Nov 04 2011
Kleinigkeiten (14)
In den Metropolen, auch denen der reichen Industrieländer mit ihren langen Traditionen von „bürgerlicher Zivilisation“, schauen die Manager der Banken und Konzerne auf die Slums, auf Hunger, Verbrechen, Schmutz, jede Form von menschlichem Elend.
Die Frage ist: Nehmen sie diesen Anblick in Kauf? Ist ihnen „alles andere“ schon so gleichgültig, dass sie ohnehin nichts anderes mehr sehen als Bewegungen des Geldes einerseits, die Erfüllung der Codes in ihren geschlossenen Welten andrerseits? Oder genießen sie diesen Blick sogar, als Angstlust gegenüber jener Wirklichkeit, über die sie sich in jeder Hinsicht erhoben haben?
Diese Frage dreht sich schließlich ins Ungeheuerliche, denn sie läuft auf die Meta-Frage hinaus, ob das Elend lästiger Abfall der kapitalistischen Weltmaschine ist, oder aber ein reales Produkt, ohne dass die Erhebung der Oligarchien nicht spürbar würde, und ohne die die Herrschaft der Angst in seinem Innenraum nicht denkbar wäre.
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Ab sofort ist es Angehörigen der unteren und mittleren Mittelschicht in Deutschland verboten, den öffentlichen Raum im allgemeinen und Fußgängerzonen im besonderen anders als in Jack Wolfskin-Kleidung zu betreten. Zuwiderhandlung wird mit Shoppingverbot nicht unter zwei Wochenenden bestraft. Die Volks-Bild-Polizei.
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Die Grundkräfte unserer gesellschaftlichen Dynamik sind Ökonomisierung und „Privatisierung“. Auch wenn sie sich widersprüchlich verhalten, Ökonomisierung als Überantwortung immer weiterer Lebensbereiche an die Gesetze des Marktes, und Privatisierung als Übertragung von inoffiziellen Rechten an Privilegierte (durch Einfluss und Kapital), diese Gesetze auszuhebeln, scheinen diese beiden Kräfte, inmitten der Sichtbarkeit ihrer katastrophalen Folgen für Mensch und Natur, an Umfang und Geschwindigkeit immer noch zuzunehmen. Mittlerweile sind wir, via „Patent“, bei der Ökonomisierung und Privatisierung allen „verwertbaren“ Lebens, zugleich aber erkennen wir auch eine Ökonomisierung und Privatisierung der „inneren Werte“: Kunst, Philosophie, Religion. Für die Kunst, zum Beispiel, war es am Beginn der bürgerlichen Gesellschaft zwingend notwendig, ihre Autonomie zu beweisen. Das heißt, sie mochte selbst als Produkt ökonomisch sein, „gehorchte“ aber nicht dieser Ökonomie.
In der Praxis sah das natürlich stets schon anders aus; doch nur das Kunstwerk, das seine eigene Autonomie verkörperte, konnte im Salon die Erhabenheit ausstrahlen, welche der Klasse die Selbstermächtigung gab. Also war man überein gekommen, dass etwas, was nur um des Geldes und nur um des Willens des Auftraggebers entstanden sei, unmöglich Kunst sein konnte. Kunst produzierte also in der bürgerlichen Gesellschaft so etwas wie einen negativen Mehrwert, ein gefährliches aber auch konstruktives Potential an, nun ja, „Wahrheiten“.
Mit der Entbürgerlichung der Gesellschaft verliert die Kunst, selbst wenn sie sich zum Druck von Ökonomisierung und Privatisierung nicht vollständig affirmativ zeigt, ihre Autonomie. Möglicherweise gehört es zum gemeinsamen Auftrag von Kunst und Kunstkritik, diesen Autonomieverlust zu reflektieren. Was, in ökonomisierten und privatisierten Medien nicht ganz leicht ist, zumal die Ökonomisierung und Privatisierung von Lebensmitteln, von Medizin und von Gewalt auf den ersten Blick als wesentlich bedeutenderes Problem erscheint. Die Kunst ist indes noch stets Leitmotiv und Experiment für andere Lebensbereiche. Man sollte sich dieser Verantwortung bewusst sein.

