Okt 30 2011

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/11

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken, Kultur.

12 Anmerkungen zum Verhältnis von Kunst und sozialer Bewegung

1

Jede soziale Bewegung ist zugleich eine ästhetische Bewegung. Es ist daher nicht die Frage, ob die Kunst etwas für die Bewegung tun kann (ob man, mit Bildern, mit Liedern, mit Theater oder Film, zum Beispiel, „die Welt verändern“ kann); das eine ist schlicht ohne das andere nicht denkbar.

2

Warum wird die Kunst in bestimmten Situationen und in bestimmten (politischen, ökonomischen, kulturellen) Milieus von solcher Bedeutung? Ganz offensichtlich ist die Spannung zwischen dem Kunstmarkt und der gesellschaftlichen Konstruktion der Kunst um etliches größer als in vielleicht „ruhigeren“ Zeiten. Die Frage ist mehr denn je: Wem gehört die Kunst.

3

Schon lange nicht mehr war Kunst so sehr eine Anlage für nomadisierendes, meistens anonymes, privatisierendes (und seien wir ehrliche: kriminelles) Kapital wie derzeit; man spekuliert damit nicht anders als mit Aktien, Rohstoffen und Lebensmitteln. Es ist nicht im geringsten einzusehen, warum die Kunst in dieser Situation „unschuldig“ ist.

4

Eine Kunst, die sich – eher personal als methodisch zunächst – beherzt auf die Seite der sozialen Bewegung stellt, ist in gewisser Weise für den exaltierten Kunstmarkt verloren.

5

Das doppelte Wesen der Kunst besteht darin, entweder jenseits der Wirklichkeit zu führen, in einen utopischen, reinen oder mythischen Raum (in dem man sich „loslösen“ kann, durchaus einem religiösen Raum vergleichbar), oder aber „hinter“ die Wirklichkeit und ihre Machinationen zu sehen, die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit zu erkennen.

6

Kunst existiert nur insofern sie – unter bestimmten Bedingungen – ökonomisiert ist. Und das trägt auch den Keim der Privatisierung in sich: Die reichen Sammler unserer Zeit unternehmen drei Strategien gegenüber dem ästhetisch-ökonomischen System Kunst, was vorher nur in Ansätzen möglich war, in einer radikalisierten Form:

a) Sie entziehen das Kunstwerk dem öffentlichen Gebrauch und dem öffentlichen Diskurs nach Belieben.

b) Sie übergeben das privatisierte Kunstwerk dem öffentlichen Blick unter der Maßgabe zurück, dass die Politik (Staat, kommunale Verwaltungen etc.) den architektonischen und logistischen Rahmen dafür bilden. Die großen Sammler „veröffentlichen“ ihre Schätze – im Klartext – dafür, dass die Gesellschaft den ab einer gewissen Sammlungsgröße absurden Preis für die Lagerung und die Organisation bezahlt. So kehrt die privatisierte Kunst als ökonomisierte in die Obhut, nicht aber in den ideellen und materiellen Besitz der Gesellschaft zurück.

c) Wie alle anderen Märkte auch, wo wird auch der Kunstmarkt von den Vertretern der Gewinner-Oligarchien manipuliert. So wie sich die Finanzwirtschaft eine Wissenschaft als Legitimation und als Beschwichtigungsinstrument hält, so hält sich der Kunstmarkt mittlerweile eine vollkommen hörige Kunstwissenschaft. Am Ende obliegt dieser „Szene“ nicht allein der Handel mit Kunst (die Umverteilung der ästhetischen Produktion einer Gesellschaft von unten nach oben), sondern sogar die Definition von Kunst.

7

Der Kampf um die Kunst ist entscheidend im „Klassenkampf“ eingelagert (die bürgerliche Gesellschaft konnte ohne Kunst nicht gebildet werden); er ist auch jetzt nichts anderes als der Kampf um die Vorherrschaft: Wenn die Kunst der Gewinner-Oligarchie des Neoliberalismus „gehört“, ist eine Deutungsmacht gleichsam privatisiert, die weit über das engere Feld der Kunst hinaus reicht.

Wir unterscheiden daher wohl zurecht drei Formen von Kunst: Kunst, die für die Sammler interessant ist, Kunst, für die sich – aus Gründen, um die noch gerungen wird – eine politische Kunstpolitik und -förderung zuständig fühlt, und schließlich eine Kunst, für die sich weder der eine noch der andere Sektor interessiert – diese Kunst kann für die soziale Bewegung von besonderer Bedeutung werden, wenn sie nicht dem Irrtum verfällt, ausschließlich diskursiven, argumentierenden, aufklärerischen, ja sogar „propagandistischen“ Zwecken zu dienen.

8

Auch jene dissidente Kunst, die sich der sozialen Bewegung verpflichtet fühlt, ist vor allem Kunst, und folgt dem Auftrag zugleich das utopische Jenseits und das verborgene Innere der öffentlich akzeptierten gesellschaftlichen Realität zu behandeln. Oberstes Gebot der Kunst bleibt also ihre Freiheit.

9

Daher definiert am Ende der Kampf um die Kunst, wenn es einen solchen gibt, auch den Begriff der Freiheit entweder im Sinne des Markt-Liberalismus oder im Sinne der demokratischen Partizipation.

10

Eine soziale Bewegung mit der Kunst, die ihr zusteht, ist stets reicher und greift in Raum und Zeit über die wesentliche Besetzung realer Zeiten und realer Räume hinaus. In ihrer Kunst ist die soziale Bewegung schon nachhaltiger als in anderen Belangen.

11

Mehrfach in der Geschichte der Kunst kam es zu Situationen der Spaltung und des Widerspruchs (zwischen kirchlicher und ziviler Kunst, zwischen aristokratischer und bürgerlicher Kunst, zwischen reaktionärer und progressiver Kunst etc.). Warum sollte es nicht zu einer Spaltung zwischen neoliberaler und dissident-demokratischer Kunst kommen?

12

Bis zu einem gewissen Grad macht die soziale Bewegung eine andere Spaltung rückgängig, die zwischen Kunst und Pop. So wie es hier auch keinen Unterschied zwischen Kultur und Politik gibt, gibt es auch keinen zwischen ästhetischer und politischer Arbeit. Dies freilich ist keinem Dogma unterworfen und schon gar keiner Rhetorik, keiner Kontrolle und keiner Definitionsmacht, sondern ausschließlich der gemeinsamen Praxis.

5 Kommentare

5 Kommentare zu “KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/11”

  1. Wolfgang Z. Kelleram 14 Nov 2011 um 20:40 Uhr.

    Hab grosses Interesse, diese Thesen im kleineren Kreis engagierter KollegInnen zu diskutieren, um dann zu einem womöglich gemeinsamen Schluß zu kommen.

  2. Henning Blockam 16 Nov 2011 um 07:55 Uhr.

    da bin ich aber froh, dass ich mich noch nicht aus Liste ausgetragen habe…..
    Danke für diese Zusammenfassung.

    @Wolfgang Z. Keller Ich wünsche der elitären Kaderschmiede gutes Gelingen bei der Umsetzung…..

  3. gatoam 16 Nov 2011 um 13:27 Uhr.

    “Mehrfach in der Geschichte der Kunst kam es zu Situationen der Spaltung und des Widerspruchs (zwischen kirchlicher und ziviler Kunst, zwischen aristokratischer und bürgerlicher Kunst, zwischen reaktionärer und progressiver Kunst etc.). Warum sollte es nicht zu einer Spaltung zwischen neoliberaler und dissident-demokratischer Kunst kommen?”

    sehr gut. ich denke genau das sollte es werden, genau dahin sollte es gehen. interessante denkanstöße…

    ich würde diese ideen nur nicht im “kleineren kreis” besprechen, wolfgang, sondern auf der straße, im camp, zum beispiel auf einem sogenannten workshop mit anschließenden gespräch, wo jeder was beitragen kann. sonst landet diese kunst wieder in schicken galerien unter geschlossene gesellschaft. “demokratische kunst” sollte meiner meinung nach zum mitmachen und für alle offen sein, genau so wie die philosophische auseinandersetzung mit ihr. wie im text angedeutet wird, der öffentlicher gebrauch der kunst sollte wiederhergestellt werden. dafür muss kunst ja auch öffentlich und für alle zugänglich gemacht werden.

  4. timEam 16 Nov 2011 um 14:25 Uhr.

    Bei Kunst im Öffentlichen Raum werden wir nicht nur mit Genehmigungen konfrontiert sondern kreieren Konfliktsituationen mit Behörden, Eigentümern, Urheberrechten, Förderen und deren Interessen.

    Auch wenn wir das Internet und soziale netzwerke als Medium in der Vorbereitungsphase nutzen, tauchen die üblichen Fragen auf:

    1. Was wollen wir vermitteln (Botschaft)
    2. Wer soll in den genuss der (Kunst-Message) kommen
    3. Wie wollen wir Publikum erreichen
    4. Wann + Wo
    5. Wer sind Wir

    http://www.bananenstau.de

  5. M.am 17 Nov 2011 um 10:55 Uhr.

    Diese Zusammenfassung lässt mir seit dem ersten Lesen keine Ruhe.
    Sie birgt großes Diskussions-Potential und Gefahren, wie man sieht.

    Was hat der Künstler mit all dem zu tun?
    Wie oft und an welchen Ärschen muss der Künstler wie lange lecken um Anerkennung zu bekommen.

    Da komme ich auf den Punkt des obersten Gebotes, nämlich der Freiheit der Kunst.

    Wie frei kann ein Künstler und somit seine Kunst sein, wenn eine Kultur- und Kunstpolitik und der
    Kunstmarkt die tragende Rolle in diesem Schauspiel oder sagen wir mal “Catwalk” spielen.

    Wenn man die Kunst, als Künstler, aus Notwendigkeit und aus einem Müssen heraus
    betreibt (Kunst ist meines Erachtens wie Durchfall, was raus muss, muss raus)
    dann kann man sie als das eigene Kind sehen.
    Wenn man sie als Babies sieht und ihnen den Wert beimisst den sie haben sollten
    wie käme man darauf sie dem Kunstmarkt zur Verfügung zu stellen, wenn der Kunstmarkt ein
    vergnügungssüchtiges It-Girl ist?

    Jemand der Kinder hat, weiß, dass jedes Kind anders ist.
    Verkaufsstrategien wie der Wiedererkennungswert und der Marktwert sind beides Dinge die
    sich kein Künstler ausgedacht hat.
    (Zumindest keiner den ich persönlich als großen Künstler bezeichnen würde)

    Die Kunst ist frei, Sie muß es bleiben. Sie darf nicht zum Werkzeug von politischen Organisationen
    werden. Eine der befriedigsten Wesenszüge in der Kunst ist, dass ich mit vollster Überzeugung gestern, heute
    und morgen für den Beitritt Palästinas in die UNESCO sein kann und mit ebensolcher Überzeugung gestern,heute und morgen gegen Rassismus und Antisemitismus bin.

    Die Frage ist also nicht nur wem gehört die Kunst, sondern wo steht die Kunst.

    Eine einsame und mühsame, materiell arme und kreative Angelegenheit.

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