KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/12

„Selbst die Fehler sind keine: sondern Absicht auf dieser documenta“. Schreiben Felix Hofmann und Ingrid Mylo in ihrem dOCUMENTA-Tagebuch auf getidan. Aus einer anderen Perspektive, sagen wir: statt der dOCUMENTA-Perspektive die Kassel-Perspektive, kann man diesen Satz auch umdrehen: „Selbst die Absichten sind keine: sondern Fehler auf dieser documenta“.

Einerseits also: Die Absichten der Kunst sind die Fehler der Gesellschaft. (Und noch einmal anders: Die Absichten der Gesellschaft sind die Fehler der Kunst.)

Aber andrerseits: Besteht nicht alle Dynamik der Kunst darin, mit Absicht Fehler zu machen? (Schlechte Kunst wäre demnach eine, die den Fehler gar nicht bemerkt, gute Kunst dagegen eine, die unentwegt an den Fehlern arbeitet.) Weiterlesen

Verhängnisvolles Dreieck

Wir leben und arbeiten, was die Bildung einer mehr oder weniger demokratischen Gemeinschaft anbelangt, in einem verhängnisvollen Dreieck. Es wird gebildet aus den Polen

EMANZIPATION

INTEGRATION                                                       MAINSTREAMING

Es sind dies drei „Diskurse“ zwischen dem einzelnen und einer Gesellschaft, genauer gesagt drei Formen, durch die ein Mensch Mitglied einer Gesellschaft wird.

Natürlich ist dieses Dreieck nur die positive Seite einer größeren Konstruktion, die man vereinfacht in eine Doppelform aus „positivem“ und „negativem“ Dreieck bringen kann:

EMANZIPATION

INTEGRATION                                                     MAINSTREAMING

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UNTERDRÜCKUNG                                              AUSBEUTUNG

VERNICHTUNG

Ein geglücktes Leben könnten wir, meinethalben mit Charles Dickens, als einen persönlichen Weg von der Vernichtung, der man gerade noch entgehen konnte, bis zur Emanzipation beschreiben. Entsprechend kennen wir die Geschichten vom tiefen Fall.

Dieses doppelte Dreieck realisiert sich in allen Zeiten anders, Weiterlesen

Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (9)

HAZ-Hetze oder: Die Fabrikation der Stupidität

(Gesendet im „Nachtflug“ von Radio Flora, 11.6.2012)

In der Nacht vom 6. auf den 7. Juni, wurde in Hannover ein Brandanschlag auf Militärfahrzeuge verübt. Auf dem Gelände des Dienstleistungszentrums der Bundeswehr brannten 6 LKW, 3 VW-Busse und 4 PKW. Die Täter  kannten sich erstaunlich gut aus: Sie überwanden den Zaun an einer Stelle, der von den Überwachungskameras nicht erfasst werden konnte und sie schlugen exakt zu einem Zeitpunkt zu, als eine Flotte fabrikneuer Fahrzeuge für eine Nacht auf dem Platz abgestellt war. So die Presse. (HAZ-Online. 7.6.2012)

Zwei Tage später ging bei mehreren Medien ein anonymes Bekennerschreiben ein, von dem die Polizei den Eindruck habe, dass es authentisch sei – wie es hieß. Weiterlesen

Titelschutz (11)

Aus meiner Lieblingsrubrik „titelschutz“ im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels.

Was schenk’ ich meinem Erbonkel, dem Steuerhinterzieher oder war’s ein Steuerberater?

„Ich war Hals über Kopf erleichtert – Lach- und Prüfungsgeschichten rund ums Steuerrecht“.

Da wird er lachen, mein Erbonkel, wenn das Buch fertig ist vom NWB Verlag in Herne.

Wenn es eher was zum Rätseln sein soll:

„Kirche in ‚Ohne Holz’“.

Was eine Kirche in Ohne Holz ist werde ich entweder erfahren, wenn ich das entsprechende Buch aus dem St. Benno Verlag, Leipzig gelesen haben. Oder auch nie.

Und eine Frage, die ich schon immer beantwortet haben wollte:

„Warum verhalten wir uns manchmal merkwürdig und unlogisch?“

Die Antwort wird es geben; demnächst beim Springer Verlag, Heidelberg.

Das ist das Schöne bei Büchern, die noch gar nicht erschienen, vielleicht noch nicht einmal geschrieben sind: Man kann sich zu ihren bereits juristisch geschützten Titeln einen Inhalt ausdenken. Jedenfalls wenn man nichts besseres zu tun hat.

SELBST AUFERLEGTE STRAFARBEIT

Ich soll nicht soviel Flächtigkeitsfehler machen.

Ich sol nicht soviel Flüchtligkeitsfehler machen.

Ich soll nucht soviel Flüchtigkeitsfehler machen.

Ich sol ni soviel Flüchtigkeitsfehler machen.

Ich soll nicht so voll Flüchtigkeitsfähler machen.

Ick soll nich so viel Flüchtigkeitsfehler machn.

Ich soll nicht so viele, ach so viele Flüchtigkeitsfehler machen.

Jetz märk ich mir das aber!

„Aufnahmehaft“ & „Scheinlibanesen“ – Im Namen der Menschlichkeit

Demokratie und „freie Marktwirtschaft“ waren so lange leicht zu begründen, als sie auf einem tieferen Prinzip von Humanität und angewandter Solidarität beruhten. Die Grundlagen für diese Übereinkunft waren Bürgerrechte und Menschenrechte. Wir sind Zeugen davon, wie der neue Pakt, nämlich der zwischen Postdemokratie und Neoliberalismus, beides einer vorsätzlichen, strukturierten und mehr oder weniger unmaskierten Erosion aussetzen. Es genügt demnach bestimmten Fraktionen dieses neuen Paktes nicht mehr, Unmenschlichkeit zu dulden oder auch zu praktizieren, sie müssen, wie die Regierung von Niedersachsen auch Unmenschlichkeit zeigen. Im Fall der Flüchtlingsfamilie von Ahmed Siala und Gazale Salame sowie ihrer vier Kinder, die auf Anordnung des Landeskreises Hildesheim (möge der Geist zukünftiger Weihnachten die Verantwortlichen heimsuchen!) getrennt wurden, ein Teil in die Türkei abgeschoben, ein anderer in einem Dorf bei Hildesheim untergebracht. Um solch eine unmenschliche Behandlung Hilfe suchender Menschen zu begründen, genügt diesen Behörden die Erfindung eines Wortes: Es handele sich nämlich um „Scheinlibanesen“.

Nun haben sich, neben vielen Organisationen und Einzelpersonen, die ehemalige Familienministerin Rita Süßmuth, ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin und der ehemalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters im Namen der Menschlichkeit an den Ministerpräsidenten David McAllister gewandt, der sich nicht einmal eine nicht-standardisierte Antwort abringt. Merken wir eine Gemeinsamkeit der Petenten? Genau: Es handelt sich um „ehemalige“ Politiker. Deutlicher kann man wohl kaum zwei Dinge ausdrücken:

1.) Von den amtierenden Politikern der ersten Liga scheint sich niemand mehr im Namen der Menschlichkeit hervortun zu wollen,

und 2.) Es hat offensichtlich einen Generationenwechsel in der deutschen Politik gegeben. Die neue Generation hat mit Menschlichkeit nichts mehr am Hut, wie es aussieht. Weiterlesen

Das Imperium lässt zurück schlagen

Wir werden, wohin wir auch kommen, auf die substanz- und würdelose „Kritik“  des „Econotainment“-Buches durch Johan Schloemann in der Süddeutschen Zeitung * angesprochen. Um eine solche „Buchkritik“ zu begreifen, muss man sich vermutlich nur die erste Viertelseite des Vorworts ansehen, und man mag zu dem Schluss kommen: Das Imperium lässt zurückschlagen.

„Dass an Anti-Kapitalismus, wie Slavoj Zizek meint, derzeit kein Mangel herrscht, ist das eine. (Eine „Überflutung durch Kritiken an den Schrecken des Kapitalismus“ ist freilich wohl nicht an allen Ecken und Enden von Kultur und Gesellschaft gleichermaßen zu diagnostizieren; man könnte wohl sagen, diese mehr oder weniger feuilletonistische Kritik werde eben überall dort eingesetzt, wo sie dem System garantiert keinen Schaden verursacht). Das andere ist, dass diese Kritik in aller Regel zu einer Forderung führt, diesen „wild gewordenen“ Kapitalismus zu „zügeln“. Wer oder was wäre dazu in der Lage, wenn nicht der Staat? Doch dieser Staat, die liberal-demokratischen (oder doch schon postdemokratischen) Regierungen, haben sich nicht nur entschieden, in der Krise für das Finanzsystem und gegen die Menschen zu handeln, sie waren auch und gerade in ihrer mehr oder weniger „sozialdemokratischen“ Form, maßgeblich an den Entwicklungen dieses „wild gewordenen“ Neoliberalismus beteiligt. Und nicht viel anderes können wir für jene Medien konstatieren, die „eigentlich“ die Aufgabe hätten, mehr als gerade einmal die „Auswüchse“ des Systems zu kritisieren. Feuilletonistischer Anti-Kapitalismus führt zielgerichtet ins Leere und darf deshalb nicht bloß ein Vokabular benutzen, für das man als tätiger Anti-Kapitalist vor Ort ins Gefängnis kommen kann, sondern in einer hybriden ironisch-gebildeten Volte auch an die allzu lang verschmähten Klassiker des Sozialismus, jedenfalls mal an Marx und Engels, anzuknüpfen. Es kostet ja nichts.“

Offensichtlich soll man so etwas im deutschen Diskurs-Zirkus nicht ungestraft sagen. Die „bürgerlichen“ Medien an ihre Aufgaben zu erinnern, ihnen gar ein Versagen, eine Mitschuld an den herrschenden Zuständen zu geben, ihren Opportunismus zu kritisieren, zu erwägen, dass nicht die Bild-Zeitung an allem Schuld ist, und das schreckliche „Unterschichtfernsehen“, sondern die gehobenen Medien bürgerlicher Bildung und Selbstverständigung – eine Süddeutsche Zeitung kostet heute auch schon 2 Euro und zwanzig Cent: Die echten Verlierer können sich das schon lange nicht mehr leisten, in der Bibliothek werden die Zeitungen auch immer knapper – als Blödmaschinen zur Erzeugung der „kleinen Unterschiede“ (und der kulturellen Grabesruhe) vorführen – das geht zu weit. Touché! Was wollen wir mehr? Der clevere Teil des Imperiums schweigt, und irgendein Dummer eben schlägt zurück.

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Man merkt vielleicht: Ich ärgere mich trotzdem über die Abwertungskritik, so sehr man uns auch versichert, sie sei doch auch selber Beleg für unsere Thesen von den umfassenden Verblödungsmechanismen. Und  noch mehr ärgert es mich, dass es mich überhaupt ärgert. Weiterlesen

Wahlaufruf: Liebe Griechen, …

Liebe Griechen,

zu den wenigen tröstlichen Dingen derzeit gehört die Gewissheit, dass die meisten von euch etwas besseres zu tun haben als die deutsche Ausgabe der Financial Times zu lesen, auch wenn die ihren Wahlaufruf gleich auf deutsch und auf griechisch veröffentlicht:

„Liebe Griechinnen und Griechen,

sorgen Sie für klare politische Verhältnisse. Stimmen Sie mutig für den Reformkurs statt zornig gegen notwendige, schmerzhafte Strukturveränderungen. Nur mit den Parteien, die die Bedingungen der internationalen Kreditgeber akzeptieren, wird Ihr Land den Euro behalten können. Widerstehen Sie der Demagogie von Alexis Tsipras und seiner Syriza. Trauen Sie nicht deren Versprechungen, dass man einfach alle Vereinbarungen aufkündigen kann – ohne Konsequenzen.

Ihr Land braucht endlich einen funktionierenden Staat. Damit es geordnet regiert wird, empfehlen wir die Nea Dimokratia. Das fällt uns nicht leicht. Nea Dimokratia hat über Jahrzehnte eine falsche Politik betrieben und die heutige Misere mitzuverantworten. Trotzdem wird Ihr Land mit einer Koalition unter Antonis Samaras besser fahren als unter Tsipras, der das Rad zurückdrehen will und eine Welt vorgaukelt, die es so nicht gibt.“

Übrigens ist es diese Zeitung, die Financial Times Deutschland, die vor kurzem vorgerechnet hat, wer am meisten am griechischen Desaster verdient. Der deutsche Finanzminister nämlich. Offensichtlich gehen nun die Staaten dazu über, sich gegenseitig in den Ruin zu zocken, so wie die Handlanger-Zeitungen des Neoliberalismus dazu übergehen, statt Analyse und Kritik schiere Propaganda zu publizieren.

Kleinigkeiten (18)

IST SPANIEN DAS NÄCHSTE GRIECHENLAND? Fragt ganz aufgeregt der Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung. Aber nein. Vielmehr ist Holland die nächste Schweiz. Belgien ist das nächste Frankreich. Und, im Vertrauen, die Ukraine die nächste Mongolei. Dass die Süddeutsche das nächste Neue Deutschland ist, haben wir ohnehin schon lange vermutet.

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Cem Özdemir von den Grünen begründet sein Misstrauen gegenüber der Piraten-Partei: „Wer nur Protest möchte, der ist vermutlich bei den Piraten besser aufgehoben: Wir können auch Protest, aber wir wollen auch verändern und gestalten“. Ist Herrn Özdemir gar nicht aufgefallen, was „Ich will gestalten“ im deutschen Politiker-Sprech bedeutet? Es bedeutet: Macht haben wollen. Und für’s Macht haben seinen Preis entrichten.

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Beim Gang durch die dOCUMENTA(13) fällt einem rasch der Widerspruch auf zwischen den Empfindungen, die man haben mag (oder auch nicht), wenn die Kunst zu einem spricht, und dem Narrativ, welches das deutsche Feuilleton dazu entwickelt hat. Nicht genug damit, dass wir mit größtenteils geschmackspolizeilichen Texten zugebaut werden – und sind wir noch froh über jene Angebote, die sich als subjektiver Guide durch ein mächtiges Areal der Kunst verstehen -; richtig unangenehm wird es wieder einmal, wenn sich alle auf dieselben „Exotismen“ werfen. Die Hunde, die Bienen, du lieber Himmel!

Wenn, wie Heidegger meinte, in aller Kunst ein Verstehen „gestiftet“ würde, dann müsste man den praktischen Feuilletonismus der „bürgerlichen Zeitungen“ hierzulande wohl als gelungenen Versuch beschreiben, diese Stiftung zu verhindern. Ich empfehle für einen Besuch der dOCUMENTA folgendes: Es gibt dort einen schönen Raum, in dem man den Sprachen des Windes nachspüren kann. Man begebe sich zunächst dorthin – und lasse sich alles feuilletonistische Geschwätz aus Körper, Geist und Seele blasen. Dann kann, vielleicht, Kunst passieren.

HILFE, DER SOZIALISMUS BRICHT AUS!

Der französische Präsident François Hollande hat die Gehälter der Manager von Staatsunternehmen gedeckelt: 450 000 Euro pro Jahr. Ich kenne Menschen, die in einem harten Arbeitsleben nicht so viel verdient haben. Dafür plant er den Mindestlohn auf über 10 Euro anzuheben, die Rente ab 60 wieder einzuführen, Kündigungen zu erschweren und einen Spitzensteuersatz von 75 Prozent. Hollande versucht, mit anderen Worten, dem Kapitalismus, wo er es vermag, wieder ein menschlicheres Gesicht zu geben und der Demokratie möglicherweise zu einem Fundament der sozialen Gerechtigkeit zuverhelfen. Das ist natürlich unseren Freunden von der F.A.Z. (14. Juni 2012) erheblich zu viel: „Arbeit wird so noch teurer, das wirft französische Unternehmen im globalen Wettlauf zurück. Hollande lässt Antworten auf Frankreichs dringendste Herausforderung bisher vermissen“.

Demnächst, wetten, geifert die Bild-Zeitung über die faulen Franzosen, die, natürlich „auf unsere Kosten“, doch glatt ein Glas Rotwein auf ihr kleines bisschen Sozialismus mit menschlichem Gesicht trinken werden. Aber sie werden schon sehen, was sie davon haben, diese Franzosen, wenn sie nicht Merkelianisch funktionieren wollen! Wer soziale Gerechtigkeit will, den bestraft der Weltmarkt!