HABEN SIE DEN MUT, NEIN ZU SAGEN!

Brief an eine junge Polizistin, an einen jungen Polizisten

Was haben Schuldenkrisen, Staatskrisen, Bankenkrisen, die starr neoliberale Politik der meisten europäischen Regierungen und die neuen „bürgerlichen“ Oppositionsbewegungen gegen sie mit der Polizei und ihrer Rolle in der Gesellschaft miteinander zu tun? Eine ganze Menge, insofern es um die staatlichen Reaktionen auf die verschiedenen Formen des zivilen Ungehorsams gegen eine Politik geht, die sich um das Wohl von Banken mehr kümmert, als um das der eigenen Bevölkerung. Es ist abzusehen, dass der Widerstand in der Bevölkerung gegen diese Politik der ungerechten Verteilung der Gewinne und der Lasten zunehmen wird, und dass an mehreren Orten, wie jetzt in Griechenland, entstehen wird, was unsere Medien „bürgerkriegsähnliche Zustände“ nennen. Und es ist absehbar, dass die Regierungen, der populistischen Lippenbekenntnisse zum Trotz, in diesem Zustand einer an ihrer eigenen Ungerechtigkeit auseinanderbrechenden Gesellschaft gegen ihre unbotmäßigen Bürger immer mehr die Polizei einsetzen wird. Eine Polizei, die möglicherweise zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, auch in Deutschland um ihr demokratisches Grundverständnis ringen muss. Weiterlesen

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/11

12 Anmerkungen zum Verhältnis von Kunst und sozialer Bewegung

1

Jede soziale Bewegung ist zugleich eine ästhetische Bewegung. Es ist daher nicht die Frage, ob die Kunst etwas für die Bewegung tun kann (ob man, mit Bildern, mit Liedern, mit Theater oder Film, zum Beispiel, „die Welt verändern“ kann); das eine ist schlicht ohne das andere nicht denkbar.

2

Warum wird die Kunst in bestimmten Situationen und in bestimmten (politischen, ökonomischen, kulturellen) Milieus von solcher Bedeutung? Ganz offensichtlich ist die Spannung zwischen dem Kunstmarkt und der gesellschaftlichen Konstruktion der Kunst um etliches größer als in vielleicht „ruhigeren“ Zeiten. Die Frage ist mehr denn je: Wem gehört die Kunst. Weiterlesen

Bürger O.

Odysseus, der listenreiche, lässt, um sein Schiff vor dem Verderben zu retten, seinen Leuten die Ohren mit Wachs verstopfen, damit sie den verhängnisvollen Gesang der Sirenen (die Angst/das Begehren) nicht hören. Er selber aber lässt sich an den Mast des Schiffes binden. Er will diesen Gesang hören und zugleich das Schiff retten. Ist es Erkenntnis oder Genuss was ihn treibt? Auf jeden Fall geht es um eine Trennung zwischen den Rudernden und dem Steuernden. Oder auch den Handelnden und dem Zeugen. Odysseus wird, so vermuten Adorno und Horkheimer, wohl zum ersten Bürger. (Aber würden sich die späteren, die „echten“ Bürger tatsächlich so einer Qual aussetzen?)

Um seine beiden Impulse, das Schiff zu retten und den Gesang der Sirenen zu hören, zu erfüllen, muss Odysseus sich widersprüchlich verhalten. Frei bleiben und sich selbst dem extremsten Zwang aussetzen. Und  er muss wissen, dass Erkenntnis oder Lust dabei mit Qual verbunden sein wird. Er unterwirft sich einer Gefangenschaft, die er selber organisiert. Damit, in der Tat, begründet er eine neue, bürgerliche Form der Gefangenschaft, die man später „Selbstkontrolle“ nennen wird. Hier geht es nur darum, dass das Subjekt und das Objekt einer Fesselung (Unterwerfung, Machtausübung, Ordnung etc.) ein und dieselbe Person ist. Das ist, scheint mir: „neu“. Weiterlesen

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER (19)

Es war einer jener wunderbaren Herbsttage, an denen die Sonne noch einmal protzt und das Laub vor Vergnügen raschelt, wenn die Schulkinder ihre Schuhe darin versauen. Wo anders als im Biergarten ihres Vertrauens hätten die Herrn Reiner und Kainer ihn verbringen sollen?

„Stellen Sie sich vor, was ich gelesen habe“, begann Herr Reiner nach einem tiefen Schluck das Gespräch. „Es gibt mehr Menschen, die an Engel glauben als solche, die an Gott glauben. Das hat man statistisch herausgefunden.“

„Das verstehe ich nur zu gut“ antwortete Herr Kainer. „Ich zum Beispiel, ich mag Postboten. Aber ich glaube nicht an Post. Jemand, der mir einen interessanten Brief schreiben könnte, ist schon längst gestorben.“

„Das ist doch kein Vergleich“, protestierte Herr Reiner, „Engel und Postboten!“

„Sagen Sie so was nicht“, warf eine Dame mit einem sehr kecken Hut ein, die gegenüber ihrer Freundin (oder war es vielleicht eine Schwester) auf der Bank Platz genommen hatte, auf der Herr Reiner, dem Herrn Kainer gegenüber, saß. „Mein Postbote, das war ein rettender Engel. Weiterlesen

Bahn frei!

Wie unser System funktioniert (für die da oben) und nicht funktioniert (für uns hier unten) zeigt eine Meldung der dpa vom 8. Oktober: „Bahn steuert zwei Milliarden Euro Gewinn an. Die Bahn will in diesem Jahr die Marke von zwei Milliarden Euro beim Gewinn übertreffen: ‚Wir sind das einzige Bahnunternehmen Europas, das in der Krise Gewinne gemacht hat’, sagte Bahnchef Rüdiger Grube.“

Wer sich über Unpünktlichkeit, schlechten Service, unverschämte Preisgestaltung, bürokratischen Wahnsinn, Weiterlesen

Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (6)

Natürlich kann man eine „Finanzkrise“ als eine Systemkrise verstehen. Trotzdem kann es nicht schaden, sich gelegentlich ein Bild von den Menschen zu machen, die dahinter stecken.

Dazu zwei „Nachrichten“  aus der Financial Times Deutschland vom Freitag, dem 7. Oktober 2011:

„Es gibt ja viele gute Gründe, zu einer Messe zu fahren. Bei der Immobilienmesse Expo Real, die diese Woche in München stattfand, kamen weiter Argumente hinzu – zumindest für die Damen. Als Münchner Veranstaltungstipp riet das Branchenblatt ‚Immobilien Zeitung’ im Messeplaner zum Besuch einer Tabledance-Bar, wo sich täglich wohlgeformte Herren entblättern. Weiterlesen

Werwolf Geschichten

1

„Wir sind eine tolle Truppe“, sagte der Werwolf stolz. „Ja, uns entgeht so leicht nichts“, pflichtete der Waswolf bei. „Wir kennen uns aus!“ rief der Wiewolf fröhlich. „Karte und Gebiet“ murmelte der Wowolf. „Historisch genau“ meinte der Wannwolf.

„Äh, Jungs, ich habe da noch eine kleine Frage.“, grummelte der Warumwolf.

„Das musste ja kommen“, seufzte der Werwolf. „Es ist immer das Gleiche“, stimmte der Waswolf ein. „Das kennen wir schon!“ rief der Wiewolf barsch. „Sicher wie die Sonne in der Wüste!“ führte der Wowolf aus. „So wird das nie was mit unserer Truppe“ klagte der Wannwolf. „Warum?“ fragte der Warumwolf.

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Anmerkungen über „Atmosphäre“

1: Vom Atmen der Bilder

Atmosphäre. Das ist eines jener merkwürdigen Worte mit mehrfacher Bedeutung, die erst in einem merkwürdigen Medium wie dem Kino wieder ein Ganzes meinen. Es spricht, ganz materiell, von jenem Raum um die Erde, in dem wir atmen können, ganz ideell von der Aura eines Raumes, und schließlich von der Stimmung eines Kommunikationsvorgangs. (Übrigens war früher die Atmosphäre eines Gespräches vielleicht angenehm, während heute eher die „Chemie“ zwischen zwei Politikern nicht stimmt, und auch im Kino bewerten wir gern die Chemie zwischen Stars, wenn es nicht gleich darum geht, ob es zwischen ihnen „knistert“: Physik!) Atmosphäre ist zugleich nicht sichtbar und eine Voraussetzung der Sichtbarkeit. Man kann sagen: Atmosphäre ist das Kino der Wirklichkeit.

Es ist das Unsichtbare, das durch das Sichtbare ausgedrückt wird. Die Einstellung der Kamera und ihre Bewegung auf Objekte, Architekturen, Landschaften und Personen, die uns auf der einen Seite in einer bestimmten Form vertraut sind, auf der anderen Seite uns auch etwas zu sagen haben (die also in dem Versuch gezeigt werden, ihre Fremdheit zu überwinden). Für die Kamera werden die Dinge arrangiert, um einerseits Informationen zu übermitteln, wobei Zeichen und Bezeichnetes beinahe identisch sein sollen. Weiterlesen