rechte, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Daher achte man darauf, dass die Worte stimmen“.

Das Wesen weiser Herrschaft wie das Wesen der Demokratie sind die Worte, die stimmen. Wer weder weise Herrschaft noch Demokratie will, der sorge dafür, dass die Worte nicht stimmen.

3 Gedanken zu „Kleine Zwischenbilanz

  1. Ich glaube nicht, dass die Menschen keinerlei Illusionen un Hoffnungen mehr haben. – Ansonsten scheint mir der Text aber dicht und gut zu sein. Vielleicht könnte man als Kompromiss auch auf einige der genannten Punkte zurückgreifen: (teil-)privatisierte Hoffnungen und Illusionen unter Verzicht auf „alte Fragen“ usw.

  2. Danke für die vielen klugen Gedanken, wie immer bei Ihnen. Vermutlich ist der entscheidende Punkt die Vereinzelung des Subjekts – vor dem Fernseher, vor dem Bildschirm, am Arbeitsplatz, auf dem Arbeitsamt, in der „Freizeit“ – gegenüber den allgegenwärtigen Struktur von Staat, Ökonomie und Medien, die es ihm unvorstellbar erscheinen lassen, etwas gemeinsam mit anderen zu verändern, selbst wenn man sich bewusst ist, dass unsere „Zivilisation“ wahrscheinlich in 100 Jahren untergegangen sein wird. Und dort, wo es ein „wir“ gibt, setzt sich fast immer die Anpassung an beherrschende Machtstrukturen durch. Tatsächlich belohnt die Macht, wie immer sie genau aussieht, eher diejenigen, die sich ihr anbiedern, als diejenigen, die auch nur so aussehen, als ob sie vielleicht Widerstand leisten.

  3. „Der Herrscher muss weniger Zwang ausüben in einer Welt, die aus kaum etwas anderem mehr besteht, als aus Zwängen.“

    … aus Zwängen, deren Erscheinungsform das merkwürdige Phänomen der wechselseitigen Unterdrückung der nicht-Privilegierten durch einander ist. Aber so muß es sein, sonst funktionierte das Arrangement nicht. Offene Diktatur ist angreifbar, der weiche Mulm aus wechselseitiger Beschränkung der Entfaltungsmöglichkeiten ist viel schwerer zu attackieren.

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