Nachschriften zu den „BLÖDMASCHINEN“ (1)

In unserem Buch „Blödmaschinen – Die Fabrikation der Stupidität“ haben Markus Metz und ich versucht, eine neue Herrschaftsform in Postdemokratie und Finanzkapitalismus zu beschreiben, die offensichtlich vor nichts und niemandem halt macht. Ab nun wollen wir in unregelmäßiger Folge neue Indizien und Methoden der kapitalen Verblödung unserer Gesellschaft hinzufügen.

Leserinnen und Leser dieses Blogs sind herzlich eingeladen, sich an dieser Materialsammlung zu beteiligen.


Die „Guttenberg-Universitäten“

Das ist die Crux an einem Buch wie „Die Blödmaschinen“. Da beschreibt man die schleichende Verwandlung der deutschen Universitäten in prächtig funktionierende Blödmaschinen, für die ihre Opfer auch noch gefälligst Eintritt zahlen sollen (denn man lernt hier zwar nicht mehr viel fürs Leben und das Denken, für die Karriere aber braucht man den Unfug doch noch: man lernt hier, wie man nach oben kommt, ohne sich anzustrengen – und wie man sich anstrengt, ohne nach oben zu kommen – wir sollten große Teile unseres akademischen Betriebes ehrlicherweise gleich „Guttenberg-Universitäten“ nennen). Und dann geht alles noch viel schneller, viel drastischer, und, nun ja, viel blöder.

So ist es recht! Deutsche Universitäten werden, übrigens extrem preiswert, gleich direkt an die Banken verscherbelt. Man nennt das dann „Sponsoren- und Kooperationsvertrag“ und wie es sich gehört wird das ganze auch vertraglich geregelt. Dumm ist es dann schon, wenn das an die Öffentlichkeit dringt, aber eigentlich ist es auch schon egal. „Mitsprache in der Lehrkonzeption, Lehraufträge für Bankmitarbeiter, Vetorecht bei der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen, gesondertes Werberecht an der Uni“. „Ganz schlechte Science Fiction“, mag man denken. Es ist aber die Realität der Postdemokratie in Deutschland.

Nun fragt man sich, was sich die „Verantwortlichen“ an der Humboldt Universität und der Technischen Universität Berlin zu solcher Radikalversion der gleichzeitigen Konzern-Aneignung von „nützlichem“ Wissen und Unterdrückung der kritischen Diskurse „gedacht“ haben: „Alle Forschungsergebnisse der Universitäten oder ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die im Rahmen der zwischen den Vertragspartnern abgestimmten Forschungsprojekte entstehen, sind der Deutschen Bank (…) zur Freigabe vorzulegen“ (zitiert nach taz vom 27. Mai 2011). Und gleichzeitig sichert man sich auch das Recht zu, je nach Interessenlage offenzulegen oder zu verschweigen, wer da (wenig) zahlt und (viel) anschafft: „Die namentliche Erwähnung der Deutschen Bank in einer Veröffentlichung ist in jedem Fall nur mit vorheriger schriftlicher Zustimmung der Deutschen Bank zulässig“.

Diese Bankrott-Erklärung der deutschen Universität, gegen die Widerstand zu leisten offenbar nur wenigen angelegen ist, und die BILD-Leser nicht allzu sehr zu bewegen scheint, ist wohl keine „Entgleisung“, sondern nur zufällig sichtbar gewordenes Symptom. Diese Übernahme der Universitäten in Deutschland durch das Finanzkapital ist politisch gewünscht (man braucht das Geld ja anderswo).

Wie aber „denken“ Studentinnen und Studenten, die durch eine Deutsche Bank-Universität gelaufen sind? Welche Welt werden sie sehen und welche werden sie erzeugen? Die Kinder von Deutsche Bank und Adderall: Wir müssen uns vor ihnen fürchten. Wir müssen um sie trauern.

13 Gedanken zu „Nachschriften zu den „BLÖDMASCHINEN“ (1)

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  2. Denn die Geldgier ist eine Wurzel alles Bösen – so liest man es im 1. Timotheusbrief 6,10 .
    Aber weil es nur noch so erschreckend wenige sind, die überhaupt wissen, wo sie nachlesen müssen und wo sich dieser Brief befindet, haben wir eben die Zustände, die Sie oben beschrieben haben.
    M.a.W. die normative Orientierung der Generationen in der westlichen Hemisphäre wurde ab 1963 buchstäblich auf den Kopf gestellt und die Warner wurden als ewig gestrig diffamiert. Eines der zahlreichen Ergebnisse ist nun, daß man nicht mal mehr in der Lage ist, eine solche Review zu machen.

  3. Ob jetzt in der „alten Heimat“ oder meiner neuen, Österreich: Die gut gemeinte und noch guter verwirklichte Unterstützung der Universitäten durch ausgerechnet ihre eigentlich schlimmsten Freunde von der Systemerhalterfront geht so widerstandslos an meiner Generation (jetzt mitte zwanzig) vorüber, dass es mehr als nur erschreckend ist. Da wurde an der Universität Wien in „Zusammenarbeit“ mit einer der größten Geschäftsbanken Österlands eine Ringvorlesung zum Thema „Corporate Social Responsibility“ – Euphemismus ist ein Euphemismus für diese Buchstabensuppe mit geradezu magnetischer Abstoßwirkung, oder? – angeboten. Und natürlich kritische Stimmen abgewürgt und Wortmeldungen untersagt, das eigene Haus beworben, sonst nichts. Man mag beinahe glauben der Fall Guttenberg sei sozusagen nur ein Ablenkungsmanöver der staatlichen Akademia um von ihrer rasend schnellen Übernahme durch die Wirtschaft abzulenken. Frei nach dem Motto „Schaut mal da, ein Politiker mit gekauftem Abschluss!“ wird groß Rambazamba in den Medien der üblichen Coleur veranstaltet, ohne zu bedenken dass die derzeitige Entwicklung in eine Richtung geht, die nicht-bezahlte Hochschulabschlüsse in Zukunft wohl zum nostalgischen Traum degradieren werden. Maßlos enttäuscht bin ich vor allem von meiner Generation, ihrer fehlenden Energie, ihrem nicht vorhandenen oder schon verkauften Mut zur Wehrhaftigkeit. Ein paar Demos hier und da. Und deren Hauptforderung, wie könnte es anders sein, ist die nach mehr Geld. Ursprung egal, ich wette meine EHEC-freien Jungmänner-Nieren drauf dass gerade die konservativen und rechten Studienvertretungen ohne mit der Wimper zu zucken auch bei Finanz und Wirtschaft die Taschen aufhalten würden, dabei alles unterschreibend was ihnen der nette Herr im teuren Zwirn vorhält. In zehn Jahren sind wir dann spätestens bei amerikanischen Zuständen, wo Talente und Begabungen, freies Denken und Kritikfähigkeit sich einem preisgestafffelten Angebot an Hochschulen von Community College über City/State Universities bis zu Ivy League Schulen inklusive Machtsekten Marke Schädel & Knochen, die sogar einen halbretardierten Volltrottel in Amt und Würden hieven. Am Ende steht dann die „Coca Cola Grundschule Köln“ und wer es wagt zu kritisieren, dem wird die eigene Unterschrift unter der legalen Grundmauer der Dann-Jetzt-Zustände vorgehalten.

    Und in der NEON stehen die neuen Stylingtips für die „New Conservatives“, weil altbacken wieder schick ist. Ob textil oder kontextuell, das ist ja dann auch wirklich scheissegal.

  4. Aus der Zentrale der Blödmaschinen, dem »Office for Entrepreneurship« erhielt ich vor ein paar Tagen über den Univerteiler ein Angebot zu „Workshops in Unternehmensgründung, Business-Plan, Marketing und Vertrieb“ inkl. einer Einführung in die Strategien des „Elevator-Pitch“; Alumni müllt mich mit dem Manager-Magazin zu, und ich kenne jede Drittmittelstatistik der Kollegen ohne zu wissen, wovon ihre letzte Veröffentlichung handelt. Das ist Blödmaschinenalltag in Reinform.
    Damit zu Ihrem Buch: Es ist großartig! Nur wird kaum jemand, der an einer Uni beschäftigt ist, Zeit finden, es zu lesen, weil alle mit irgendeinem bürokratischem Mist befasst sind oder glauben, noch eine Endlosschleife um ihr eigenes akademisches Universum drehen zu müssen. Allein das macht sie blödmaschinen- und somit lehr- und forschungstauglich. Teaching Disaster – Vielleicht ist es ganz gut, dass sie nicht wissen, was sie tun!?

  5. wie mir ein biologe sagte, hat man es jetzt auch ganz gern, wenn am anfang der forschung das ergebnis am ende schon zu beginn feststeht.

    das rad im gehirn dreht sich also noch. nur der hamster ist tot.

    das einzig positive ist, dass die installation als kanzlermarionette des herrn zu guttenberg scheiterte. da fiel dann anfang und ende in sekunden zusammen.

    dank ‚chaos gegen den terror‘,
    wie pasolini es einmal ausdrückte.

  6. Dabei sollte man den Einfluss des Fernsehens nicht unterschätzen. Ich denke inzwischen, was immer ich dort sehe: das Gegenteil ist der Fall. Ich denke auch, schlechte Filme und Nachrichten von unlösbaren Katastrophen sind das ideale Fernsehen.

    Billig und problemlos zu wiederholen. In aller Regel aggressives feiges Familienrumgefuchtel.
    Und/oder Mord. Oder die Vorstellung der Provinz Hollywood von der bösen weiten Welt und/oder ihren städtischen Gefahrenherden, die zerstört werden müssen. Das brennt einem wirklich auf den Nägeln.

    Plus freudlos exekutierte Nachrichten und Talkshows aus einer Art wuchernd verendenden Simulacron-3-Parallelwelt (parallel zu was?) von Doppelgängern, die so tun, als seien sie ich.

    Dabei beten sie mich als Quote nur an.
    Was mich an einen Dialog aus ‚Golden Girls’ erinnert, wenn eine der Girls als letzte Hilfe die Bibel anbietet, worauf sie zur Antwort bekommt: Danke, ich trinke nicht.

    Plus Schnitzler pur: Fräulein Else könnte ihren Vater retten, wenn sie sich vor einem reichen Industriellen auszieht.

    Des Kaisers neue Kleider stehen den Randfiguren der elektronischen Industrie gut. Man muss sie nicht mehr wirklich aufknöpfen.

    Sie härten edel und unimmun gegenüber den Inzestverlockungen aus Politik, Entertainment, Sport und Wirtschaft ihren Platz im Eigenheimslum aus.
    Ein Studendentraum.
    Zwischen geschrieenen Fäkalwitzen, die nach vollzogener Kastration schmecken, blinder Fairness gegenüber katastrophalen Freiheitsbeschränkungen und sentimentalen, verlogenen Rückblicken auf das eigene Fernseherschaffen von Zeitgeist geben sich alle so bemüht aufklärerisch, dass nur noch Indifferenz oder interne Querelen bleiben.

    Schamlos. Infantil. Dabei schält sich eine verblüffende Konstante heraus. Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Und die Deutsche Bank lässt sich ihr Ablenkungsmanöver an deutschen Unis eine Briefmarke kosten, um wie bei ‚Deutschland sucht den Superstar‘ gleich mal alle Versager in einen Workshop zu internieren.

    Amerika hat sich schon sein eigenes Dritte-Welt-Land im Inneren geschaffen und die Inder greifen zu. Mit zeitlich überschaubarer Verzögerung wird das auch hier geschehen.

    Unis? Imitieren das Fernsehen. An Politik wird nicht mehr geglaubt, ausser als Werbeveranstaltung von Neocons, die den freien Markt preisen, den es ohne verlogenste Klienteleingriffe garnicht gäbe.

    Und die Wirtschaft spielt Talkshow als Tatort: Sie möchten ermordet werden? Kein Problem. Folgen Sie mir. Wir haben Regeln wie beim Fernsehen müssen Sie wissen. Am Anfang immer ein Mord. Sie müssen schliesslich nur lernen, wie man jemand ausschaltet. Das hält alles schön statisch. Und wir verbinden jedes Thema, wirklich jedes, Sex, Gesundheit, Philosophie, Alltag mit Politik, denn das ist gefahrlos. Talkshow. Sie wissen schon. Immer alles verbinden und so nie den Punkt treffen. Oder Wirtschaft. Das ist auch gefahrlos. Denn wenn was schief geht, dann springt die Politik ein.

    Man kann den Studenten nur raten, ihre Fächer von Politik -und Wirtschaftsinzesten als Erstes wirklich zu entkoppeln. Die 60iger Jahre sind vorbei. Und wer Daniel Cohn-Bendit im letzten Philosophischen Quartett gesehen hat, weiss auch warum. Israel oder soll ich ’ne Flasche Rotwein bestellen? Hm. Später. Wenn die stammelnde Studentin nur ihre Gemeinplätze endlich mal beenden könnte! Wie heisst sie nochmal? Juli Zeh. Süss.

    Aber wer sind eigentlich die anderen beiden?

  7. Pingback: Die ganze Klaviatur | opablog

  8. Guten Tag, wie kann ich meinen Freunden hier in Frankreich ihre „Blödmaschinen“ vorstellen? Ich spreche viel davon und gebe auszugsweise übersetzungen aber würde gern das Buch selber in französisch weiterempfehlen. Gibt es eine übersetzung, wenn nicht, ist sie vorgesehen?
    Mit bestem Dank Bettina, bei Paris

  9. Pingback: Der Fall Gustl Mollath – politische Dimensionen eines deutschen Skandals I | opablog

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