Nov 23 2011

AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (7)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Allgemeines, Kunst.

Zwei oder drei mal (die Quellenlage ist auch hier ein wenig problematisch) nahm der postsituationistische Lyriker Edgar P. Kuchensucher auch an den seinerzeit populären „Schwabinger Nachtlesungen“ teil. Sein Programm begann damals mit dem Lautgedicht

ROMANZE IN MOLL

Tschiggeddy Tschiggeddy

Tschug

Tschiggedy Tschiggeddy

Tschug

Tschug

Tschiggedy

Tschug

Tschiggedy Tschug

Tschiggedy Tschug

Tschug Tschiggedy Tschug

Tschiggedy Tschug Tschug

Tschug Tschiggedy

Tschug

Tschiggedy Tschug

Tschiggedy Tschug Tschug

Tschug Tschiggedy

Tschiggedy Tschiggeddy Tschug

Tschiggeddy Tschug

Tschug

Tschuggedy

Tschigg

Wäre Edgar P. Kuchensucher nicht ein so zurückhaltender Mensch gewesen, er hätte sich ausschütten können vor lachen. Das Publikum indessen (immer den, zugegeben, nicht vollkommen hinreichenden Quellen nach) blieb versteinert, es sollen sich sogar einige Buhrufe erhoben haben, und zumindest für die erste Lesung ist ein roher Zwischenruf verbürgt: „Tschitty Tschitty Bang Bang“, dem ein noch roherer folgte; „Shitty Fuck“. Die „Schwabinger Nachtlesungen“ waren für ihren derben Umgangston bekannt. Entschlossen wie es seine Art war, ging Edgar P. Kuchensucher zum zweiten Gedicht über.

Hammermaul

F aule                                                    V asallen

R anziger                                               I diosynkraten

A rmselige                                             L uden

N ormativer                                           L itografen

C eifige                                                 O lligarchen!

O N ein

I ch

S chieße! (Echt, ich tu’s!)

Wieder rührte sich keine Hand. (Vielleicht war die Drohung nicht recht angekommen, zumal Kuchensucher mit seiner Wasserpistole nur auf das eigene Textblatt zielte.) Das heißt, genau genommen rührten sich doch drei Hände. Zwei gehörten einer Frau in der ersten Reihe, eine Edgar P. Kuchensucher selber; mit ihr holte er das Blatt mit einem Gedicht hervor, mit dem er die bereits verloren geglaubte Schlacht mit dem Publikum beenden würde können:

Wahn fromm See hart

Sehr Goss Mai Baby

Ski Luchs So Fein

Wann D. Ei Hopp

Ski Will Bi Main

End So Wie Go

Leika Sehr stur

Dup-di-du

Dup-di-du

Mai Baby Essen Amerika

Fahr fahr Eh Weh Oh!

Ei Kohl Herr Erika

Ski Kohls Mitte Oh

End So Wie Go

Inner Lohnsumm Weh

Dup-di-du

Dup-di-du

Will Ei See Herr Eber Eh Geh’n?

Mist Herr So Matsch

Drei Toulouse Herr In Weh’n

Sink Schiss futsch.

End So Wie Go

Hau wie Hust Samt Eimer Go

Dup-di-du

Dup-di-du

Da sich zu diesem Zeitpunkt der Zuhörerraum weitgehend geleert hatte, brach Edgar P. Kuchsensucher an dieser Stelle das Gedicht ab, obwohl es, wie in der im Selbstverlag erschienenen Sammlung „Rock’n’Moll“ nachzulesen, noch zwei weitere Strophen aufweist.

Bis auf einen sanft entschlummerten Trunkenbold (von denen gab es damals in der Schwabinger Szene einige) war nur die Patentrechtssekretärin Yvonne Stubenrausch noch im Saal, die tapfer Beifall klatschte. Aus ihrer Aufforderung, doch noch ein Glas Wein zusammen zu trinken, wurde eine desaströse, drei Jahre anhaltende Ehe, der ein Sohn, Edgar Kuchensucher jr., genannt Eddie, sowie eine Gedichtsammlung mit dem Titel „Die Hölle“ entstammt, die wegen ihres „misogynen Grundtons“ auch in der empathischen Kuchensucher-Forschung heftig umstritten ist.

Yvonne Kuchensucher-Stubenrausch heiratete, nach einer kurzen Affäre mit Eichenweich, den Papierfabrikanten Mann, der nach einem betrügerischen Bankrott in Südamerika Asyl suchte und fand; die Spuren von Yvonne Kuchensucher-Stubenrausch-Mann verlieren sich in den achtziger Jahren in Argentinien. Edgar Kuchensucher jr. lehnt jede Äußerung zum „Geschreibsel & Gefasel“ seines Vaters ab. Er arbeitet als Versicherungsstatistiker in Wuppertal.

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