Mrz 19 2012

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/12

Veröffentlicht von + unter Kunst.

In Betrachtung von Velazquez’ „Las Meninas“ (Die Hoffräulein), diesem tückischen Diskurs-Sprengbild aus dem Jahr 1656, schreibt Michel Foucault: „In dem Augenblick, in dem die Augen des Malers den Betrachter in ihr Blickfeld stellen, erfassen sie ihn, zwingen ihn zum Eindringen in das Bild, weisen ihm einen zugleich privilegierten und obligatorischen Platz zu, entnehmen ihm seine lichtvolle und sichtbare Art und werfen sie auf die unzugängliche Oberfläche der Leinwand“. Nun aber ist entscheidend, und die Beobachtung seiner selbst oder anderer beim Betrachten von „Las Meninas“ scheint es zu bestätigen, dass das Eindringen zugleich mit einem Draußenbleiben verbunden ist. Der Blick wird unbehaglich, da er sich beobachtet fühlt, man könnte sogar sagen, der Maler drohe damit ihn, den Betrachter zu „malen“ (zu unterwerfen).

In der populären Kultur, im Comic, im Film, im Konzert, ist der Pakt nicht minder zentral: das Bild soll zwar alles aber niemals „etwas“ sehen. Dogma, von tückischen Meistern der Diskurs-Sprengung gebrochen: Du sollst als „Dargestellter“ niemals in die Kamera schauen. (Natürlich darf auch ein Regisseur auf einem PR-Bild nicht den Zuschauer ansehen; das würde ihn vermutlich dringlich daran hindern, unter diesem Blick ins Kino zu gehen!)

1656 also begann die Geschichte von der Auflösung der Repräsentation des Sehens-ohne-Gesehen-zu-werden als symbolische Ordnung, und sie ist bis heute nicht recht viel weiter gekommen, schon gar nicht zu einem „demokratischen“ Verhältnis zwischen Blick und Bild. Denn Velazquez sieht aus dem Bild nicht den Betrachter an sich, sondern das Subjekt. Umgekehrt guckt der Star, der Führer, der Comedian ins Publikum, indem er ein Wir konstruiert (noch im einzelnen, den er auf die Bühne holen mag, sieht er nichts als ein Repräsentierendes des Kollektivs).

Wir sehen daher „Las Meninas“ nicht durch den Blick des Malers, sondern im Gegenteil um ihn herum, als Ergebnis einer Blickkontaktvermeidung. Das „schärft“ womöglich den Blick, und macht ihn zugleich unruhig.

„Las Meninas“ wird auf diese Weise zum Bewegungsbild. Der beunruhigte Blick muss sich bewegen; das Eindringen ist zugleich Flucht.

Wahrscheinlich wollte sich Velazquez nur einen Scherz machen, einmal etwas ausprobieren, sich nicht langweilen oder sogar jemandem eins auswischen. So wischte er dem Bild als Kategorie eins aus, er begann damit das Bild selber auszuwischen. Damit sind wir noch heute beschäftigt.

Das sehende Bild macht den Blickenden blind.

Denn das nicht sehende Bild überträgt dem Blickenden Macht. Das nicht Subjekt-sehende dagegen erzeugt die kollektive Unterwerfung.

Velazequez sieht uns in „Las Meninas“ aber gar nicht wirklich an. Er könnte uns nur nicht einfach übersehen; er nimmt weniger das Subjekt in sein Bildfeld als dass er umgekehrt das Bildfeld subjektiviert. So entsteht diese zweite Angst, nach der Angst gesehen zu werden, die Angst nicht gesehen zu werden.

***

Es ist die Sehnsucht des Kunstwerks, nicht Fetisch zu werden, sein Pakt mit der Aufklärung. In der Post-Kunst, die nicht mehr von der Gesellschaft sondern von den Playern am Kunstmarkt definiert wird, ist dieser Pakt aufgehoben.

***

So beginnt Velazquez’ Kampf um die Emanzipation, um die Würde von Kunst und Künstler, erneut. Gegen einen Auftraggeber, der sie in Wahrheit verachtet und missbraucht.

***

(Wich nicht die römische Schule der Malerei in jenem Jahrhundert noch in den Faltenwurf aus? Darin, behauptete man, liege die eigentliche Kunst, da sie nicht durch das Vorbild der Natur und, würden wir hinzufügen, der Gesellschaft bestimmt seien. Natürlich hat auch die Kunstmarkt-Kunst von heute ihren Faltenwurf. Er liegt im Wesen des Fetisch selber, im Gebot der Einzigartigkeit. So verkommen die Kunstmarkt-Kunst auch sein mag, sie muss immer noch Einzigartiges hervorbringen.)

***

Velazquez rebellierte durch seinen Blick.

Ein Kommentar

Ein Kommentare zu “KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/12”

  1. Melusine Barbyam 19 Mrz 2012 um 19:43 Uhr.

    So interessant Foucaults Überlegungen zu Repräsentanz am Beispiel von “Las Meninas” sind, so sehr – finde ich – überzeugend ist auch die Kritik, die Sventlana Alpers aus kunsthistorischer Sicht an Foucaults Analyse geübt hat:

    http://gleisbauarbeiten.blogspot.de/2010/10/der-blinde-fleck-des-diskursanalytikers.html

    Alpers hält der These Foucaults, das Betrachter-Subjekt sei in “klassischen” Repräsentation im Bild stets abwesend gewesen, entgegen, “dass es stets zwei Typen von Bildern gegeben habe: das „Fenster“-Bild und das „Bild auf der Fläche“. Der erste Bild-Typus eröffne dem Betrachter einen Blick in eine fremde Welt, im zweiten schlage sich Welt gleichsam auf der Fläche nieder, wie das „von einer Linse gebündelte Licht auf der Netzhaut des Auges“. „Der Künstler der ersten Art behauptet: ´Ich sehe die Welt´, während der der zweiten Art zeigt, dass die Welt ´gesehen wird´.“ Beide Formen der „klassischen“ Darstellungsweise repräsentierten mithin schon einen Betrachter.”

Trackback URI | RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag

Hinterlasse einen Kommentar