AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (7)

Zwei oder drei mal (die Quellenlage ist auch hier ein wenig problematisch) nahm der postsituationistische Lyriker Edgar P. Kuchensucher auch an den seinerzeit populären „Schwabinger Nachtlesungen“ teil. Sein Programm begann damals mit dem Lautgedicht

ROMANZE IN MOLL

Tschiggeddy Tschiggeddy

Tschug

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KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/11

Die Idee der Kunst in der bürgerlichen Epoche war die Erhabenheit sowohl des Senders als auch des Empfängers. Kunst richtete sich an die Menschheit, und vielleicht sogar noch mehr, an eine Menschheit im Werden, an die Zukünftigkeit im Menschen, und sie richtete sich an sich selbst. Zweimal freilich ergaben sich damit Unbestimmtheiten des Austauschs, die niemals dem näheren Blick standhielten: Ein unbegrenztes Alles als Objekt und ein hoch konzentriertes Subjekt (kein Wunder, dass die niederen Stände und die Kinder spotten mussten über die Heiligkeit der Kunst).

Was man vom Künstler gerade noch (aber selten genug) verlangen kann, nämlich sich selber nicht allzu ernst zu nehmen, ist von der Kunst an sich unter keinen Umständen zu erwarten. Was würde geschehen, wenn die Kunst sich nicht ernst nimmt? Neben vielem anderen wäre sie sehr rasch Opfer anderer sozialer Diskurse, würde im Spektakel, in der sozialen Bewegung, in der Werbung, in der Erziehung usw. verschwinden. So bleibt die Heiligkeit als Selbstschutz erhalten, auch wenn die Kunst längst nicht mehr die Funktion erfüllt, die sie in der bürgerlichen Gesellschaft hatte. Weiterlesen

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER (20)

Auf den Alpen glühte das Alpenglühn. Ein bayerischer See gluckste verständnisvoll. Von fern pulste die Autobahn.

„Es gibt eben Sachen“, sagte Herr Reiner und sah versonnen auf den Hintern der Kellnerin, „die kann man für Geld nicht kaufen“.

„Oder“, antwortete Herr Kainer, „von den Dingen, die man für Geld nicht kaufen kann, kann man getrost zweifeln, ob es sie überhaupt gibt“.

„Dann muss man sie eben erfinden“, entgegnete trotzig Herr Reiner.

„Damit man sie doch kaufen kann“, murmelte Herr Kainer und sah wieder in sein Weißbierglas.

Und die Alpen versanken beschämt im Abenddunst. Der bayerische See schwappte grimmig. Und die Autobahn bereitete sich auf ihren täglichen Infarkt vor.

Kleinigkeiten (14)

In den Metropolen, auch denen der reichen Industrieländer mit ihren langen Traditionen von „bürgerlicher Zivilisation“, schauen die Manager der Banken und Konzerne auf die Slums, auf Hunger, Verbrechen, Schmutz, jede Form von menschlichem Elend.

Die Frage ist: Nehmen sie diesen Anblick in Kauf? Ist ihnen „alles andere“ schon so gleichgültig, dass sie ohnehin nichts anderes mehr sehen als Bewegungen des Geldes einerseits, die Erfüllung der Codes in ihren geschlossenen Welten andrerseits? Oder genießen sie diesen Blick sogar, als Angstlust gegenüber jener Wirklichkeit, über die sie sich in jeder Hinsicht erhoben haben?

Diese Frage dreht sich schließlich ins Ungeheuerliche, denn sie läuft auf die Meta-Frage hinaus, ob das Elend lästiger Abfall der kapitalistischen Weltmaschine ist, oder aber ein reales Produkt, ohne dass die Erhebung der Oligarchien nicht spürbar würde, und ohne die die Herrschaft der Angst in seinem Innenraum nicht denkbar wäre. Weiterlesen