Jul 22 2011

Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (4)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken, Gesellschaft.

LOB DES RAUNENS

Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Diesen Satz aus dem Tractatus benutzen besonders gerne Menschen, die sich ansonsten den Wittgensteinschen Zumutungen gern entziehen. So wie Marshall McLuhans Satz „Das Medium ist die Botschaft“ eben genau das zu erklären scheint, wozu wir intellektuelle Idioten ansonsten ein paar hundert Seiten brauchen (und dann immer noch Fragen offen lassen, was soll das?).

Worum es geht indes, ist die Suche nach dem Ort, wo dem Ausdruck des Denkens eine Grenze gezogen werden kann. Einleuchtend ist dann schon, zu behaupten, die Grenze meines Denkens seien die Grenzen meiner Sprache, vorausgesetzt ich verstehe unter „Sprache“ nicht das, was der Deutschlehrer darunter versteht. Aber halt! Wenn ich, in welcher Sprache auch immer, eine Grenze meines Denkens erkennen kann, denke ich dann nicht automatisch über sie hinaus, metaphysisch, phantastisch oder ideologisch? Und ist, was jenseits der Sprache liegt, „verboten“, „unwirklich“ oder „unvorstellbar“?

Wenn die Philosophie die Grenze des Ausdrucks des Denkens in der Sprache sieht, darf sie artig im Schoß der Wissenschaften bleiben. Denkt sie „unwissenschaftlich“ darüber hinaus, wird sie entweder zur „Kunst“ oder zum Wahn. Aber vielleicht haben die Philosophen die Grenzen des Ausdrucks des Denkens immer nur beschrieben. Es kommt indes darauf an, sie zu verändern.

Nehmen wir einmal an, ein „Machtpolitiker“ – was für ein Wort! Als wäre je einer Politiker ohne von der Macht geleitet zu sein: Aber immerhin mag ein Machtpolitiker das Prinzip perfekt verkörpern – bekommt den Satz von Wittgenstein (aus dem Zusammenhang gerissen, wie man so sagt) in die Hände. Dann dreht er ihn natürlich stantepede um: Die Grenzen des Ausdrucks der Interessen meiner Objekte der Macht sind die Grenzen ihrer Sprache. Dem Untertanen müssen seine Grenzen in Form der Grenzen seiner Sprache aufgezeigt werden. Jeder Terror beginnt mit der Sprache. (Und jedes Verbrechen gegen die Sprache nimmt die Verbrechen gegen die Körper vorweg.)

So definieren wir in einer Form der „demokratischen“ Herrschaft die Grenzen unserer Welt als Grenzen der Ausdrückbarkeit von Ideen. Eine der Mittel dazu ist die Definition einer „vernünftigen“ Sprache. Wenn nun aber genau in dieser vernünftigen Sprache, der Sprache der Kaufleute und der Techniker, einstmals, der wahre Sachverhalt nicht auszudrücken wäre, zum Beispiel, weil das, was wir als Wirtschafts- und Gesellschaftssystem kennen, sich eben nur als Zusammenspiel von „rationalen“ und „irrationalen“ Elementen, von Berechnung und Chaos realisiert? Dann wäre sowohl rationales („wissenschaftliches“) als auch irrationales („künstlerisches“) Sprechen zum Scheitern verurteilt, denn es würde jeweils eine Hälfte des Systems, von dem die Rede ist (und von dem in diesem Zusammenhang nicht einmal festgestellt werden könnte, ob es sich tatsächlich um ein System oder nicht doch ein von systemischen oder post-systemischen Kräften durchzogenes Chaos handelt) unbedingt ausblenden.

„Kultur“ wäre in diesem Zusammenhang nichts anderes als eine Wächter-Instanz, die dafür sorgt, dass es zu keiner unbotmäßigen Vermischung der beiden Sprechweisen kommt. Kultur bewacht die Grenzen deiner Sprache und bestraft den Grenzübertritt.

Nehmen wir nun Folgendes an – und bloße Beschreibung der Zustände könnte uns das bestätigen, gäbe es da nicht noch ganz andere Grenzen in der (politischen) Kultur: Für den globalisierten Finanzkapitalismus gibt es kein angemessenes gesellschaftliches Regelsystem. Oder, um es mit den Worten von Slavoj Zizek zu sagen, der es in Bezug auf das chinesische Regierungssystem betont: Es gibt eine „Unmöglichkeit (und gleichzeitig die Notwendigkeit) einer gesellschaftspolitischen Ordnung, die ihm gerecht würde“. Der Widerspruch zwischen Ökonomie und Gesellschaft ist, um es mit altmodischen Worten zu sagen: unerträglich, unerklärlich und unbeherrschbar.

Wir können, da wir eine Kultur als Wächterinstanz haben, die eben dies verhindert, diesen Widerspruch nicht nur nicht beheben (etwa durch eine radikale Domestizierung des Marktes, von dem man mehr oder weniger links immer wieder träumt, ausgerechnet durch die korruptesten und dümmsten Instanzen, den Staat oder „die Partei“), wir können ihn nicht einmal denken und beschreiben. Der Widerspruch zwischen Ökonomie und Gesellschaft liegt, in einem Durcheinander von Narrativen, in der alle Art von Sprache aufgespalten ist in eine Sprache der Effizienz und eine Sprache der „Unterhaltung“, tatsächlich jenseits meiner Welt.

Opposition und Dissidenz können sich nicht finden, da sie keine „Sprache“ haben. Anders gesagt: Opposition und Dissidenz, die solche Bezeichnung verdienen, beginnen mit der Rückeroberung der Sprache. Ja, die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Aber ich, nicht die Interessen der Deutschen Bank und der Werbewirtschaft, nicht Angela Merkel und das Fernsehen, und auch das deutsche Feuilleton nicht, bestimmen die Grenzen meiner Sprache.

Und auch wenn ich zu schweigen darüber hätte, wovon ich nicht sprechen kann (wie gesagt: nicht im Wittgenstein-Diskurs reden wir hier, sondern im landläufigen Gebrauch eines mythischen Satzes), ließe ich mir die Frage nicht nehmen, wer denn darüber bestimme, wovon ich nicht sprechen kann.

Unsere Kultur ist das Paradoxon einer Sprechverbotsmaschine im Gewand einer Liberalisierungsmaschine. Die Sprechakte werden frei, insofern sie unverbindlich sind. Wie im richtigen Leben und an den einst „scharfen“ Linien zwischen Nationen, Sprachen, Religionen, Klassen oder Kulturen haben wir nun „weiche Grenzen“ auch zwischen dem, was gesagt werden kann und dem, was nicht gesagt werden kann. Nach „unten“ gleichsam, wo die Sprache wieder in ein körperliches, animalisches oder kindliches Murmeln, Lallen, Rülpsen, Schreien, Heulen, Meckern etc. übergeht, nach „oben“, wo es nur als mehrfach abgesichertes – wir würden sagen: durch Macht- und Blödmaschinen bearbeitetes – ironisiertes, selbstkontrolliertes und rationalisiertes Ausdrücken von Grenzbewusstsein gilt.

Die Antwort auf ein „Think big!“ ist eben nicht mehr ein „großer Gedanke“ (oder gar ein neuer), sondern ein politisch-ökonomisch-mafiös regulierter Bahnhof in einer strebsamen süddeutschen Stadt. Die Blödheit dieses Projektes, nur zum Beispiel, lässt sich in „vernünftiger Sprache“ gar nicht ausdrücken. (Insofern sind solche Projekte, Polizeigewalt inklusive, perfekter wenngleich „unbeschreibbarer“ Ausdruck des irrationalen/rationalen Widerspruchs zwischen Gesellschaft und Ökonomie. Möglicherweise liegt eine, wenngleich groteske „Lösung“ darin, dass die Ökonomie die Gesellschaft gar nicht mehr zu beherrschen versucht – umgekehrt geht es ja offenbar ohnehin nicht mehr – sondern sie einfach abschafft. Geld regiert die Welt. Wer sagt, dass es dazu noch Menschen braucht? Oder „Sprachen“.)

So viel steht fest – ich mache mir allerdings wenig Hoffnungen, dass es jemand unter den „Blödmaschinen“-Kritikern akzeptiert, welche sich an der „Unordentlichkeit“ und der Vielfältigkeit von Methoden, Narrativen und Perspektiven stoßen: Die Ordnung der Diskurse und die Grenzziehungen der „Kultur“ sind erprobte Mittel, Opposition und Dissidenz daran zu hindern, die „verbotenen Zonen“ zu betreten. Denn dorthin ist nur zu gelangen, wenn man eben die Grenzen des erlaubten Ausdrucks überschreitet. Wenn es sein muss, in „unfertigen Ideen“, in „unscharfen Bildern“, in koboldhafter Sprache, im Tunnelbau oder in Höhenflügen.

Mag sein, dass man an gewisse Orte der „verbotenen Zone“ (also jenes Niemandsland, in dem alles, wenngleich wild und schmerzhaft, von der Unmöglichkeit spricht, Ökonomie und Gesellschaft, so wie sie sind, noch einmal miteinander zu versöhnen) nur gelangt, wenn man auf gewisse Ordnungen der Diskurse erst einmal pfeift. Die Diskursordnungshüter mögen das unter vielem anderen auch „Raunen“ nennen.

Was war das Raunen noch? (Abgesehen davon, dass wir einst im Raunen des Windes und der Wasser den suggestiven Fluss des kosmischen Körpers zu erahnen suchten und daher Gedichte schrieben oder elektronische Musiken.) Ein Raunen geht durch das Volk im Angesicht des Herrschers. Zum Beispiel. Darin mag noch offen sein, ob ein Jubel oder eine Revolution ausbrechen wird. Im Angesicht der Schergen indes können wir uns nur etwas zuraunen, unterhalb, so hoffen wir, der Hörschwelle der Ordnungshüter. Es gibt ein Raunen von dem Ort, an dem noch keiner war. (Daher raunt sich’s, Blochsch, auch gut von „Heimat“.) Vielleicht ist auch Kunst nichts anderes als ein Raunen in der Gesellschaft, die sich beständig selber die Grenzen ihrer Diskurse aufzeigen mag. Im Raunen nimmt noch jeder Diskurs seinen Anlauf. Wo Mutmaßungen, Gerüchte, unfertige Gedanken und Bilder, Gesten der Dissidenz, Suggestionen, Korruptionen auch durcheinander gehen: ein Nebel, der sein Lichten in sich hat, hoffentlich. Oder auch die vorläufige Verbindung von Diskursen, die noch keine Ordnungen haben.

Ist es nicht bemerkenswert, dass sich eine Kultur, die gar nichts anderes mehr kann als raunen (sie erraunt die Welt im fortlaufenden Fernsehfilm und in den Feuilleton-Seiten) mit einer Politik, deren Vertreter scheinbar das Kunststück beherrschen, entschieden und „überzeugt“ zu raunen, sich im kritischen Diskurs jedes unziemliche Geraune verbietet?

Wenn Jean-Luc Godard verlangt (wieder so ein mythischer Satz, der jenseits seines Urhebers und seines Werkes Karriere gemacht hat) dass man nicht politische Filme machen solle, sondern politisch Filme, dann gilt das zweifellos für jede Sprache. Es geht nicht allein um die in den Diskursen ausgedrückten Ordnungen, es geht um die Diskursordnungen selber. Es geht nicht nur um die Ordnung, die sich in der Sprache ausdrückt, sondern auch um die Ordnung, die durch Sprache geschaffen wird.

Die Sprache, die im Sinne der Deutschlehrer so furchtbar „freigegeben“ scheint, die sich, nehmen wir das Internet als Beleg, ganz direkt in ein Dauerraunen zurückverwandelt (so als bestehe Sprachunterricht nur noch aus dem „Schwätzen“ vor der Ankunft eines Lehrers, der nie wieder kommen wird), verwandelt sich zugleich in ein furchtbares Instrument der Kontrolle. Medien werden Grenzziehungsmaschinen unserer Sprache wie unserer Welt.

Hier, unter vielem anderen, liegt das Versagen der bürgerlichen Kultur. Statt nach einer neuen Sprache zu suchen, verwaltet sie die kläglichen Reste der alten. Sie kennt nur den reaktionären Abwehrkampf gegen das „Verkommen“ der Sprache, natürlich ohne zu erkennen, dass dieses „Verkommen“ der Sprache kein willkürlicher Prozess ist, sondern eine gesellschaftliche Produktion: Die Sprache muss „verkommen“, damit in ihr der Widerspruch zwischen Ökonomie und Gesellschaft nicht ausgedrückt werden kann. Damit sich in der Sprache kein Interesse, sondern allenfalls ein Bedürfnis ausdrücken kann. Die Sprache verkommt nicht von unten, sondern von oben. Sie verkommt in und an der Transformation der Macht in der Postdemokratie.

Wenn uns in dieser Situation der Ruf nach der Ordnung, der Geschlossenheit, dem „Funktionieren“ der Diskurse entgegen hallt, möchte man an so viel reaktionärer Borniertheit verzweifeln. (Aber was haben wir erwartet?)

Es bleibt einem nicht viel mehr als zu raunen: Mit dieser Kultur wird es keine Änderung geben. Indem sie sich selbst gegen die unordentlichen Diskurse schützt, schützt sie „die Verhältnisse“. Wenn es aber wahr ist, dass der ungelöste Widerspruch zwischen Ökonomie und Gesellschaft sich von Krise zu Krise zu einem Zustand der Katastrophe als Dauerzustand entwickelt, dann ist jene Kultur, die die Ordnung der Diskurse bewacht, nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

Ein Kommentar

Ein Kommentare zu “Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (4)”

  1. Reinold Ophüls-Kashimaam 26 Jul 2011 um 11:36 Uhr.

    Ich habe heute das Buch “Blödmaschinen” zugeschickt bekommen und gleich angefangen zu lesen. Gleich auf den ersten Seiten habe kluge und zitierfähige Sätze gefunden. Und ich habe verstanden: die OAG, die Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde in Tokyo, in der ich mich jahrelang engagiert habe, entwickelt sich zu einer Blödmaschine. Kein Wunder, dass sie Leute, die denken wollen, auszuspucken beginnt.

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