Zirkus Capitali (1)

Was bedeutet es, wenn Kapitalismus sich in der Gesellschaft in der Form von Unterhaltung verbreitet? Zunächst denkt man ja an nicht viel mehr als an „Vereinfachung“, schlechten Geschmack, Regression und Sensationen: Zirkus Capitali. (Vor allem, weil man auf das Phantasma der untergegangenen „bürgerlichen Kultur“ hereingefallen ist, Unterhaltung sei so etwas wie „herabgesunkenes“ Kulturgut. Es ist offensichtlich auch unter intelligenteren Menschen schwer zu vermitteln: Unterhaltung ist eine Art zu bedeuten.)

In der klassischen Form der „göttlichen“ Ökonomie ist das Chaos menschlicher Begierden und Interessen durch eine übergeordnete Struktur bestimmt, die nur eben außer Gott selber niemand als ganzes sehen kann (weil man sie nur „von ganz oben“ erkennt); in der modernen Form dagegen ist Ökonomie das Paradoxon, das als Ordnung eben aus den chaotischen Begierden und Interessen entsteht: nicht obwohl, sondern gerade weil die Menschen so eigensüchtig, heimtückisch und asozial sind, entsteht das große und ganze des Marktes als „vernünftiges“ System (nichts anderes, vermutlich, meinte Gordon Gekko, als er sagte: „Gier ist gut“). Weiterlesen

AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (6)

Im Jahr 1954 veröffentlichte der postsituationistische Lyriker Edgar P. Kuchensucher in der leider nur kurzlebigen, auflagenschwachen Zeitschrift „Candid Comunist“ das Gedicht

STAATSREGIERUNG

Doof bleibt doof

Da helfen

Keine Pillen

Selbst Aspirin

Versagt.

Der „ewige Rivale“ Kuchensuchers, Eichenweich ließ sich davon zu einem Essay in der ungleich erfolgreicheren Zeitschrift „Akzente“ inspirieren, der unter dem Titel „Die Grenzen der Apropriation in der Poesie“ erschien, den Ruhm des ihm zugrunde liegenden Gedichtes weit überragte und noch heute zur Pflichtlektüre von Germanistik-Studenten gehört. („Mal wieder typisch“, hätte Kuchensucher selbst wohl gesagt, der in dem Essay übrigens namentlich nicht genannt wurde.) Weiterlesen

Kleinigkeiten (12)

Von Stanislaw Lem wissen wir, dass die Albernheit einer Aussage keineswegs ihren Wahrheitsgehalt verringern muss. Fatalerweise gilt das auch genau umgekehrt: Eine Aussage, die sich als vollkommen wahr erweist, muss deswegen nicht weniger albern sein. Nun denke man sich diesen Umstand angewandt auf, sagen wir, Aussagen über unsere Regierung. Dann könnte es geschehen, dass wir über sie gewissen Wahrheiten gar nicht aussprechen können, weil sie uns zu albern erscheinen.

Aber das ist natürlich nicht der einzige Grund für die Krise, in der sich Satire hierzulande und augenblicklich befindet. Es hat auch mit einem strukturell bedingten Mangel an talentierten Satirikern zu tun. Stellen Sie sich doch einmal hin vor eine Menge von Leuten, die um jeden Preis lachen wollen, weil fürs Lachen sind sie gekommen und fürs Lachen haben sie schließlich bezahlt, und überhaupt ist Lachen gesund und Lachen zeigt, dass wir noch mitdenken – und vor dieser Menge von Leuten, sollten Sie „Satire“ machen. Das ist doch albern. Weiterlesen

Kleinigkeiten (11)

Endlich hat jemand die Lösung für das Problem gefunden, das wir derzeit mit „den Finanzmärkten“ haben, und zwar die Hochglanzbeilage „golf spielen“ der Süddeutschen Zeitung: „Wer täglich Golf spielt, kann in der Firma keinen Schaden anrichten“. Das ist es: Wir schicken die so genannte „ökonomische Elite“ mitsamt ihren Promi-Prostituierten zum Golfspielen und fangen noch mal von vorne an. Warum ist da bloß niemand vorher draufgekommen?

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Politik, so sagt es Jacques Rancière, „kann sich durch kein Subjekt definieren, das ihr vorausgegangen ist“. Sie ist eine Reaktion auf Differenzen, „eine Beziehung zwischen zwei einander widersprechenden Termen“. Aristoteles beschreibt sie als Teilhaben eines Subjekts an einer Handlungsweise und am Tragen oder „Erleiden“ (archesthai) dieser Handlungsweise. Insofern müssten wir möglicherweise davon ausgehen, dass sich Politiker in der Postdemokratie nicht mehr politisch verstehen. Um so mehr sie dem „Erleiden“ aus dem Weg gehen, versuchen sie genau dies, ein Subjekt zu finden, das ihr vorausgeht. Wir könnten es die religiöse Ökonomie nennen, die letztlich behauptet, „der Bürger“, dürfe zwischen Teilhaben und Erleiden keine Differenz mehr sehen, da er sonst gegen die „Systemrelevanz“ verstoße.

An die Stelle der Politik tritt eine melodramatisierte Form der Zeitgeschichte. Darin konstruieren sich vor allem Differenzen zu Fiktionen und Phantasmen. „Politik“ ist, dass sich das Deutschland von jetzt differenziert von der BRD und (vor allem) von der „DDR“ (nur echt mit Anführungszeichen). Weiterlesen

Captain America

Kinderquatsch mit Sternen und Streifen, oder ein Comic-Film für die Tea-Party?

Wer sieht sich, heute und hierzulande, schon einen Film an, der „Captain America“ heißt, und dessen PR-Schleuderbilder genau so aussehen, wie man es befürchtet? Pathetisch-patriotischer Kinderkram, CGI-Effekte, ein bisschen 3-D, eher vernachlässigbar (zwei, drei mal kommt einem Caps Schild entgegen geflogen, und einmal schneit es im Kinosaal), Retro-Techno-Design (Regisseur Joe Johnston hat auch den Steampunk-Film „Rocketeer“ gemacht: auf solche Bildwuchereien versteht er sich, und da macht auch das einfache Gucken durchaus Spaß), allenfalls etwas Comic-Nostalgie für die Nerds, schließlich wurde Captain America, anfänglich einer von den Propaganda-Superhelden bei Amerikas Kriegseintritt, später in den sechziger Jahren wiedergeboren als einer von Marvels „Heroes with a problem“. Und das Problem von Captain America war Amerika. Weiterlesen

Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (5)

Ecotainment und Kränkung

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Das „Ecotainment“, die Vermischung von Ökonomie und Unterhaltung, die in der Wandlung des Casino-Kapitalismus zum Medienkapitalismus als letzte „Erklärung“ blieb, nachdem in der Krise die rationalen Erklärungsmodelle einigermaßen nachhaltig versagten, geht von einer klassischen „Auslagerung“ gesellschaftlicher Probleme in die Pop-Kultur aus. Wovon man nicht mehr vernünftig reden kann, das muss man in den Kasperiaden des Entertainment behandeln. Und so wie in Japan aus der Angst vor der Atomkraft eine Riesenechse namens Godzilla geworden war, so wird in Deutschland aus der Angst vor der nächsten Finanzkrise die heitere Börsensendung vor der Tagesschau, in der Moderator oder Moderatorin die Geschehnisse auf küchenpsychologische Allgemeinplätze herunter brechen und das Auf und Ab der Börsenkurse mit dem begeisterten Vergnügen eine fernsehüblichen „Wetterfroschs“ kommentieren. Man mag hoffen, den Kapitalismus im Griff zu haben, weil Nachrichtensendungen, wenn keine Katastrophe zu berichten ist, seit geraumer Zeit vorwiegend mit Wirtschaftsnachrichten „aufmachen“. Weiterlesen

Kleinigkeiten (10)

In der Mitgliederzeitschrift meines Automobilclubs fand ich eine Beilage der ERGO Direkt Versicherungen aus Nürnberg, die zum zufriedenen Lächeln einer netten älteren Dame den Slogan bietet: „Ich möchte, dass man um mich weint. Und nicht um das Geld für meine Beerdigung!“ Weshalb eben eine Sterbegeld-Vorsorge dringlich zu empfehlen sei. Und weil es bei der Auszahlung immer auch eine versprochene „Bonus-Zahlung“ gibt, kann man getrost abtreten. Der Schnaps, mit dem die Angehörigen ihre Freudentränen herunterspülen, geht auch aufs ERGO-Haus.

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Im Jahr 1696 postulierte ein gewisser Nicholas Barbon: „Was man im Geld betrachtet, ist nicht so sehr die Silbermenge, die es enthält, sondern die Tatsache, dass es in Umlauf ist“. Es hat vierhundert Jahre gedauert, bis wir begannen, diesen Satz zu verstehen. Möglicherweise steht er nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende des Kapitalismus.

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Am Freitag dem 23. September wird in der ARD ungewöhnlicherweise ein „Polizeiruf“ um 22 Uhr abends ausgestrahlt. Der Programmdirektor des BR folgte einem Ansuchen des Jugendschutzbeauftragten, Weiterlesen

Ikon & Hyperikon im Bild

Das Ikon ist das Zeichen, das durch Ähnlichkeit auf das Lebende (das „Original“) verweist. Ein Bild kann Ikon sein oder Ikone enthalten oder nicht.

Das Hyperikon ist das durch Ähnlichkeit erzeugte Zeichen des Bezeichnens (das Bild des Bildermachens). Es funktioniert also anders als das Indiz des Bezeichnens (die Gegenwart eines „Strichs“ oder eines „Farbauftrags“ in einem Bild, die sich nicht verbergen). Es „ähnelt“ dem Akt des Bildermachens.

Wenn zwei identische Farblithographien, sagen wir von Andy Warhol, nebeneinander hängen, ist so wenig zu sagen, welches Ikon und welches Hyperikon ist wie es nicht zu sagen ist, welches eine „echte“ und welches eine „geklonte“ Zelle ist. Noch schlimmer wird es, wenn Ikon und Hyperikon ineinander „flackern“. Weiterlesen