Aug 17 2011

Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (5)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Ecotainment und Kränkung

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Das „Ecotainment“, die Vermischung von Ökonomie und Unterhaltung, die in der Wandlung des Casino-Kapitalismus zum Medienkapitalismus als letzte „Erklärung“ blieb, nachdem in der Krise die rationalen Erklärungsmodelle einigermaßen nachhaltig versagten, geht von einer klassischen „Auslagerung“ gesellschaftlicher Probleme in die Pop-Kultur aus. Wovon man nicht mehr vernünftig reden kann, das muss man in den Kasperiaden des Entertainment behandeln. Und so wie in Japan aus der Angst vor der Atomkraft eine Riesenechse namens Godzilla geworden war, so wird in Deutschland aus der Angst vor der nächsten Finanzkrise die heitere Börsensendung vor der Tagesschau, in der Moderator oder Moderatorin die Geschehnisse auf küchenpsychologische Allgemeinplätze herunter brechen und das Auf und Ab der Börsenkurse mit dem begeisterten Vergnügen eine fernsehüblichen „Wetterfroschs“ kommentieren. Man mag hoffen, den Kapitalismus im Griff zu haben, weil Nachrichtensendungen, wenn keine Katastrophe zu berichten ist, seit geraumer Zeit vorwiegend mit Wirtschaftsnachrichten „aufmachen“.

Nachdem sich in der Finanzkrise des Jahres 2008 und in den „Schuldenkrisen“ unserer Tage jede Vernunft und Moral absentierte, gibt es nicht mehr nur Kapitalismus in der Unterhaltung und Unterhaltung im Kapitalismus, sondern auch den Kapitalismus als Unterhaltung. Wenn der Goldpreis auf der Titelseite der Bild-Zeitung behandelt wird, werten das „Wirtschaftsjournalisten“ an anderem Ort als „Alarmzeichen“, die „Unternehmer“ verkünden gern ihre Weltmodelle in Talkshows, und zeigen öffentlich, dass sie sich eines sehr schlichten Gemüts nicht schämen würden, wenn sie denn ein Gemüt hätten, und der DAX wird zur Fieberkurve, die anzeigt, wie gut es „uns“ geht. Als Entertainment, Soap Opera und Mitmach-Show benötigt der Kapitalismus keine Vernunft.

So beschreibt es Alain Badiou: „Von gewöhnlichen Bürgern wird bedingungslos verlangt zu ‚verstehen’, dass es vollkommen unmöglich sei, das finanzielle Loch in der Sozialversicherung zu stopfen, dass man aber, ohne nachzuzählen, Milliarden in das Bankenloch stopfen müsse. Wir sollen allen Ernstes zustimmen, dass es anscheinend für niemanden mehr in Betracht kommt, eine Fabrik, und zwar eine mit Tausenden von Arbeitern, zu verstaatlichen, die sich aufgrund der Markkonkurrenz in wirtschaftliche Schwierigkeiten manövriert hat, dass das Gleiche aber völlig auf der Hand liege bei einer Bank, die sich durch Spekulation ruiniert hat“.

Wir haben versucht zu beschreiben, wie das ging: Durch die Verwandlung des Casino-Kapitalismus in den Medienkapitalismus schien vom Bürger nicht mehr „verlangt“, die Absurdität zu verstehen, er wurde stattdessen in der Durchmischung seiner Leitmedien mit unterhaltsamen Wirtschaftsnachrichten, in der Idee, Börse so wie das Wetter oder die Ziehung der Lottozahlen als „Schicksal“ zu vermitteln, aber auch in die Zwangskapitalisierung seines Alltags und die Werbebotschaften von dem dringend notwendigen Beratungsbedarf zum virtuellen Teilhaber. Schließlich übersteigt es Badious Schilderung der Absurdität noch, wenn auf eine Krise, die für viele Einzelfälle durch die falsche, gelegentlich kriminelle „Beratung“ durch Repräsentanten der Finanzwirtschaft auf allen Ebenen verursacht wurde, eine Inflation von Beratungsinstanzen und Beratern in den Medien und in den Innenstädten folgt. Das System hat nichts gelernt, argwöhnen wir, seine Vertreter machen weiter wie gehabt. Aber schlimmer noch: Die Opfer haben erst recht nichts gelernt. Denn im Ecotainment haben sich die Enttäuschung und die Gier perfekt verbunden; in der Sonntagslotterie kann man auch nicht immer gewinnen. Es ist ein zwar unvernünftiges und unkontrollierbares System, aber jeder und jede können mitreden und mitspielen.

Wenn im „Wissenschaftskapitalismus“ davon ausgegangen wurde, dass Ökonomie ein Buch mit sieben Siegeln ist, nur von Experten und einigen natur born Genies des Börsenspiels zu beherrschen, war uns der „Casino-Kapitalismus“ suspekt als eine Zockerei einer den Blicken der Öffentlichkeit weitgehend entzogenen Clique gieriger und verantwortungsloser Kerle in snobistischen Klamotten und dicken Autos. Im Medienkapitalismus dagegen scheint das alles ein ewigwährender Kindergeburtstag, ein Geplauder mit angenehmen Gästen, der „anti-utopische“ Neoliberalismus benötigt weder „Wissenschaft“ noch Zockerjive, er verkörpert sich vor allem in unverbindlichem Talkshow/Showtalk-Geschwätz. Je totalitärer und aggressiver er nach außen wirkt, desto infantiler und familiärer gibt er sich im Inneren.

Die Frage, die wir uns stellten, war, ob die Infantilisierung des Kapitalismus durch seine Wandlung vom Casino- zum Medien-Format nicht auch auf seine Praxis zurück wirkt. Beispiele dafür, wie der „Finanzmarkt“ auf seine eigene Infantilisierung in den Medien hereinfällt, gibt es genug, und die „Rating Agenturen“ spielen dabei offensichtlich eine Rolle. Hier hat man sich zugleich ein verständliches Instrument und einen Sündenbock geschaffen.

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Aber Badious Beobachtung der Absurdität beschleunigt nicht nur die Verwandlung der rationalen (statistischen, theoretischen, gar „psychologischen“) Erklärungen in Modelle, die der Aufmerksamkeits- und Kampagnen-Dramaturgie der Unterhaltung folgen (wir erinnern an den Satz in den „Blödmaschinen“: „Alles kann Unterhaltung werden“), sie beschreibt auch den Kern einer großen Kränkung. Der Mensch ist nicht von Gott geschaffen, sondern hat sich aus tierischen Verwandten entwickelt (Darwin); die Welt der Menschen ist nicht der Mittelpunkt des Universums, sondern ein marginaler Planet, der um die Erde kreist (Kopernikus); der Mensch ist nicht „Herr im Haus“ seiner Seele (Freud), und nun also: Es gibt keine vernünftigen, moralischen und demokratischen Menschen, die die „Maschine“ der Finanzwirtschaft noch verstehen oder gar kontrollieren können.

Es hat also schon gar nichts mehr mit „gut“ oder „schlecht“ zu tun, es ist vielmehr eine universale Erkenntnis, schon längst aus dem Stadium des „Dämmerns“ gewachsen, dass nicht Menschen die Finanzströme beherrschen, sondern die der Kontrolle entkommenen Finanzströme alles Menschliche. Jener Mensch, der „nichts ist ohne Geld“, kann natürlich taktisch zu dem Schluss kommen, er müsse alles unternehmen, um an das zu kommen, was aus ihm jemanden macht  (Get rich or die tryin), er hat damit allerdings keineswegs die „kosmische“ Kränkung überwunden. Und wer zustimmen muss, dass sein Staat sein Leben nicht retten mag, aber ungeheure Opfer verlangt für die Rettung des Geldes und seiner Transportmittel, kann so wenig zu einem Konzept des Menschlichen zurückkehren, wie man als denkender Mensch zum „Kreationisms“ kommen kann: Die Abwehr der Kränkung (nicht Schöpfers Kind, nicht Herr des Kapitalismus sein) kann nur in der Form der Abschaffung des Denkens bestehen, die entsprechenden Agenturen haben wir „Blödmaschinen“ genannt.

Unterhaltung ist die Schaffung temporärer Paradiese (und natürlich auch: temporärer Höllen). Beim Zappen durch die Programme bewegt sich der Mensch, der Badious Absurdität als Kränkung erfahren hat, durch die temporären Paradiese des Kapitalismus: In der Werbung kümmert sich ein freundlicher Investmentberater um die Vor-Sorgen der jungen Familie, in der Börsensendung ist die Moderatorin immer gut drauf und ist sichtlich durch Geldbewegungen euphorisiert, der small talk bei der Kochshow darf nun schon mal Kapitalanlagen und Immobilien betreffen, in der Soap Opera lernt man „Flexibilität“, schon bei der Wecksendung am Morgen, die mit den ewig kichernden und witzelnden Sprecherinnen und Sprechern, geben „Experten“ Anlagetips. Im Gegenzug lassen sich solche Experten wie die Politiker und die Banker herab, um in „der Sprache des Volkes“ (und das heißt in unserer Kultur: in der Sprache der Unterhaltung) „ihr“ System zu er- und verklären. Im Medienkapitalismus geht es nicht nur darum, zu belegen, wie sehr der Kapitalismus, immer und überall, im Alltag des gewöhnlichen Menschen angekommen ist (vergiss die Casino-Zocker, spiel mit), sondern auch um die „unterhaltsame“ Lektion, dass ein Kleinbürgerleben nicht mehr „linear“ zu planen sei. Die Gleichung von Bausparvertrag und Überstunden geht definitiv nicht mehr auf. So ist die Verwandlung des Kapitalismus in Unterhaltung nur die andere Seite einer Zwangskapitalisierung der bürgerlichen Biographien.

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Zwangskapitalisierung und Ecotainment wirken nicht nur auf die Praxis des Marktes zurück (offensichtlich verhalten sich zumindest Aktienbewegung unter dem Druck von Pressekampagnen und Rating Agenturen durchaus „infantil“) sondern auch tief in die Familien. Wie sollte man ein Konzept von „Erziehung“, von „Vorbild“ überhaupt noch denken. In der vorigen Phase des Kapitalismus war es das Schreckbild der Familienideologie das von jenen Eltern, die in Karriere und Geldgier „verschwanden“. Daher war das, was wir als „familiy entertainment“ bezeichnen, nichts anderes als der endlose Versuch, Kapitalismus und Familie miteinander zu vereinen. Damit Vater lernte, sich wieder mehr um seine Kinder zu kümmern, musste er im Büro und auf dem Markt einen kräftigen Tritt gegen das Schienbein bekommen; doch wenn seine Kinder ihm genügend Balsam auf die Wunde geschmiert hatten, ging er wieder hinaus. Und so weiter. Die Werte, die im Investmantbanker-Büro gelten, können unmöglich die Werte sein, die ein Vater seinen Kindern vermittelt. Und schon die radikale Flexibilität, die im Berufsleben gefordert wird, seitwärts und abwärts eher denn verlässlich aufwärts, stehen in diametralen Gegensatz zu dem, was von der „konservativen“ Idee vom Wirken des Menschen gegenüber seinen Kindern verlangt: Verlässlichkeit und Konsequenz.

So haben wir eine weitere Kränkung vor uns: Man kann in der Arbeitssphäre des Neoliberalismus nur „für die Familie arbeiten“, indem man zugleich ihre ideellen Grundlagen zerstört. Deshalb muss nicht nur der Kapitalismus, sondern in gleichem Maße auch die Familie medialisiert werden. Die Familie „funktioniert“ nur noch im Fernsehen. (Irgendwann bleibt man aus Erschöpfung zusammen, wenn alle Illusionen verloren sind.)

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Der medialisierte Kapitalismus freilich verliert die Spannung zwischen dem „konservativen“ und dem „progressistischen“ Flügel des Bürgertums: Weder gelangt man in eine idealisierte Vergangenheit zurück noch voran in eine leuchtende Zukunft. Medienkapitalismus beschreibt reine Gegenwart. Und im Ecotainment wird eben das zum eigentlichen Genuss, was in der Welt der Vernunft, gegen die Badious Absurdität wütet, der wahre Schrecken ist: Dass es immer so weiter geht. Der eigentliche Inhalt der Börsensendung im deutschen Fernsehen ist der, dass es morgen wieder eine geben wird, in der, wie in der „Daily Soap“ sich das eine oder andere Element nur ändert, damit das ganze gleich bleiben kann.

Die Botschaft des Ecotainment lautet: Der Kapitalismus, der zwar absurd und unvernünftig sein mag, bei dem aber alle mitreden und mitspielen können – oder auch müssen, ist unser Naturzustand. Man muss ihn daher nicht begründen noch verstehen, sondern im Gegenteil sich selbst als Teil von ihm. Sich als „natürlicher“ Teil des Kapitalismus in den Medien gespiegelt zu sehen, das vermittelt selbst jenem Menschen, der nicht einmal in der Altersfürsorge mit dem Finanzmarkt verbunden ist, das beruhigende Gefühl, normal zu sein.

4 Kommentare

4 Kommentare zu “Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (5)”

  1. 299292458am 17 Aug 2011 um 21:00 Uhr.

    Ich frage mich, wieso das Buch vom Feuilleton vollständig ignoriert wurde.

  2. kranich05am 18 Aug 2011 um 21:23 Uhr.

    Als bescheidener Interessent an Nachrichten von Börsen und Banken, der ich seit etwa drei Jahren bin, mußte ich in den letzten Tagen leider dauerkotzen. Grund war penetrante Überfütterung mit Blödheit. In einigen kleinen Postings habe ich das festgehalten, z. B. hier:http://opablog.twoday.net/stories/38747661/

    Glücklicherweise habe ich mal wieder in paar Blogs ‘reingeschnuppert, die bei mir unter dem Merkzeichen “von Interesse” liegen und bin also hier gelandet, prompt bei ecotainment.

    Das Buch “Blödmaschinen” werde ich in den nächsten Tagen kaufen, erwarte Unterhaltung (sic!) und Belehrung und hoffe, und hoffe, gelegentlich eine Beobachtung oder Überlegung hier beisteuern zu können.

  3. Detlef Kannapinam 19 Aug 2011 um 11:11 Uhr.

    Es gibt eine Antwort auf die Frage von 299292458. Sie reicht weit zurück und sagt trotz ihrer Geschichtlichkeit sehr viel über den gegenwärtigen Geisteszustand aus. Im Jahre 1793 veröffentlichte William Godwin eine philosophisch-politische Schrift mit dem Titel “Politische Gerechtigkeit”. Sie hatte einen ähnlichen Umfang wie die “Blödmaschinen”, enthielt die bis dahin substantiellste Kritik am Kapitalismus und ist bis heute in ihren Grundaussagen zum politischen System aktuell geblieben. Der englische Premierminister Pitt quittierte das Erscheinen des Buches mit der Aussage, ein Werk dieser Dicke und dieses Preises löse ganz bestimmt keine Revolution aus.
    Ich habe vor etwa vier Monaten versucht, in einem linken Forum den Teil vorzutragen, der “Vom Überleben in der Mediengesellschaft” heißt. Die Reaktionen reichten von “zu lang” bis hin zu “Lesen können wir selber”. Soviel zur negativen Dialektik aus Unwissen und Wissensvernichtung.
    Mit äußerst fortschrittlichen Grüßen, Detlef Kannapin

  4. J. Bueschingam 25 Aug 2011 um 18:39 Uhr.

    Zitat: “die Welt der Menschen ist nicht der Mittelpunkt des Universums, sondern ein marginaler Planet, der um die Erde kreist”

    Hmm, Freudsche Fehlleistung oder (erneute) Kopernikanische Wendung?

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