Kleinigkeiten (13)

Wir wissen nicht genau, was andere Nationen in Zeiten schwieriger Probleme machen, das ist eine kulturelle Gemengelage. Wir wissen nur, was Deutschland in Zeiten schwieriger Probleme macht. Man wirft die größten, beinahe schon vergessenen politischen Dumpfbacken in die rhetorische Schlacht und lässt sie brachialpopulistischen Unfug verbreiten. Brüderle, Oettinger, die gibt’s noch, echt jetzt. Und Wolfgang Schäuble, der eine „mentale Abkehr“ vom „extremem Pumpkapitalismus“ fordert, während Oettinger pumpkapitalistische Sünder an den Fahnenhalbmast-Pranger stellen will (warum fallen Deutschen eigentlich immer als erstes Fahnen ein?). Die alte Frage: Sind die so blöd, oder halten sie nur uns für so blöd? Und man weiß immer noch nicht, was von beidem schlimmer ist.

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Neues aus dem Kulturleben. Til Schweiger soll „Tatort“-Kommissar werden. Super. Weiterlesen

Haribo macht F.A.Z. LeserInnen froh (und Thomas Gottschalk sowieso) Oder non olet again

Dies also ist eine „Nachricht“ in der „Zeitung für Deutschland“:

„Thomas Gottschalk verteilt Bären

Der Showmaster Thomas Gottschalk wird am 3. Oktober ziemlich viel zu tun haben. Auf dem großen Umzug, den Bonn bei seinem ‚Deutschlandfest’ am Tag der Einheit veranstaltet, will der Moderator schwarz-rot-goldene Gummibärchen verteilen. 150.000 Beutel mit ‚Einheitsbären’ hat ein Bonner Süßwarenhersteller für Gottschalks Einsatz bereitgestellt. Dass der Bär das Berliner Wappentier ist, fügt sich gut. Denn beim zentralen Deutschlandfest in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn wird Berlin zwanzig Jahre nach dem Bundestagsbeschluss, Parlament und Regierung vom Rhein an die Spree zu verlegen, ohnehin eine große Rolle spielen. Auf der Bonner Adenauerallee wird es gar ein kleines Brandenburger Tor und einen Berliner Fernsehturm geben. Und damit sich die ehemaligen Hauptstädter nicht nur mit Bären stärken müssen, gibt es auch Currywurst und Berliner Weiße.“

Nationalchauvinismus, Eventkultur, Promiauftrieb, bärenstarke Schleichwerbung und extrem schlechter Geschmack: Das ist die Mischung, aus der man „Nachrichten“ macht, die man unter der Rubrik „Persönlich“ auf die Seite „Deutschland und die Welt“ packt. Töörrröööö! Eine F.A.Z. kostet 2 Euro. Eine Packung „Goldbären“ von Haribo kostet 89 Cent. Und was kostet eine unabhängige Presse? Unbezahlbar.

Titelschutz (10)

In meiner Liebingsrubrik „titelschutz“ im Börsenblatt des deutschen Buchhandels begann mal wieder alles mit einem Stück konkreter Poesie:

Schatz, wir müssen reden. Oder wenigstens lesen:

„Wir sind schwanger!“

„Ich bin schwanger!“

„Kinder, Kinder“

„klein und groß“

„keine und große“

„männergesundheit“


Ansonsten lernen Manager demnächst aus der Heiligen Schrift:

„Führungsprinzipien der Bibel“ Weiterlesen

Non olet

Wir leben ja, sagt man, im „post-ideologischen Zeitalter“. Da ist es sehr schön zu wissen, wie das politische Praxis wird, hierzulande. Nicht, dass Thilo Sarrazin 5.000 Euro dem Kreisverband Berlin-Neukölln der SPD spendet ist besonders überraschend. Aber die „Non olet“-Begründung der stellvertetenden SPD-Kreisvorsitzenden Kirsten Flesch (der taz gegenüber geäußert) ist schon aufschlussreich dreist: „Wir sind nicht so ideologisch verbohrt, dass wir im Wahlkampf eine solche Spende ablehnen“. Das ist vielleicht ein Schlüsselsatz für unsere Politik derzeit.

Wir sind nicht so ideologisch verbohrt, um nicht mit jedem blutsäuferischen Diktator Waffengeschäfte zu machen. Unsere Universitäten sind nicht so ideologisch verbohrt, dass sie die freundlichen Übernahmeangebote der Wirtschaft ablehnten. Weiterlesen

Zirkus Capitali (2)

Wenn wir den Kapitalismus erst einmal in Entertainment verwandelt haben, dann verwandeln sich die Zyklen auch in „Nummern“. So folgt, nicht nur bei Air Berlin auf den dummen August des (Kaputt-) Wachsens, Hunoldo zum Beispiel, der Weiße Clown des (Kaputt-) Sanierens, Mehdornino zum Beispiel. Weil eine Börsenkapitalisierung von unter 250 Milliarden Euro so weit unter der der Konkurrenz liegt und Hunoldo seinen Trick, das Geldverbrennen mit läppischen 3,7 Milliarden Euro Jahresumsatz und 8.900 Mitarbeitern, als one trick pony absolvierte, wirbelt der weiße Clown im Circus Kapitali nun mit Arbeitsplätzen, Angeboten und Service herum und spricht, wie wir es von den weißen Clowns kennen, böse Machtworte. Der dumme August im Circus Kapitali frisst, klaut und stopft sich die Taschen voll, das Publikum staunt, und dann kommt der weiße Clown, und er sagt: Es gibt nichts mehr. Weiterlesen

Kapitalismus & Chaos

„Zornig“, so Richard Sennett, bei dem er zitiert wird, notierte der Journalist Walter Lippman kurz vor dem Ersten Weltkrieg über den Stand der Dinge in seiner Heimat – das Verschwinden der kleinen Firmen und der Privatinitiativen unter der Macht der Konzerne, den Diskurswechsel der Regierung von einem Handeln im Interesse des öffentlichen Interesses zum Handeln im Interesse der Wirtschaft, die Verelendung der Arbeiterklasse und des unteren Mittelstandes – über die Kritik und die Reformkräfte: „Ihre  Vertreter wussten, wogegen sie waren, nicht aber wofür sie waren“. Hundert Jahre später scheinen die Vertreter der Kritik und, sofern es so etwas überhaupt noch gibt, der Reformkräfte nicht einmal mehr zu wissen, wogegen sie sein können.

„Kapitalismuskritik“ hat daher etwas gespenstisches an sich (und versteht sich eher als kulturkritische denn als „politische“ Geste); und sie zieht scheinbar mechanisch etwas noch gespenstischeres nach sich, den „Antikommunismus“. Weiterlesen