Sep 01 2011
Kapitalismus & Chaos
„Zornig“, so Richard Sennett, bei dem er zitiert wird, notierte der Journalist Walter Lippman kurz vor dem Ersten Weltkrieg über den Stand der Dinge in seiner Heimat – das Verschwinden der kleinen Firmen und der Privatinitiativen unter der Macht der Konzerne, den Diskurswechsel der Regierung von einem Handeln im Interesse des öffentlichen Interesses zum Handeln im Interesse der Wirtschaft, die Verelendung der Arbeiterklasse und des unteren Mittelstandes – über die Kritik und die Reformkräfte: „Ihre Vertreter wussten, wogegen sie waren, nicht aber wofür sie waren“. Hundert Jahre später scheinen die Vertreter der Kritik und, sofern es so etwas überhaupt noch gibt, der Reformkräfte nicht einmal mehr zu wissen, wogegen sie sein können.
„Kapitalismuskritik“ hat daher etwas gespenstisches an sich (und versteht sich eher als kulturkritische denn als „politische“ Geste); und sie zieht scheinbar mechanisch etwas noch gespenstischeres nach sich, den „Antikommunismus“. Als wollte jede Kritik an diesem System, reformerisch oder revolutionär, wie sie sich auch verstehen wolle, zu einem Sozialismus (zurück), in dem eine Partei und/oder ein Staat sagt, was richtig und was falsch sei. Oder zu einem „Marxismus“, der sich als Dogma und Religion versteht. Oh nein, möchte man da mit den Worten eines sehr berühmten, wenn auch nicht allzu komplex denkenden Chaos-Forschers sagen: Wir wollen nicht die alten Fehler noch mal machen. Wir möchten völlig neue Fehler machen!
Die Kapitalismuskritik dieser Zeit, die nicht nur eine Wirtschaftsordnung sondern eine „Daseinsform“ des Menschen betrifft, wird so wenig von „Gewissheiten“ geleitet, dass auch das nicht präformuliert ist, „wogegen man ist“. (Was übrigens auch das, „wofür man ist“, ein wenig offener gestaltet.) In absehbarer Zeit werden es vielleicht auch die weniger bornierten „Medienvermittler“ verstehen, dass Kapitalismuskritik heute nicht mehr die Sache „alt-marxistischer Besserwisser“ ist. Sondern die offene intellektuelle Wendung gegen eine Gesellschaft auf dem Weg in die Unmenschlichkeit.
100 Jahre nach Walter Lippmans „Drift and Mastery“ hat der Kapitalismus schließlich nicht nur nichts aus seinen alten Fehlern gelernt. Er hat auch völlig neue gemacht. Deshalb ist es einigermaßen sinnvoll, den ollen Marx zu verwenden, denn wo er recht hatte, hatte er nun mal recht, und zugleich nach völlig neuen Modellen und Methoden zu suchen. Kapitalismuskritik, es sei versprochen, erdreistet sich, zur fröhlichen Wissenschaft zu werden.
****
Die Wandlung der Steuerungsmittel des Marktes von einer Art „Wissenschaft“ zu einer Art „Unterhaltung“ funktioniert über etwas, was der Ökonomie schon immer inne war, ihre „Heiligkeit“. Ökonomie war ursprünglich, hierzulande, nichts anderes als ein Ausdruck der göttlich gefügten Balance. Dann schien es, als würde sich ein Markt in etwa so ordnen, wie sich die Natur ordnet (indem ausgeschlossen ist, was „unnatürlich“ sei, bleibt das Existierende auch das Vernünftige, und auf jede Störung würde, wie ein Meer des Lebens, der Markt reagieren, bis der Sturm sich gelegt und das Meer wieder seine ursprüngliche Gestalt habe); das Marktfeindliche also sei zugleich das Unnatürliche, dergestalt, dass der neue Frankenstein nur ein Goldfinger sein könne, welcher sich so sehr gegen den Markt zu versündigen versuche wie ersterer sich gegen die Schöpfung zu versündigen versuchte. Leider haben nun die Goldfinger die Macht in der Wirtschaft übernommen, so dass nichts anderes übrig bleibt, als eben sie, die sich gezielt gegen den Markt (als System des Ausgleich und ausgeglichenes System) versündigen, zum Teil, ja zum Wesen der Markt/Natur zu erklären. Der Kapitalismus erklärt sich stets nach seiner eigenen Realität, wie eine Religion, die ihre Ideologie um vorhandene Mythologien rankt.
Das Heilige, so viel ist schon jenseits der religiösen Konkretionen klar, bedeutet eine Beziehung zwischen Chaos und Ordnung. An einem heiligen Ort trifft sich beides, und wird voneinander geschieden. Während der weltliche Fürst gefälligst die Ordnung in der Welt zu gewährleisten habe, noch vor jeder Gerechtigkeit, und von Freiheit wollen wir in diesem Zusammenhang gar nicht reden, muss am heiligen Ort das kosmische Chaos gebannt werden. Nicht indem man es zum Verschwinden brächte (wie sollte das gehen?) sondern indem man es „konzentriert“, in einem Bild, einem Text, einem Ritus. Die Gläubigen akzeptieren „das Geheimnis“, sie akzeptieren etwas, das Jenseits der weltlichen Ordnung liegt, das wir ebenso gut göttliche Ordnung oder universales Chaos nennen können.
Die absurde Dialektik zwischen Chaos und Ordnung bringt in beiden Fällen, in der Religion und im Kapitalismus, besondere Formen von Kult und Text hervor. Da man weiß, dass der Widerspruch zwischen Chaos und Ordnung nicht aufzulösen ist (außer in der Praxis des Kults und im Bild) entsteht das Phantomsystem einer Wissenschaft mit nichtwissenschaftlichem Inhalt. Die Theologie redet unendlich von etwas, von dem eigentlich nichts zu sagen ist, bzw. andersherum: alles mögliche.
Zu Zeiten, in denen sie sich nicht als Terror direkt fortsetzen kann, darf Theologie daher nicht nur als „weltfremd“, sondern auch als „antidemokratisch“ gedacht werden (unter anderem, weil man längst eine „Volksfrömmigkeit“ als authentische Abspaltung kennen lernte, und weil man nicht die Wahrheit, sondern die Macht der Kirchen als ihr Wesen zu begreifen hatte).
Weltliche Ordnung und Heiligkeit verhalten sich widersprüchlich zueinander. Es ist eine, im großen und ganzen konformistische und „politische“ Annäherung (die im „Fundamentalismus“ zugleich Höhepunkt und Zusammenbruch erlebt; der Versuch, eine religiöse Ordnung zugleich zur weltlichen zu erklären, führt nicht nur automatisch zum Terror, sondern über kurz oder lang stets zur Selbstaufhebung des Religiösen, das in seiner eigenen Verweltlichung verschwindet: Wenn die Religion die Welt beherrscht, verliert sie den Himmel).
Wo Chaos auf Ordnung trifft, beides so, als suchte es jeweils seine „reinste Form“, da hilft nur Heiligkeit. Oder Unterhaltung, die nichts anderes ist, als in unendlich viele kleinste Partikel aufgelöste Heiligkeit. (Karnevalisiert, wie sie sein mögen.)
****
Das Problem der Theologisierung der Welt (wie der Entertainisierung) besteht in der Erzeugung einer für den Bestand einer Kultur lebensbedrohenden Borniertheit und Selbstgerechtigkeit, nicht unbedingt „unten“ oder „oben“, sondern eben in jener Mitte, auf die es, was den liberalen Kapitalismus anbelangt, gerade ankommt. (In den USA, nur zum Beispiel, wären ja derzeit viele der „Superreichen“ durchaus bereit mehr Steuern zu zahlen, doch ausgerechnet jener bornierte, selbstgerechte Mittelstand, dem das vermutlich am meisten zugute käme, sperrt sich gegen das Phantasma der Steuererhöhung als wäre es der Beginn der kommunistischen Apokalypse.)
Die Tea-Party-Bewegung – Satiriker müssten sie erfinden, wenn es sie nicht gäbe – zeigt die Anfälligkeit einer Kultur für militante Borniertheit als eine der Autoimmunerkrankungen des liberalen Kapitalismus. Das System erzeugt Menschen, die unfähig dazu geworden sind, die Mehrdeutigkeit seiner Elemente zu begreifen. Betonköpfe stören am Ende nicht nur den Liberalismus, sondern auch den Markt.
****
Ist nun „Kultur“ etwas, das die Herrschaft des Kapitals erst ermöglicht, oder etwas, das sie in Frage stellen könnte? So viel jedenfalls steht fest: „Alle sozialen Emanzipations- oder Befreiungsbewegungen waren und sind zugleich Kulturbewegungen“ (Wolfgang Fritz Haug: Die kulturelle Unterscheidung). Umgekehrt gibt es natürlich auch keine Kulturbewegung, die sich nicht zu einer sozialen verhält (positiv oder negativ), so dass es durchaus initiierte Kulturbewegungen gegen soziale Emanzipations- oder Befreiungsbewegungen geben mag. Allerdings ist die Beziehung zwischen der kulturellen und der sozialen Bewegung weder linear noch nachhaltig (mal „frisst“ die kulturelle Bewegung die soziale, mal geschieht es umgekehrt, und mal verstehen sich die beiden so rasch nicht mehr, wie sie sich einander näherten, bis zu jener Verschmelzung, von der Haug spricht). Soziale und kulturelle Bewegungen „enthalten“ einander (und müssen sich entsprechend „verdauen“).
Widerspenstig dagegen verhält sich darin die Kunst, und das zugleich „korrupter“ und „revolutionärer“ als die Kultur. Kunst kann man kaufen, und es kann sie kaufen, wer am meisten Geld und Macht hat; Kultur muss man „erwerben“ (dann aber ist sie auch bereits ein Teil von Reichtum und Macht). Aber Kunst, anders als die Kultur, geht nie in den Akten der Aneignung und Benutzung auf. Die Kirchen, zum Beispiel, benutzten einst die Kunst als Mittel der „Reklame“ (noch heute gibt es kaum einen triftigeren Grund, eine Kirche zu betreten, als die darin enthaltene Kunst), doch immer war diese Kunst, je wirksamer desto mehr, zugleich etwas ganz anderes als die „Reklame“ der Kirche, sie sprach, eigensinnig genug, von einer Wahrnehmung von Welt und Körper, die dem Text der Kirche entgegen stand. Die Kunst ist ein gefährlicher Partner; die Kultur ist eher „anstrengend“.
Vielleicht nun verhält es sich mit der Reklame unserer Zeit nicht viel anders (jedenfalls in den Regionen, wo man von ihr schon wieder im Kunst-Zusammenhang spricht): Sie ist Ausdruck der Macht des Kapitalismus, aber sie geht nicht vollständig darin auf. Sie spricht immer auch von Wahrnehmungen der Welt und des Körpers, die jenseits des Marktes führen. (Genauer gesagt kann Werbung sowieso nur wirken, wenn sie ein Leben jenseits des Marktes verspricht.)
Ein System ist so lebendig, wie es sich zugleich zu ordnen und zu chaotisieren vermag. Kultur ist für den Kapitalismus daher zugleich Medium der Ordnung und der Chaotisierung. Anders gesagt: Ein Kapitalismus ohne Kultur hört auf ein lebendiges System zu sein. Von diesem Abgestorbenen, Untoten, Menschenleeren alpträumen wir schon lange. In diesen Alpträumen steht der rigiden Ordnung des computerisierten Finanzhandels das absolute Chaos des „human factor“ gegenüber. Oder umgekehrt.

