Feb 07 2012
Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (7)
Das Buch „Blödmaschinen“, ein „Riesenessay“ (konkret) und weniger eine „Untersuchung“, ist eine Montage aus Nahaufnahmen und panoramatischen „Einstellungen“; das hat Vor- und Nachteile, gewiss. Was, der Möglichkeit einer diskontinuierlichen Lektüre folgend, dabei von einigen Lesern übersehen wurde, ist die Mehrdeutigkeit und kulturgeschichtliche Fülle von populärer Kultur, die eine Kritik der Blödmaschinen erst mit politischer Energie auflädt. Genau darum, sich mit kulturpessimistischer Pose von den bösen dummen Medien abzuwenden, ging es eben nicht. Vielmehr wurde zu zeigen versucht, wie ein sich „von unten“ bildendes Instrument „von oben“ umgewendet wurde, wie Medien der Beherrschten zu Medien der Beherrschung wurden, Instrumente der Erkenntnis zu Instrumenten der Verblendung, wie sich Information mit Kontrolle vermischt und so weiter. Die Blödmaschinen können nur funktionieren, weil sie so viel von uns enthalten, auch von unserer Sehnsucht nach Erkenntnis, nach Freiheit, nach Gerechtigkeit, nach Kooperation. Höchstens im Kleinen als Ergebnis von Verschwörung und Tyrannei, im Großen und Ganzen durch die Prozesse der Ökonomisierung und der „Privatisierung“. Die Fabrikation der Stupidität ist keine Sache der Medien, sondern des Gebrauchs, der von ihnen gemacht wird. (So gilt es, unter anderem, den Begriff der Verantwortung wieder in den Diskurs zu bringen, der mittlerweile, zwischen Dämonisierung und Coolness pendelt.)
In diesem Sinne gilt es auch, den Satz von Max Horkheimer „aufzulösen“: „Mit der fortschreitenden Auflösung der Familie, der Verwandlung des Privatlebens in Freizeit und Freizeit in geistlose Verrichtungen, die bis ins letzte kontrolliert sind, in die Freuden von Sportplatz und Kino, von Bestseller und Radio, verschwindet auch die Innerlichkeit“. Aber auch diese Verarmung der Kultur auf die Rituale der Kontrolle hin, entstand aus ihrem eigenen Gegenteil: Die Freizeit war (und ist) etwas, das den Fabrikherren abgetrotzt werden musste; und Innerlichkeit war zweifellos auch eine „Waffe“ des Bürgertums. Was nun die „Geistlosigkeit“ anbelangt, so würden wir lieber von Prozessen der Entgeistigung sprechen. Weder Fußballspielen noch Fernsehen ist in sich geistlos. Wie beidem – und so vielem mehr – der Geist ausgetrieben wird, der Spirit und die Intelligenz, das lässt sich am konkreten Beispiel zeigen.
Und wenn Theodor W. Adorno die „Distanzlosigkeit“ (zum Beispiel des Fernsehens) als „Parodie auf Brüderlichkeit und Solidarität“ ansieht, so können wir davon ausgehen, dass sich vielleicht das ganze System von Mediokratie und e-democracy als Netz solcher Parodien ausformte: Das endlose Bereden und das Spiel von Teilhabe als Parodie der Demokratie, das Coachen, Beraten, Raten und Richterspielen als Parodie der Gerechtigkeit, die intime Nettigkeit als Parodie der Solidarität usw. – es ist die Maske der politischen Entmachtung des Volkes durch die postdemokratische Mediokratie.
In einer Parodie (oder Simulation) von Demokratie zu leben ist nicht nur im Interesse der „demokratischen Fürsten“, sondern macht auch das Leben der Regierten leichter, machen wir uns nichts vor. „Liberalisieren“, so nennen wir das gern, ist, was die Kommunikation anbelangt, eine „kulturelle Erleicherung“. In der von Adorno diagnostizierten Distanzlosigkeit achtet man nicht mehr so auf seine Worte, seine Erscheinung, vielleicht nicht einmal auf sein Verhalten. Daher wird man immer mehr zur Zumutung für den anderen, was wiederum die Notwendigkeit der „Kontrollen“ erhöht. Wer sich nichts draus macht, anderen Menschen auf die Schuhe zu kotzen oder sie in etwa so obszön verbal zu attackieren, wie man’s im Fernsehen geboten bekommt, der ist kein bisschen „frei“. Aber wir beginnen darüber zu vergessen, was „frei“ bedeuten kann.

