Das Ästhetische und das Politische (I)

Die zwei Systeme, die an der Modellierung oder Kartographie der Welt arbeiten, haben sich immer wieder wie Komplizen und immer wieder wie Feinde verhalten. Nie ist es gelungen, das eine dem anderen zu unterwerfen, dagegen ist es immer wieder gelungen, das eine im anderen zu verstecken. Feindliche Geschwister, ließe sich wohl sagen.

Wäre nun das Ästhetische bloß die Form und das Politische der Inhalt, so wären beide trefflich vereint in einer „Ökonomie“, einer „ordentlichen Verwaltung des Hauses“ (die man den Göttern ebenso wie den Philosophen und den weisen Herrschern zugeschrieben hat, ehe die Kapitalisten sie in die Hände bekamen): Alles was sich lohnt zu errichten, um dem absehbaren und vorhergesagten Untergang entgegen zu wirken: Schönheit und Ordnung als Mittel, die Zeit vor dem Jüngsten Gericht zu verlängern.

So sagt eine einfache Formel, Faschismus sei zunächst eine „Ästhetisierung des Politischen“, auf die eine linke und humanistische Reaktion die „Politisierung des Ästhetischen“ sei. Das klingt einleuchtend, beschreibt aber noch lange nicht das Schlachtfeld, auf dem sich die beiden mehr oder weniger strategischen Impulse treffen. Weiterlesen

AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (4)

Ewige Lyrik

Morgen

Schreib’ ich ein Gedicht.

Heute

Mach ich’s lieber nicht.

Gestern

Gab’s Zucchini-Auflauf.

Mit diesem „Gelegenheitsgedicht“ beteiligte sich Edgar P. Kuchensucher (vergeblich) am Lyrik-Wettbewerb der „Passauer Neuesten Nachrichten“. Der Redakteur schickte (damals tat man so was noch) das Blatt zurück mit der Bemerkung, es sei für Passauer Verhältnisse „doch allzu gewagt“, in seinen „freien Formen“. Außerdem wisse er nicht – woran man sieht, wie sich die Zeiten ändern – was er sich unter Zucchini vorzustellen habe. Gerüchtehalber verlautbarte, der Vertreter des örtlichen Bischofs in der Jury habe Zucchini für „ein Werk des Teufels“ gehalten. Was sie, unzureichend zubereitet, denn ja auch sind.

Neues über Dieter Bohlen

„Willst du mit mir gehen?“

„DIETER BOHLEN, Musiker und Fernsehjuror (‚Deutschland sucht den Superstar’), hat sich in jungen Jahren selbst kritisch beurteilt. Laut ‚Focus’ schrieb der heute Siebenundfünfzigjährige vor 40 Jahren in einem Liebesbrief an eine Mitschülerin: ‚Ich weiß, ich habe einen schlechten Ruf. Aber du kannst meinen guten Ruf doch wiederherstellen.’ Der Brief endet mit den Worten: ‚Hab’ keine Angst vor mit… Wir müssen ja nicht nur rumknutschen. Du kannst sagen, was wir tun sollen.’ Die Angebetete namens Gabi lehnte das Liebeswerben ab. ‚Er hat damals die Mädels reihenweise abgeschleppt, ich kannte kaum eine, die Nein gesagt hätte’, sagte sie dem Magazin.“

Nun die Preisfrage: In welcher deutschen Zeitung lesen wir diese „Nachricht“?

(Kleine Hilfe: Diese Zeitung kostet nicht 60 Cent sondern 2 Euro.)

Wer die Antwort weiß: TÖRRRÖÖÖÖÖ!

RETTET DEN DEUTSCHEN ZUCKER!

Und womit beschäftigen sich „Bild-Leser-Reporter“ so?

Am 19. April des Jahres beschäftigt sich jedenfalls einer aus Bremen schon mal mit einer eigenen Variante von Kampagnenjournalismus:

Nach den Polen: Jetzt kaufen die Letten unseren Zucker weg

Bremen. Erst haben die Polen bei uns palettenweise Zucker gekauft (Bild berichtete). Jetzt kommen die Letten und räumen noch radikaler ab! Dieser Mann (man sieht einen unschuldigen Gabelstapler irgendwelche weißen Säckchen auf eine unschuldigen LKW laden) hat gerade im „Combi“-Supermarkt in Bremen 13.000 Päckchen Zucker zu je 65 Cent in bar bezahlt. In Lettland kostet ein Kilo rund 99 Cent. Rechnerischer Gewinn also 4.420 Euro. Grund für den Zucker-Zocker-Tourismus: Nach schlechten Ernten ist der süße Stoff in Osteuropa knapp geworden. In Ostdeutschland wehren sich die Supermärkte bereits, geben pro Kunde nur noch fünf Pakete ab“.

Schlau das! Denn nach der Lektüre dieses erhellenden Bild-Leser-Reporter-Artikels bin ich zu den Supermärkten meiner Stadt gegangen und habe mal so eben 13.000 Päckchen Zucker verlangt. Weiterlesen

Positiv denken (II)

„Positiv gedacht“, sagte Professor L. (ich glaube, er nannte sich hauptsächlich zur Verkaufsförderung seines Buches und seiner Vortragsreisen so), „ist dieses Glas hier“, er zeigte triumphierend auf ein Glas, das bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt war, „halb voll. Negativ gedacht ist es halb leer.“

„Positiv gedacht,“ meinte die Forelle (es war, glaube ich, in einem erträglich hellen Bach), „habe ich mir einen leckeren Wurm gefangen. Negativ gedacht hänge ich an einer Angel. Wie schön, dass ich gelernt habe, positiv zu denken.“

Professor L. liebte Forelle „Müllerinnen Art“.

Preiskreis

Klasse! Necla Kelek, unsere „Islamkritikerin“ vom Dienst, bekommt erst einmal einen „Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“, hält dann in der Frankfurter Paulskirche (wie war das mit dem „Besetzen“ der Begriffe und Räume des Gegners in der postmodernen Rhetorik?) eine Dankesrede, und bekommt gleich für diese Dankesrede den nächsten Preis, diesmal von der bundesweit tätigen Denkfabrik namens „re:publik – Institut für Zukunftspolitik“, und zwar als „Bester Redner“ (als „Bester Redner“ wird Christian Lindner, der Generalsekretär der FDP ausgezeichnet; Sigmar Gabriel war auch schon dran, und Jürgen Trittin hat die Laudatio gehalten, ja, das nennen wir eine Demokratie). Wer oder was ist aber das Jede Postdemokratie hat die politische Kultur, die sie verdient. Es bedarf einer politischen Unkultur, um die Verwandlung von Demokratie in Postdemokratie zu bewerkstelligen. Institut für Zukunftspolitik? Wir erfahren, abgesehen davon, dass es regelmäßig ein „Journalistenfrühstück“ gibt (die Jungs kriegen sonst aber auch wirklich nichts zu beißen!) zumindest mal, wer bislang zu den Sponsoren von re:publik (ein junger, innovativer think tank, der sich für eine zukunftsfähige Politik in Deutschland einsetzt) gehört: Deutsche BP, Deutsche Post AG, Außenministerium der Republik Österreich, Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung der Republik Österreich, Bundesministerium für Bildung und Forschung der Bundesrepublik Deutschland, Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke (BAG BBW), Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V.. Sagen wir mal: Nicht gerade der Club der lauteren nichtkommerziellen Philanthropen. Weiterlesen

DIE SANDKASTEN-PROTOKOLLE (VII)

–  Jetzt schau’ dir des Kind an. Was die anhat. Die kann einem ja nur leid tun.

– Bei uns hat jetzt ein neuer C & A aufgemacht, da kommt jetzt bald bestimmt wieder so eine Werbung, das haben sie immer recht gern unsere Kinder. Sonst finde ich ja immer, es ist ein bissel billig, oder?

– Nein, das geht schon. Also für den Alltag.

– Ja, das ist nicht so ein Zeug vom, ach, du weißt schon. Also ich finde, man muss schon ein bissel aufpassen, was man den Kindern anzieht. Das bleibt irgendwie fürs Leben.

– Ist ja nicht so, dass man angeben möchte. Weiterlesen

Warum Pressefreiheit auf dem Markt ein Widerspruch in sich ist

Der Kapitalismus hat seine Regeln, und die Demokratie hat ihre Regeln. Weder der Kapitalismus noch die Demokratie halten sich an die eigenen Regeln. Die Systeme sind in sich schon korrupt, bevor sie von außen erst so richtig korrumpiert werden können. Unter Korruption kann man auch einen destruktiven Fehler im System verstehen, der das System dazu bringt etwas anderes hervorzubringen als das, was es eigentlich „im Sinne“ hatte, im schlimmsten Fall: das genaue Gegenteil. (So wird aus dem Fernrohr der Erkenntnis das Fernsehen der Verblödung. Zum Beispiel.)

Jedes Medium auf dem Markt, jeder Verlag, jeder Sender und sogar jeder einzelne Mitarbeiter und jede einzelne Mitarbeiterin haben ihre politische Ökonomie. Oben geht es dabei um Profit, und immer mehr davon, und unten geht es ums Überleben; ohne Ausbeutung, Betrug und Selbstbetrug ist weder das eine noch das andere zu haben.

Was ein Medium veröffentlich entscheidet zuallererst weder ein Programm, noch eine Idee, eine Haltung oder ein Wert, sondern seine politische Ökonomie. Weiterlesen

Der Philosophie-Depp

Ach ja, die Süddeutsche Zeitung (13. April 2001):

„Johnny Depp, 47, Schauspieler, erlebt das Altern mit ‚Verwunderung’. Dem Magazin Playboy gegenüber gab sich der Hollywood-Darsteller philosophisch: ‚Ein paar Metamorphosen habe ich ganz gut hinbekommen.’, sagte Depp. ‚Ich bin nicht mehr so egoistisch wie früher und bin dünnhäutiger geworden.’ Allerdings, so der Schauspieler, solle man sich ‚um Himmels willen nicht so ernst nehmen’.“

Ja, das liest man halt wieder mit dem allergrößten Interesse. Johnny Depp hat offenbar keine Lust, sich ausgerechnet für den Playboy etwas besonders Kluges einfallen zu lassen und redet halt irgendwas vor sich hin.

Und in der Süddeutschen Zeitung landet es dann, als „Philosophie“. Ist das nun blöde, oder werde ich nur, wie der geschätzte Johnny Depp, im Alter auch, na ja, dünnhäutiger?

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 1/11

KÖNNEN FILME SOZIALE PLASTIK WERDEN?

Kleine Anmerkung zu Christoph Schlingensief

Die soziale Skulptur, gleichgültig ob im Film, ob in anderen Medien, in einem der traditionellen Kunst-Räume wie dem Museum oder schließlich im öffentlichen Raum, verändert das Verhältnis des Künstlers zu seinem Publikum entschieden. Die Anwesenheit des Künstlers in seiner Arbeit ist dringend erforderlich, und zwar gleich auf mehrere Weisen:

1. Als biographischer Reflex. Das bedeutet: Der Künstler ist nicht als Institution, nicht, wie man so schön sagt, als Schöpfergott-Instanz gegenwärtig, sondern als Mensch. Das Kunstwerk hebt ihn nicht über die Zyklen und Formen der menschlichen Kommunikation hinaus, sondern ganz im Gegenteil, das Kunstwerk schafft einen eigenen Raum, in dem sich Menschen begegnen. Und schon da wird sichtbar, dass auch das Spiegelbild erforderlich ist: Die Gegenwart des Publikums, die Anwesenheit des Adressaten. Auf den Film bezogen kann das heißen: Die Schönheit eines Films von, sagen wir Wim Wenders, besteht sehr wahrscheinlich auch dann, wenn niemand zuschaut. Die Schönheit eines Films von Christoph Schlingensief existiert erst durch den Zuschauer. Durch das doppelte Empfinden von Anwesenheit. Weiterlesen