Aug 27 2011

Zirkus Capitali (1)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Was bedeutet es, wenn Kapitalismus sich in der Gesellschaft in der Form von Unterhaltung verbreitet? Zunächst denkt man ja an nicht viel mehr als an „Vereinfachung“, schlechten Geschmack, Regression und Sensationen: Zirkus Capitali. (Vor allem, weil man auf das Phantasma der untergegangenen „bürgerlichen Kultur“ hereingefallen ist, Unterhaltung sei so etwas wie „herabgesunkenes“ Kulturgut. Es ist offensichtlich auch unter intelligenteren Menschen schwer zu vermitteln: Unterhaltung ist eine Art zu bedeuten.)

In der klassischen Form der „göttlichen“ Ökonomie ist das Chaos menschlicher Begierden und Interessen durch eine übergeordnete Struktur bestimmt, die nur eben außer Gott selber niemand als ganzes sehen kann (weil man sie nur „von ganz oben“ erkennt); in der modernen Form dagegen ist Ökonomie das Paradoxon, das als Ordnung eben aus den chaotischen Begierden und Interessen entsteht: nicht obwohl, sondern gerade weil die Menschen so eigensüchtig, heimtückisch und asozial sind, entsteht das große und ganze des Marktes als „vernünftiges“ System (nichts anderes, vermutlich, meinte Gordon Gekko, als er sagte: „Gier ist gut“). Wenn es der fatale Irrtum des „realen Sozialismus“ war, den Menschen durch Erziehung plus Grundbedarfsicherung zum Guten erziehen zu können (natürlich dachte der realsozialistische „Machthaber“ nicht einmal mehr so weit), so ist es der fatale Irrtum der kapitalistischen Demokratie, zu glauben, die Bösartigkeit des Menschen fände im Marktgeschehen, plus dem einen oder anderen Gesetz, schon seine perfekte, dynamische Kontrolle.

Nehmen wir für den Augenblick an, der Markt sei gar nicht dazu gedacht, in erster Linie „Bedürfnisse“ zu erwecken und zu befriedigen, Mehrwert zu erwirtschaften, Geld zu verteilen, Waren zu erzeugen, lebendige in abgestorbene Arbeit zu verwandeln etc., sondern er sei vielmehr als perfektestes aller Kontroll-Systeme gedacht, da er eben die asozialen Impulse des Menschen in soziale Formen verwandele. (Im Kapitalismus bringen sich Menschen wegen Ölquellen oder Turnschuhen um, ohne Kapitalismus täten sie es entweder „einfach so“ oder wegen archaischer Codes wie „Ehre“ und „Rache“.) Der Kapitalismus ist nicht eine Art des Wirtschaftens, sondern eine Art des Seins.

So verstehen wir auch, warum „Kapitalismuskritik“ von Rang derzeit am ehesten von Seiten der Kulturwissenschaften zu erwarten ist.

Auch dieser Irrtum, der Kapitalismus sei das vollkommen perfekte System aus lauter vollkommen unperfekten Elementen, scheint mittlerweile aufgedeckt. Die asozialen Impulse bewegen sich vermutlich nicht erst seit der Digitalisierung des Kapitalmarktes wesentlich schneller als die Anpassungsmechanismen des Systems; der wildgewordene, destruktive Finanzkapitalismus, der den mehr oder weniger regelmäßigen Zusammenbruch des Systems nicht nur erzeugt, sondern notwendig braucht, ist eine weitere „Autoimmunerkrankung“ der kapitalistischen Demokratie. Das nächste „stabile“ System ist daher etwas, was wir „Katastrophenkapitalismus“ nennen können, also etwas, in dem katastrophale, destruktive und unberechenbare Ereignisse nicht mehr „vorkommen können“, sondern der „Normalzustand“ sind. (Hüten wir uns davor, dies als „Ende des Kapitalismus“ oder wenigstens als Vorzeichen eines Endes anzusehen!)

Katastrophen- oder Schicksalskapitalismus kann so wenig „verstanden“ wie moralisch beurteilt werden wie eine „Wetten dass?“-Sendung, er ist stattdessen in der gewohnten Dramaturgie von Hysterie und Langeweile, Gleichförmigkeit und „Sensation“ extrem „vermittelt“. Erfolgreich nennt man in dieser Kultur, was „süchtig“ macht.

Was jenseits von Chaos und Ordnung liegt – und eben so hat sich „der Markt“ gerne begreifen lassen, als ein „sinnvolles“ Ineinander von Chaos und Ordnung, bei dem es immer nur auf den Standpunkt ankommt, was von beidem man sieht – das ist „das Schicksal“. Letztendlich besteht Unterhaltung darin, dass die Menschen versuchen, dem Schicksal durch Geschmack zu begegnen. Das Wetter, die Sportergebnisse, die Glücksspirale, der Bergdoktor, die Hitparade der Volksmusik, das Dschungelcamp, die Casting Show, die Börsennachrichten – immer scheint es, als könne „Geschmack“ (oder gezielte Vergabe von Sympathie, was eine seiner Anwendungen sein mag) das Schicksal zumindest bannen.

Als Unterhaltung muss der Kapitalismus endlich nicht mehr „sinnvoll“, „vernünftig“ oder auch nur „erzählbar“ sein; er ist Schicksal. Wie in allen anderen Formen der Unterhaltung muss man daher auch hier lernen, sich dem Schicksal zu ergeben, aber zugleich zu halluzinieren, man könne durch Geschmack („den mag ich nicht“, „was hat denn die heute wieder an“, „geiles Auto, will ich auch haben“) einen Anteil an der Welt haben. Ist er in die Form von Unterhaltung gebracht, muss man den Kapitalismus nicht mehr „denken“, ihm keine Vernunft abverlangen, ja mehr noch: Seine Unverständlichkeit ist seine eigentliche Botschaft. Aktienkurse sind daher nicht allein wie das Wetter, das kommt wie es kommt, aber geschmacklich ganz davon abhängig ist, wer es mit welchen Sprüchen angekündigt hat, sondern auch Ausdruck der Zopfstruktur einer daily soap. Irgendwer muss immer mit dem Schlimmsten rechnen, und irgendwer anderes hat gerade noch mal Glück; irgendwer geht zugrunde und irgendwer ist furchtbar komisch. Als Parodie eines „vernünftigen Systems“ versprach der Kapitalismus eine „Win/Win“-Situation, wennzwar mit Abseitigem, man konnte ja „Fehler machen“, sich „verspekulieren“ (das Ruinöse hat nie gefehlt); in seiner Unterhaltungsform ist der Kapitalismus eine „Lose/Lose“-Situation. Wir lernen die Katastrophen als unsere Gewohnheit zu lieben; plötzlich ist dieser schräge, unvernünftige, beliebige und sündige Finanzmarkt eine Art „Zuhause“ für uns alle; da treffen wir uns, und wenn es sein muss eben zum Jammern.

Paradoxerweise wird nun auch zum Faktor der Stabilität was vorher Störung war. War der Kapitalismus im allgemeinen und der Finanzkapitalismus im besonderen vordem eine Maschine, die man nur zur Kenntnis nahm, wenn sie Aussetzer hatte oder zu explodieren drohte, so droht dem Unterhaltungskapitalismus nur noch eines, nämlich dass einmal nichts passiert. Wie alle Unterhaltung so ist auch Kapitalismus als Unterhaltung zugleich sentimental und sadistisch. So wie Adorno von den Katastrophenbildern meinte, dass, wer sie so angelegentlich produziere, die Katastrophe irgend auch will,  so ist der vollständig in Unterhaltung aufgelöste Kapitalismus nicht trotz, sondern wegen der Katastrophen attraktiv, die man nun zweifellos „genießen“ kann. Unterhaltung, das wissen wir von anderen Gebieten der Destruktion, macht aus jeder Katastrophe am Ende etwas Schönes. (Der Sadismus wird in Sentimentalität verwandelt; nächsten Tages geschieht es umgekehrt.)

Wir sind mittlerweile, es hat vielleicht gerade einmal drei Jahre gedauert, seit der „geplatzen Blase“ von 2008 eben, nach ökonomischen Nachrichten, Bildern und Narrativen so süchtig, dass wir sozial krank würden (wie der Bild-Zeitungsleser ohne seine bigotten Pornographien), geschähe einmal nichts, gäbe es für die neuen Experten (die Medienclowns des Finanzkapitals) einmal nichts zu deuten, würden die Aktienkurse nicht irgendwas „erzählen“, auf irgendwas „hinweisen“, wäre also, kurz gesagt, das Schicksal, finanzkapitalistisch gesehen, einmal abwesend.

Wir begreifen daher den Diskurswechsel auch in der Politik. Die postdemokratische Regierung bezieht sich weder auf Werte noch auf Gesetze, sie bezieht sich auf Geschmack und Schicksal. So dürfen Gerichte „nach unserem Geschmack“ diesen oder jenen Täter „härter anfassen“ (als es das Gesetz vorsieht, zum Beispiel); es ist der beliebteste deutsche Politiker, der, wenn auch zum Schrecken seiner Kolleginnen und Kollegen, zu erkennen gibt, dass man einen Auslandseinsatz deutscher Soldatinnen und Soldaten unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher Interessen sehen sollte, und die Entwicklung der Wirtschaftsdaten ist das Schicksal, dem eine Regierung folgt wie dem Orakel. So verzeiht man einer Regierung, die für die Menschen leider nichts tun kann, man verzeiht aber keiner Regierung, die „für die Wirtschaft nichts tut“.

(Übrigens tut sie dies längst im Diskurs der Unterhaltung. Wenn Merkel und Sarkozy sich treffen, wird das eben genau so inszeniert, nämlich als eine Verbindung von „Schicksal“ und „Geschmack“. Mieses Schicksal und schlechter Geschmack, das spielt keine große Rolle.)

Wenn der Kapitalismus nicht Projekt, Ordnung oder System, sondern einfach „Schicksal“ ist, dann braucht er auch nichts mehr versprechen. Er kann nicht nur auf so etwas wie eine Utopie verzichten, sondern auf die Konstruktion von Zukunft überhaupt. Man weiß doch aus der „Lindenstraße“, dass man dem Schicksal nicht entkommt, und dass die einzige Hoffnung überhaupt ist, dass es anders kommt als gedacht (aber auch nicht anders genug, um das System „Lindenstraße“ einfach zu verlassen). Die Gewinner des Systems „Lindenstraße“ sind jene, die gelernt haben, es zu nehmen wie es kommt, und die nach den Niederschlägen des Lebens wieder aufstehen und weiter machen.

Als Schicksal kann der Kapitalismus seine eigenen Grenzen überschreiten, was ihm als „vernünftiges System“ nie gelungen wäre. (Und nun entfaltet sich, vage zuerst, ein Verdacht: Ist der Diskurswechsel des kapitalistischen Selbstverständnisses, der seine letzte dramatische Wende als Verwandlung des Casino-Kapitalismus ins Ecotainment hinter sich brachte, etwa gar keine defensive Reaktion auf die Krise, sondern vielmehr die Krise nichts anderes als ein Brandbeschleuniger dieses Wechsels, der seinerseits nichts anderes ist als die nächste Volte des Systems auf der Flucht vor sich selbst: die Grenzen der sich unendlich (und eben doch nicht unendlich) selbst steigernden Produktivität?

Die ökonomischen Avantgarden befinden sich derzeit im Stadium eines anarchischen Stalinismus des Kapitals. Nie zuvor hat es – mit der Mischung aus Einverständnis, Unwissenheit und Selbstbetrug der entsprechenden Bevölkerung – größere Verbrechen gegen Mensch und Natur gegeben als nun, da die meisten Bewegungen auf den Märkten nicht vorwärts, sondern seitwärts zu führen scheinen. Einverständnis, Unwissenheit und Selbstbetrug kann am Ende mit Propaganda allein nicht erzielt werden, es müssen auch Korruption und Terror hinzu kommen. Korruption und Terror werden, genauer gesagt, Teil des kapitalistischen Narrativs. Das meint: der Unterhaltung.

2 Kommentare

2 Kommentare zu “Zirkus Capitali (1)”

  1. [...] § Gewalt ist keine Lösung § 15 Minuten Fame § So werden arme Kinder vom Staat verwöhnt § Wirtschaft ist Unterhaltung § Lena wieder da § Cirkus Capitali [...]

  2. Peer Schöneam 30 Aug 2011 um 21:51 Uhr.

    Anarchischer Stalinismus des Kapitals, besser geht`s schon fast nicht mehr (als Definition der momentan herrschenden Zustände). Dafür ein herzliches Danke. Die Welt als Wille zur Vorstellung, würde mir noch einfallen.
    Wenn ich die Kathodenstrahlröhre einschalte oder in großformatigem Papiersammlungen blättere, durchlebe ich Gefühle die mit der Umschreibung Ambivalent nur unzureichend definierbar sind. Von Verzweiflung über den guten alten Zorn bis zum hemmungslosen (Hysterie ist glücklicherweise noch nicht dabei) verlachen der Verhältnisse, findet sich da ne ganze Menge.
    Hab den Blog hier gefunden, nachdem ich nach den “Blödmaschinen” gegoogelt habe. Der Artikel hier ist erhellender als der Kram der einem in den diversen Feuilletons und Wirtschaftsteilen, der üblichen Verdächtigen präsentiert wird.
    Love that shit!

    Mfg Peer

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