Der Polizist als „Kinderschänder“?

Die Geschichte geht so: Ein Demonstrant an jenem schwarzen Donnerstag in Stuttgart, dem 30. September 2010, sieht sich und seine Freunde, darunter Kinder und Rentner, dem Angriff von vermummten und hoch gerüsteten Polizisten ausgesetzt, die die Menschen mit Schlagstöcken und Pfeffersprays maltraitieren. In seiner Empörung ruft er diesen Polizisten zu: „Ihr Arschlöcher!“ Mag schon sein: ein kleiner Fall von „Beamtenbeleidigung“, und den Richter oder die Richterin in Deutschland wollen wir sehen, der oder die in seinem bzw. ihrem Urteil zu dem Ergebnis käme, dass sich Beamte und Beamtinnen an jenem schwarzen Donnerstag tatsächlich wie Arschlöcher aufgeführt hätten. („Arschloch“ ist, politisch gesehen, leider ein sehr unscharfer Begriff.)

Aber die Geschichte geht weiter. In der Version des Angeklagten habe ein Freund ihn besänftigend umarmt und aus der Konfliktzone am Stahlgitter weggeführt. Und das war’s. In der Geschichte des beleidigten Beamten indes geht es weiter: Der Angeklagte sei noch einmal ans Stahlgitter zurück gekehrt, und nun habe er es nicht mehr mit einem „Arschloch“ bewenden lassen, sondern ein noch viel schlimmeres Schimpfwort benutzt: „Kinderschänder“.

Oha!

Der Angeklagte bestreitet dieses Wort benutzt zu haben, ihm wäre der Zusammenhang zwischen prügelnden Polizisten und sexuellen Straftätern auch gar nicht recht eingängig. Schließlich ist nicht jeder Mensch, der zornig ist, auch ein Idiot, im Gegenteil.

Vor Gericht, am 12. Mai 2011, also steht Aussage gegen Aussage, auf der einen Seite ein Polizeirat, auf der anderen Seite ein Werkzeuginstandsetzer. Wir müssen nicht fragen, wer da die besseren Aussichten hat. Letzterer ist ohne weiteres bereit, die Strafe für die „Arschlöcher“ zu bezahlen, das mit den „Kinderschändern“ aber will er nicht auf sich sitzen lassen, das ist auch eine Frage der Würde. Auch bei den Zeugenaussagen entsteht zunächst ein Patt, bis schließlich zwei junge Polizisten aussagen, die in nächster Nähe waren und das in Frage stehende Wort nie gehört haben wollen. Eigentlich wäre damit die Sache klar, wir leben schließlich in einem Rechtsstaat, oder?

Aus der Urteilsverkündung macht der Richter dann ein sehr allgemeines Bekenntnis: „Unsere Polizei muss geschützt werden“. Und deshalb muss der Werkzeuginstandsetzer dran glauben: „Entweder der Polizeirat hat ‚Kinderschänder’ gehört oder er lügt uns hier granatenmäßig an – und das glaube ich nicht“.

Natürlich hätte ein weiser Richter genau diese Zuspitzung unterlassen und eher versucht, zu bauen, was man so „goldene Brücken“ nennt. Er hat indes nicht nur ein politisches Urteil gefällt, sondern den Gerichtssaal sogar noch dazu benutzt, eine Mythologie des politischen Urteils zu entfalten, indem er zum Beispiel davon sprach, wie sehr man doch den Polizisten im Alltag brauche. Kurzum: Dieser Richter hat nicht in einem konkreten Fall nach dem Recht gesucht, sondern einen symbolischen Angriff auf eine Institution symbolisch abgewehrt. Und in einer solchen symbolischen Handlung einer eigentlich moralisch höherwertigen Instanz geht offensichtlich das Recht von Werkzeuginstandsetzern mit politischem Engagement unter. Und natürlich: Besonders symbolisch trifft dieses Urteil jene jungen Kollegen des Klägers, die die Wahrheit höher schätzten als den „Korpsgeist“. Das ist, wie gesagt, ein Urteil mit hoher symbolischer Durchschlagskraft.

Es geht aber noch um etwas anderes, nämlich um dieses vermaledeite „Kinderschänder“. Ob es nun gesagt worden ist oder nur unterstellt (das Gericht bekennt sich ja ausdrücklich dazu, dem Polizeirat mehr zu glauben als dem Werkzeuginstandsetzer, selbst wenn dieser sogar Zeugen von der „Gegenseite“ aufweisen kann), es wäre in jedem Fall einer sozialpsychologischen Nachbetrachtung wert.

Gesetzt den Fall, ein „Wutbürger“ beschimpfe einen Polizisten als „Kinderschänder“: Was sagt uns das? Ist es nur einfach die übelste Beleidigung, die einem nur einfallen kann? Werden Prügel und Pfefferspray auf Schülerinnen und Schüler mit „Schänden“ gleichgesetzt? Es klingt, sagen wir mal, ein wenig weit hergeholt. Gesetzt aber den Fall, der Polizist habe in der Tat das Wort „Kinderschänder“ nur „gehört“, entweder in einer Form der stressbedingten Halluzination oder aber, der eben offenbar unglaubhafte Versuch einer „granatenmäßigen“ Lüge (Granaten? Vielleicht sollte man auch mal sprachliche Feinheiten vor deutschen Gerichten untersuchen…) sei zu konstatieren, mit der man dem Gegner nun seinerseits die schlimmstmögliche Wortwahl unterstellt, dann… Ja, was würde uns das sagen?

Ganz offensichtlich steckt in diesem Verhandlungsgegenstand noch etwas anderes, eine Art der Trans-Arschlöchigkeit. Denn der Begriff „Kinderschänder“ sexualisiert ja nicht nur einen politischen und juristischen Diskurs, er drängt das Gegnerhafte (das ein Rechtsstaat zu regeln imstande ist: Wir wissen, welche Strafe für ein „Arschloch“ in Richtung von deutschen Beamten zu erwarten ist) in die Richtung eines absolut Bösen. Als Arschloch bezeichnet zu werden kann man einem anderen Menschen früher oder später verzeihen, das ist, wie man so sagt, „die Hitze des Gefechts“ (ach, könnten wir uns doch die militärischen Metaphern abgewöhnen). Einen „Kinderschänder“ aber kann man einander nicht verzeihen. Es ist ein Vorwurf, der einen radikalen Bruch zwischen Absender und Empfänger beinhaltet, jede Form von Versöhnung ist damit ausgeschlossen. Wer seinen Gegner einen „Kinderschänder“ nennt, oder wer seinem Gegner unterstellt, ihn einen „Kinderschänder“ genannt zu haben, der will damit ausdrücken, dass der Graben zwischen beiden absolut unüberbrückbar ist. Jeder Mensch ist für irgendeinen anderen Menschen ein Arschloch. Aber niemand, ich wiederhole: NIEMAND, ist ungestraft ein Kinderschänder!

Verantwortungsvolle Menschen werden es sich also stets zweimal überlegen, jemand anderen einen „Kinderschänder“ zu nennen. Verantwortungsvolle Beamte werden es sich zweimal überlegen, ob sie einem Demonstranten unterstellen, ihn einen „Kinderschänder“ genannt zu haben. Verantwortungsvolle Richter werden es sich zweimal überlegen, den Vorschlag zu einem radikalen Bruch und zur Unversöhnlichkeit so bereitwillig anzunehmen.

Und darin sehen wir die eigentlich Tücke des ganzen Unternehmens: Es geht um die Verschiebung des Diskurses von einem innerkulturellen, versöhnbaren Konflikt zu einem radikalen Ausschluss. Man könnte vielleicht sagen, der entsprechende Beamte und der entsprechende Richter hätten gar nicht gemerkt, was sie da anrichten. Oder aber.

5 Gedanken zu „Der Polizist als „Kinderschänder“?

  1. ok, bin aufgefordert worden einen kommentar abzugeben:

    also, ich finde den artikel gut und umfangreich, vermisse allerdings den dazu gehörigen zusammenhang klar zu stellen.
    denn dieses wort kinderschänder wurde tatsächlich meines wissens nach nie benutzt, denn wie oben auch beschrieben geht es hier nicht um die sexistische bedeutung, sondern es wurde nach dem 30.09. und schon an dem tag das wort „kinderschläger“ kreiert und dieses wort hatte und hat seine berechtigung, denn seitdem wird die polizei hier in stuttgart bei gewalteinsätzen als „kinderschläger“ tituliert, das andere wort würden die leute meines erachtens aus obigen im artikel erklärten gründen gar nicht in den mund nehmen, deshalb ist es und bleibt es ein hörfehler (oder gar eine unterstellung), nur mal so….

  2. Altes Thema. Im Netz gibt es einige Videos von den Demos, in denen man S21 Gegner „Kinderschänder“ rufen hört. Bei der Flügelbesetzung zum Beispiel.

    Auf der Parkschützerseite wurde u.a. auch Pädophilenwitze über Bräuchle verbreitet, ein entsprechendes Plakat bei dem der Pfarrer Kindern hinter her rennt war auch auf Demofotos zu finden.

    Ebenfalls bei den Parschützern wurden die S21 Macher mit Kinderzuhältern verglichen.

    Leider wurden S21 Macher, S21 Unterstützer und Polizisten von Gegner des öftern in diese unfeine Ecke gestellt. Videobeweise als auch Screenshots gibt es einige zu finden. Ich hab den Fehler gemacht, unter meinem richtigen Namen auf entsprechende Beweise hinzuweisen. Drohanrufe waren die Folge

    Und da wären noch die Nazi- und DDR Regimevergleiche…

    Der radikale Bruch ging von den S21 Gegnern aus. Es sei denn, der Schreiberlin findet die Pädophilenvergleiche als unproblematisch

  3. @Anomymus: Die dringende Bitte an den ‚Anomymus'(sic!) sich doch etwas eingehender mit dem oben benannten Fall zu beschäftigen. Dann möge er erkennen, dass es hier tatsächlich um ein altes Thema geht – nur anders als er eben bisher erkennen mochte. Korpsgeist – hier endlich einmal durchbrochen und dadurch überdeutlich: die Augen der Justiz sitzen im Kopf der Macht. Das ist doch eigentlich ein spannender Fall! Man wünscht sich, dass viele von ihm erfahren, weil das ‚alte Thema‘ hier eben so sehr deutlich zu Tage tritt.

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