Feb 17 2012

Kleinigkeiten (16)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Dialektik der Vernunft

Was der Vernunft unterworfen wird, ist ihr verloren. Denn nicht nur das Unterworfene wird durch die Unterwerfung unvernünftig, sondern auch das Unterwerfende.

Der Trick ist, das mit Vernunft betrachtete vom Rationalisierten zu trennen. Rationalisieren, bemerkenswerterweise, bekommt seine negative Konnotation von der Sexualität und von der Arbeit. Das verbotene Begehren und die damit zusammengehörende Schuld werden „rationalisiert“; Arbeitsplätze und Menschenschicksale in der Fabrik wegrationalisiert.

Beim Lastwagen-Bauer MAN lief es, erfährt man aus der Münchner Abendzeitung, dieses Jahr trotz Krise großartig. „Der Umsatz erreichte eine Rekordmarke von 16,5 Milliarden Euro. Sondereffekte trübten aber das Ergebnis, so dass nur 247 Millionen Euro Gewinn zusammenkamen. (Finanzvorstand) Lutz kann selbst diesem Umstand noch etwas Positives abgewinnen: Kostspielige Aufräumarbeiten wie im vergangenen Jahr ‚muss man sich auch leisten können’, sagt er im freundlichsten Schwäbisch.

‚Geleistet’ hat sich MAN die Kalamitäten um den Industriedienstleister Ferrostaal. Er wurde nach Abu Dhabi verkauft, musste dann aber wegen des Schmiergeldskandals zurückgenommen und mit 434 Millionen Euro Verlust an einen Investor weitergereicht werden. Der Vorgang ist mehr als ärgerlich für MAN und schlägt sich bei den Bezügen der Vorstände, die erfolgsabhängig geleistet werden, nieder. Unternehmenschef Pachta-Reyhofen verdiente 2011 knapp ein Viertel weniger als im Jahr zuvor, nämlich 2,97 Millionen Euro.

Die Frage nach der Vernunft stellte sich den Aufklärern einst vor einer absolut unvernünftigen und willkürlichen Natur. Uns stellt sich die Frage nach der Vernunft angesichts der zweiten Natur des Kapitalismus, in dem auf Schmiergeld Aufräumen folgt und ein Verlust-Unternehmen gern einmal weitergereicht wird.

Den Kapitalismus, so wie er ist, als irrational zu erklären, führt uns an die Grenzen der Vernunft.

Ich frage mich indes, warum ausgerechnet FDP-Politiker immer so unangenehm schnarren müssen, wo sie doch angesichts der Vernunft des Marktes, dem sie dienen, voll Gelassenheit sein könnten. Aber nein, sie reden, als wollten sie beständig ihre Belegschaft damit motivieren, dass sie ihnen die Kündigung androhen. So hat der Rösler vom Westerwelle gelernt, dass man redet wie ein Bankangestellter, der seinem guten Kunden vormacht, wie man einen schlechten Kunden abbügelt. Schnarr, schnarr!

Die Syntagmen der Vernunft haben es gegen die Paradigmen des Wahns schwer, dieser Tage.

Jedes Wahnsystem setzt sich aus vollkommen vernünftigen Elementen zusammen. Jedes Wahn-Element entwickelt sich in vollkommen vernünftigen Systemen. Ein Wahnsystem wird auf rationale Weise zur gesellschaftlichen Praxis.

Man muss weder vor dem Wahn noch vor der Vernunft Angst haben, sondern stets vor den Verbindungen von beidem.

Nur Wahnsinnige glauben an die reine Vernunft; Vernünftige aber glauben nicht an einen reinen Wahnsinn.

Was ein FDP-Politiker „Wachstum“ nennt, nennt ein Ökologe „Zerstörung“. Die Vernunft des einen ist der Wahnsinn des anderen. Ob ein System also wahnsinnig oder vernünftig ist, hängt davon ab, auf welches „Außerhalb“ es sich bezieht. Nennen wir es Zukunft, nennen wir es Moral, Gerechtigkeit, was auch immer: Es ist „transzendental“.

So ist Vernunft und Wahn nur zu bestimmen in Bezug auf etwas, was in den Begriffen Vernunft und Wahn nicht zu bestimmen ist.

Die Syntagmen der Vernunft (was ist jetzt vernünftig? Was ist vernünftig für das kommende Jahr? Was ist vernünftig für mich? Was ist vernünftig für uns? Etc.) widersprechen einander schon so hinreichend, dass man darüber ohne weiteres wahnsinnig werden kann. Und ist es nicht vernünftig, sich den Wahnsystemen der eigenen Gesellschaft anzupassen?

Wahnsinnig ist nicht verrückt. Im Verrückten verschieben sich Elemente, im Wahnsinnigen ganze Systeme.

Daher fällt es uns leicht, heute die FDP als nettes kleines Wahnsystem zu erkennen. Morgen, wenn sich ihre Protagonisten dieses unangenehme Schnarren abgewöhnt haben, kommen sie uns vielleicht wieder ganz vernünftig vor. Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass augenblicklich sehr verrückte Verhältnisse herrschen. Jeder, der ihnen systematische Vernunft zuschreibt, kann nur vollkommen wahnsinnig sein.

Es ist aber auch verrückt, an die Kraft der Vernunft zu glauben.

Allerdings mag es auch vernünftig sein, auf das Verrückte zu hoffen.

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