Kleinigkeiten (9)

„Ausnahmen bestätigen die Regel“ ist eine Regel, deren Ausnahmen ihrerseits keineswegs die Regel bestätigen können, sonst wären es ja keine Ausnahmen. Was folgt daraus?

Die Frage ist zunächst, was eine Regel ist. Beschreiben wir sie empirisch als schrittweise Verwandlung einer „regelmäßigen Wiederkehr“ („Gewohnheit“) in eine „Regelhaftigkeit“ (eine „Konvention“) in eine „Spielregel“ (Abseits, Tiefschlag verboten etc.) von wo aus wir weitere Transformationen in „Systeme“, „Sprachen“ und „Gesetze“ verfolgen können. Der unscharfe Begriff „Regel“ enthält also einerseits eine Geschichte der Verwandlung von Natur in Kultur (so wie zum Beispiel, durch Beobachtung von Regelhaftigkeiten „Naturgesetze“ werden, auf die man sich mehr oder weniger verlassen kann, weshalb es hier auch keine „Ausnahmen“ geben kann, sondern nur Anlässe, sie neu zu fassen), andererseits eine Verwandlung von Beobachtung in Ordnung, und dieser Ordnung in Zwang. Weiterlesen

Kleinigkeiten (8)

Eine Überschrift in der Stuttgarter Zeitung vom Samstag 23. Juli 2011 klärt uns auf: „S-Bahn-Erweiterung: Doppelt so teuer wie gedacht.“ Komisch, dass uns das nur halb so überrascht als wie die Zeitung meinen tut.

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Demokratie, so mag man glauben, sei eine unendlich anpassungsfähige Form einer im großen und ganzen liberalen Herrschaftsform. Sie passt sich in ihrer Weise jeweils den Marktverhältnissen und den Mikrophysiken der Macht an. Wenn es der Markt verlangt, kann es durchaus sein, dass es auch einmal ein bisschen weniger Demokratie sein darf. Und wenn es sein muss, wird eine Entscheidung eben nicht mehr demokratisch getroffen, sondern als „alternativlos“ bestimmt. Im Einzelfall (etwa im Polizeieinsatz gegen „fortschrittsfeindliche“ Demonstranten) wie im großen und ganzen: Während die Macht sich immer weiter konzentriert, wird die Verantwortung immer mehr zerstreut.  Die Parteien schaffen sich ihren Expertenkreis nicht anders als der König seine Berater um sich scharte.

Der Glaube an die unendliche Anpassungsfähigkeit der Demokratie ist zunächst einmal falsch. Weiterlesen

Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (4)

LOB DES RAUNENS

Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Diesen Satz aus dem Tractatus benutzen besonders gerne Menschen, die sich ansonsten den Wittgensteinschen Zumutungen gern entziehen. So wie Marshall McLuhans Satz „Das Medium ist die Botschaft“ eben genau das zu erklären scheint, wozu wir intellektuelle Idioten ansonsten ein paar hundert Seiten brauchen (und dann immer noch Fragen offen lassen, was soll das?).

Worum es geht indes, ist die Suche nach dem Ort, wo dem Ausdruck des Denkens eine Grenze gezogen werden kann. Einleuchtend ist dann schon, zu behaupten, die Grenze meines Denkens seien die Grenzen meiner Sprache, vorausgesetzt ich verstehe unter „Sprache“ nicht das, was der Deutschlehrer darunter versteht. Aber halt! Wenn ich, in welcher Sprache auch immer, eine Grenze meines Denkens erkennen kann, denke ich dann nicht automatisch über sie hinaus, metaphysisch, phantastisch oder ideologisch? Und ist, was jenseits der Sprache liegt, „verboten“, „unwirklich“ oder „unvorstellbar“?

Wenn die Philosophie die Grenze des Ausdrucks des Denkens in der Sprache sieht, darf sie artig im Schoß der Wissenschaften bleiben. Denkt sie „unwissenschaftlich“ darüber hinaus, wird sie entweder zur „Kunst“ oder zum Wahn. Aber vielleicht haben die Philosophen die Grenzen des Ausdrucks des Denkens immer nur beschrieben. Es kommt indes darauf an, sie zu verändern.

Nehmen wir einmal an, ein „Machtpolitiker“ Weiterlesen

TÖRRÖÖ! TÖRRÖ! ODER WARUM BIN ICH SO BÖSE AUF DIE F.A.Z. IM ALLGEMEINEN UND AUF DAS FEUILLETON DER F.A.Z. IM BESONDEREN?

Ist ja eigentlich eine gute Frage. Denn man könnte sich ja gegenseitig aus dem Weg gehen; es ist schließlich weder die selbe Sprache noch der selbe Geist den man pflegt. Man kann eine Institution der bürgerlichen Kommunikation, in der Thilo Sarrazin und Rupert Murdoch gern gesehene Gastautoren sind, doch einfach abhaken und sich erfreulicheren Dingen zuwenden. Es ist, wie Winnetouchs weißer Bruder zu sagen pflegte, „die Gesamtsituation“, die mich so unzufrieden macht. Es geht um das Symptomatische.

Dazu ein einfaches Modell:

Ist es wahr, dass die Demokratie, die wir uns einst erhofften, von Regierung zu Regierung, von „Alternativlosigkeit“ zu „Systemrelevanz“ zunehmend erodiert? Weiterlesen

Anmerkungen zur Empörung

Eine Empörung ist, möglicherweise in doppeltem Sinne, zunächst etwas, was „empor steigt“, ganz buchstäblich aus den Tiefen der emotionalen Kontrolle (von dort, wo man den Zorn unter Kontrolle wähnte), ganz direkt aus dem unterdrückten Teil eines Systems empor zum unterdrückenden Teil. Anders als der Zorn ist die Empörung nachhaltig und zielgerichtet; ein Zorn mag „verrauchen“, eine Empörung nicht. Sie verschwindet erst, wenn ihre Ursache beseitigt wurde (oder die Herrschaft die Empörung in Angst und Korruption ertränkte).

In seinem populären Pamphlet „Empört euch“ beschreibt Stéphane Hessel die Situation: „Die Gründe, sich zu empören, sind heutzutage oft nicht so klar auszumachen – die Welt ist zu komplex geworden.“ Indes scheint es, dass sehr wohl die Gründe der Empörung gut auszumachen sind, aber nicht die Mechanismen, Institutionen und Schlüsselpositionen, durch die und für die Macht in der Postdemokratie fließt und sich entfaltet. Weiterlesen

Titelschutz (9)

Manchmal erscheinen Titelschutz-Listen im Börsenblatt des deutschen Buchhandels wie verschollene Gedichte des post-situationistischen Lyrikers Edgar P. Kuchensucher, so etwa die des akademos-Verlags:

Wunschkind

Kinderwunsch

Lieblingskind

Wechseljahre.

Diese vier Titel sind, wohlgemerkt, geschützt „in allen Schreibweisen, Weiterlesen

Lust & Verlustvortrag

Was suchen zum Beispiel ein „kultivierter Mann, Ende 50, Freiberufler“ oder einfach nur „Mann, Ende 40“ auf dem Markt der Liebe im Anzeigenteil einer gutbürgerlichen Zeitung in Deutschland? Genau. „Nette Frauen“ mit großem – VERLUSTVORTRAG. Und zwar zum Beispiel mit einem Verlustvortrag von 1 Million zwecks, hm, „Interessenausgleich“.

Dass auch die sexuelle Ökonomie in der Nachkrisenzeit Blasen schlagen muss, war ja klar. Und dass das Wort für Liebe in gewissen Kreisen nicht mehr „Bausparvertrag“ sondern „Verlustvortrag“ lautet, auch erwartbar, aber das ist doch ein wenig übertrieben: Man heiratet, zum Beispiel, damit man statt einer Million zwei Millionen tatsächliche oder angebliche Verluste auf spätere Steuer-Veranlagungszeiträume verrechnen kann um damit anfallende Steuern in der Zukunft zu sparen. Da gibt es allerdings auch andere Methoden für eine lebensabschnittliche Verlustvortragsgemeinschaft. Weiterlesen

Nachschriften zu den “BLÖDMASCHINEN” (4)

Exzellenter Wirtschaftsjournalismus in der BILD-Zeitung

Schwerlich ist die „bürgerlich-demokratische Presse“ noch zu retten in diesem unseren Lande. Wie auch? In einer Presse-„Landschaft“ in der die Bild-Zeitung von einer „unabhängigen“ Jury im Jahr 2011 für ihre Hetzkampagne für ihren „exzellenten Wirtschaftsjournalismus“ ausgezeichnet wird, muss mit allem gerechnet werden, auch wenn der Preis von einer „Quandt-Stiftung“ ausgelobt wird.

Die gibt sich auf ihrer Seite erst mal etwas vage:

Den Bürger stärken – die Gesellschaft fördern

Gestiftet als Dank für die Lebensleistung des Unternehmers Dr. h.c. Herbert Quandt setzt sich die Herbert Quandt-Stiftung für die Stärkung und Fortentwicklung unseres freiheitlichen Gemeinwesens ein. Ausgangspunkt ihres Handelns in den Satzungsbereichen Wissenschaft, Bildung und Kultur ist entsprechend diesem Vorbild die Initiativkraft des Einzelnen und die Einsatzbereitschaft für Andere. Die Stiftung will mit ihrem Wirken dazu beitragen, das Ideal des eigenständigen Bürgers zu fördern: Sie möchte Menschen anregen, ihre individuellen Begabungen zu entfalten und Verantwortung für sich sowie für das Gemeinwesen zu übernehmen.

Das ist natürlich Blubberquax. Weiterlesen

ER, schon wieder

Thilo Sarrazin, der offensichtlich im Zweitberuf Taxis mit iranischen, türkischen oder sonstwie muselmanischen Fahrern benutzt, um sich von ihnen bestätigen zu lassen, wie „begeistert“ sie von seinem Buch sind, wird, so scheint’s, derzeit zu einem Hausautor der F.A.Z. Törrrööö! Mit der Armee von Taxifahrern, die Thilo Sarrazin ja so was von recht geben, könnte man den nächsten Dschihad gegen die zwanzig verbliebenen Linksintellektuellen in Deutschland gewinnen. Jedenfalls dürfen wir jetzt so etwas lesen:

„Der rührende Versuch von Bade und Kollegen, unangenehme Nachrichten von der Integrationsfront zu relativieren, erinnert an die Kriegsberichterstattung im Dritten Reich: Wer BBC hörte, um die Wahrheit über den Frontverlauf zu erfahren, war kein Wahrheitssucher, er machte sich der ‚Wehrkraftzersetzung’ schuldig. Necla Kelek, Thilo Sarrazin und andere sind in diesem Sinne der ‚Integrationskraftzersetzung’ anzuklagen“.

Triumphal führt der Autor dann eine „aktuelle repräsentative Umfrage“ an (natürlich verschont Herr Sarrazin uns mit näheren Angaben über diese Umfrage), in der es von „türkischen Migranten in Deutschland“ (was immer das sein mag) heiße: „Nicht einmal die Hälfte von ihnen bezeichnet ihre Deutschkenntnisse als gut“. Weiterlesen

„Wenn ich früher gewusst hätte, was ich heute weiß…“

Aus der „Allgäuer Zeitung“ vom 9./10. Juli 2011:

„Ignaz Walter, einstiger Chef des 2005 pleitegegangenen gleichnamigen Augsburger Baukonzerns, sieht die Zukunft der Branche heute kritischer als früher. Aus Anlass seines 75. Geburtstages am Sonntag sagte er unserer Zeitung: ‚Wenn ich vor 50 Jahren gewusst hätte, was ich heute weiß, würde ich unter keinen Umständen versuchen, in der Bauindustrie Karriere zu machen’. Der frühere Lenker einer der größten Baukonzerne Europas würde sich für den Beruf des Investmentbankers entscheiden.“

Al Capone, einstiger Chef des Chicagoer Syndikats, sah die Zukunft seiner Branche kritischer als zuvor. „Weißt du“, sagte Capone aus Anlass seines Geburtstags dem Chicago Colt Daily, „wenn ich früher gewusst hätte, was ich heute weiß, würde ich unter keinen Umständen versuchen, mit dem Alkoholschmuggel Karriere zu machen“. Der frühere Lenker eines der größten Dienstleistungsunternehmen Amerikas würde sich für den Beruf des Geldwäschers entscheiden.