Feb 13 2012
KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 1/12
Das Kunstwerk als Fetisch
Kunst und gesellschaftliches Leben waren noch vor zwei, drei Jahrhunderten selbstverständlich miteinander verknüpft. Sie wird autonomer und „reiner“, spricht das „interesselose Wohlgefallen“ des Ästhetischen an. Dies entspricht den Tendenzen der Privatisierung des bürgerlichen Subjekts, der Innerlichkeit. Die Geschichte der Verbürgerlichung der Kunst ist die von Entfremdung und Heiligung: Nur als Fetisch konnte das Kunstwerk seine Entfernung von der sozialen Praxis überleben.
Auch der Geschmack in der Kunst war „Privatsache“ geworden. „Das Subjekt drückt sich im ästhetischen Urteil ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Werte und Zielsetzungen aus. Im ästhetischen Verhalten entäußert der Mensch sich gleichsam seiner Funktionen als Mitglied der Gesellschaft und reagiert als das isolierte Individuum, zu dem er geworden ist“ (Max Horkheimer) [1]
Die Autonomie der Kunst ist also nichts anderes als ein Instrument zur Herstellung des autonomen Individuums. Dieses ist zweierlei (miteinander verbunden und untereinander in Konkurrenz): Ein (am Ende unerreichbares) Ideal, und ein Privileg.
Das Ideal beinhaltet die Hoffnung, durch ein („demokratisches“) Sprechen über die subjektiven Wahrnehmungen der Kunst zu einer auch gesellschaftlich wirksamen „Erkenntnis“ zu gelangen. Das Privileg indes will eben dies verhindern.
Je mehr das Ideal verschwindet, desto stärker wird das Privileg. So verständigt sich die Gesellschaft über Kunst in den vorherrschenden Diskursen, in denen der Ökonomie und denen der „Unterhaltung“. Eine Aussage über die Ökonomie (in) der Kunst wird zu einem Teil der ewig laufenden Unterhaltung; Kunst funktioniert in den massenmedialen Maschinen wenn es die Elemente der „Prominenz“, der „Stars“, der „Serien“, der „Soap Opera“ gibt. Kunst ist was Bild, Erzählung und Begriff in der Sprache der Unterhaltung werden kann. In der Ökonomie der Aufmerksamkeit.
Die Kunst, die in der Aufmerksamkeitsökonomie der Medien erzeugt wird, und die Kunst, die sich als Privileg bei der Erzeugung der neuen Oligarchisierung der ökonomischen und politischen Herrschaft realisiert, erzielen, eben über ihre Differenz, eine metaphorische Beziehung zueinander. Man trifft sich in der Fetischisierung.
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Drei mal Fetisch. Der Fetisch ist das Ding, das man haben, besitzen will/muss, nicht obwohl, sondern weil es größer ist als man selbst. Der Fetisch ist das Ding, das man zugleich sehen will und nicht sehen will. Der Fetisch, nach Karl Marx [2], spiegelt den Menschen den gesellschaftlichen Charakter ihrer Arbeit als Natureigenschaft dieses Dings zurück. Der Fetisch ist, nach Freud [3], ein materieller Gegenstand, dem geheimnisvolle Macht zugeschrieben wird und der entsprechend verehrt wird, die Projektion einer Wunschvorstellung, die vor der vollständigen Wahrnehmung einer traumatisierenden Erfahrung schützen soll. Dabei wird der Fetisch selber zwar als Symptom aber nicht als Leiden empfunden, im Gegenteil: Von den Männern mit dem Fetisch-Syndrom sagt er, „meist sind sie mit ihm recht zufrieden oder loben sogar die Erleichterung, die er ihrem Liebesleben bietet“. Der Ursprung des Wortes allerdings beinhaltet bereits eine Kritik des Begriffes, aus dem „feitico“ (portugiesisch für Zauber oder Zaubermedium) entwickelten sich in den südeuropäischen Sprachen Denunziationen des Gefälschten und des Künstlichen. Die christliche Mission schrieb den Fetisch den Naturreligionen zu, die es auszurotten galt. Der Fetisch war, was man zerstören wollte (und in den postkolonialen Phantasien ist es der geraubte Fetisch, der dem Kolonialisten in seine Alpträume scheint).
Wie konnte das Kunstwerk zum Fetisch werden? Und warum musste es das tun?
Etwas wird verleugnet (wir müssen Freud nicht unbedingt an die manische Stelle der weiblichen Penislosigkeit und der Kastrationsfurcht folgen, aber in manchen Fällen würde wohl sogar das weiter führen), und etwas begehrt, so fängt das an. Begehrende Verleugnung und verleugnendes Begehren. Aber dieses Ding muss tot sein!
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Und was macht der Kritiker? Er schwätzt von jenen Werten, deren Wandel das Ausgangsmaterial für die Wertschöpfung der Fetisch-Produktion der Kunst war, als wären diese Werte – „objektiv“. Damit liefert er dem liberalen oligarchen Wertschöpfen nicht nur eine mythische Grundlage, sondern er garantiert eine weitere notwendige Dimension des Kunstmarktes, die Hierarchisierung.
Kunst spielt eine Freiheit, die es nicht gibt. Weder als Praxis noch als Begriff. Die Frage ist, ob es sich um eine Annäherung an’s Nicht-Erreichbare oder um einen Ersatz handelt. Die Freiheit der Kunst ist ohnehin limitierter als es die entsprechende Szene wahr haben will. Wo sie sich politisch verstehen lässt, als Eingriff in die Öffentlichkeit (als konkrete Frage nach den Werten), verliert sie blitzrasch ihren Schutz.
[1] Max Horkheimer: Neue Kunst und Massenkultur. In: Kritische Kommunikationsforschung. Aufsätze aus der Zeitschrift für Sozialforschung. München 1973
[2] Marx/Engels Werke Band 23, „Das Kapital“ Bd. I, Erster Abschnitt.
[3] Sigmund Freud: Fetischismus (1927). In: Das große Lesebuch. Frankfurt/M 2009

