GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER (17)

Es war ein milder Frühlingsabend, an dem die Bäume sich nachsichtig ein wenig Luft zufächelten, als die Herren Reiner und Kainer den Biergarten ihres Vertrauens verließen und am Ufer der Isar ihrem städtischen Zuhause zustrebten.

„Wie spät ist es eigentlich?“ frug da Herr Reiner, und wollte gerade auf seine Armbanduhr sehen (sie war für wenig Geld bei einem Kettenladen erworben, dessen Kerngeschäft angeblich der Kaffeehandel war, und sie tat ihren Dienst).

„Warum wollen Sie das denn jetzt wissen?“ war die rasche Gegenfrage des Herrn Kainer.

„Ach, nur so“ antwortete Herr Reiner vorsichtig, dem die Angewohnheit seines Freundes bekannt war, von Alltagsfragen auf fundamentale philosophische Probleme zu gelangen. Weiterlesen

Keine Anzeichen für Meriten

„Merkel: Keine Anzeichen für eine Kabinettsumbildung.“ So titelt heute die F.A.Z.. Wie darf man sich denn das vorstellen? Hält sie die Hand aus dem Fenster, beobachtet die Wolken? Misst sie bei den Mitgliedern ihres Kabinetts das Fieber. Teilt sie den Durchschnitts-IQ ihrer Minister durch die Anzahl der WikiLeaks-Verdächtigen? Genau hat sie gesagt: „Ich habe keine Anzeichen dafür und von meiner Seite auch keine Absichten“. Wieviel Absichten sie von anderer Seite hat, sagt sie nicht. Weiterlesen

Meine ich das nur?

Auf der Medienseite der F.A.Z. wird der Kabarettist Dieter Nuhr, der derzeit den „Satire Gipfel“ moderiert, zitiert und gelobt: „’Meine ich das nur’, fragt er, ‚oder schwingt bei einigen die Freude über das Rechthaben in der Atomkraftfrage höher als das Mitleid mit den Opfern?’ Nein das meint nicht nur er. ‚Das widert mich an, ich kann es Ihnen gar nicht anders sagen’, ergänzt der Satiriker, meinte es ganz ernst und ließ für den Augenblick jede Pointe fahren. Dafür gab es großen Applaus. Zu Recht“.

Meine ich das nur, oder schwingt da bei der F.A.Z. das Rechthaben höher als die Zustimmung zu einem Kabarettisten? Meine ich das nur, oder ist es irgendetwas zwischen billig und niederträchtig, „einige“ zu verleumden, ohne zu sagen, wen man eigentlich überhaupt meinen könnte? Jemand, der beim Anblick leidender Menschen, einer Bedrohung für Generationen, von Kindern, denen man zum Schutz nicht mehr als einen Mundschutz und Jodtabletten anbieten kann, mehr ans Rechthaben denkt als mit zu leiden und an Hilfsmöglichkeiten zu denken, das wäre nichts anderes als ein Unmensch. Weiterlesen

Silvio und das Haarwunder

Silvio und das Haarwunder, oder Warum ich heute bei einer amazon-Bestellung ins Lachen kam

Manchmal ist auch amazon sehr, sehr komisch. Doch, doch! Wenn man sich zum Beispiel für das Buch „Citizen Berlusconi“ interessiert, erfährt man, was Kunden, die sich für dieses Buch interessiert haben, sonst noch beim Superversender erwarben. 5 Prozent schafften sich ein weiteres Buch zu diesem Thema an, nämlich Paul Ginsborgs „Berlusconi-Buch“ („Politisches Modell der Zukunft oder italienisher Sonderweg?“) und noch einmal 4 Prozent erwarben das Buch „Berlusconi an der Macht: Die Politik der italienischen Mitte-Rechts-Regierung in vergleichender Perspektive“. Genau so viel aber, also vier von hundert Interessenten des Buches „Citizen Berlusconi“ kauften bei amazon:

Inneov Haarfülle, 1 Stück,

ein Präparat, das doch einiges verspricht, nämlich:

„Nahrungsergänzungsmittel für kräftiges Haar

Verleiht neuen Glanz und Geschmeidigkeit

Spendet Ihrem Haar neue Energie

Wachstum kräftiger und dichter Haare wird gefördert Weiterlesen

KATASTROPHENSEHNSUCHT, BÜRGERLICH

Aus einem Leserbrief an die F.A.Z., vom 18. März 2011

Überschrift: „Katastrophensehnsucht und abwegige Vergleiche“

„Wir wurden in den vergangenen Tagen in einer nahezu unerträglichen Weise von atomaren Horrorszenarien überschwemmt, präsentiert von selbsternannten Experten, die allesamt ohne Detailinformationen ihre apokalyptischen Visionen verbreiten. Und die Medien machen dies – offenbar getrieben durch eine gewisse Katastrophensehnsucht – alles willig mit. Dabei wird die Berichterstattung über die schrecklichen anderen Folgen des Tsunami fast völlig in den Hintergrund gedrängt.“

Dabei ist alles halb so schlimm, denn: „Die Teilkernschmelze in der amerikanischen Anlage Harrisburg 1979 war nicht mit größeren radiologischen Auswirkungen in der Umgebung verbunden“.

Der Verfasser dieser beruhigenden Mitteilung an die F.A.Z. und den Rest der Welt ist Dr. Hans-Ulrich Fabian. In dieser Zeitung erfahren wir sonst nichts über ihn. Aber wozu haben wir das Internet. Da gelangen wir etwa an die Seite „Strom Magazin“, und dort erfahren wir etwas über diesen keineswegs selbst ernannten Experten: Weiterlesen

Titelschutz (6)

Manchmal, wenn ich die „Titelschutz“-Liste im Börsenblatt des deutschen Buchhandels durchstreife, überkommt mich das tiefe Glück des tataistischen Dao:

„Dann bist du seelenruhig. Mein Leben als Ritzerin“

„Movie Star – Küssen bis zum Happy End“

„Ausprobiert – Gott entdeckt“

„Du: Angedacht von A bis Z“

„Nicht der Typ für Gott“

„Das Bondage-Handbuch Spezial – Japan Bondage“ Weiterlesen

Die Solidarität der Skeptiker

Weitere Anmerkungen zur inneren Verfassung der Bewegungen des zivilen Ungehorsams

Wenn es so etwas wie einen bürgerlichen Widerstand in Form des zivilen Ungehorsams geben soll, dann spielt dabei auch das Prinzip der Zusammengehörigkeit eine bedeutende Rolle. Für viele Menschen, die sich gegen die Atomkraft oder gegen Projekte wie Stuttgart 21 öffentlich engagieren, ist die negative Erfahrung der staatlichen Gewalt gegen das Aufbegehren des Bürgers ebenso stark wie die positive Erfahrung von Zusammenhalt und Solidarität: Aus ICH wird WIR. Für andere eher skeptische aufgeklärte und aufklärende Zeitgenossen ist gerade das auch ein Problem.

Genau gegenüber dieser inneren und äußeren Gruppenbildung, die im Extremfall dann auch so etwas wie einen Gruppenzwang, im weniger extremen Fall immerhin eine einverständige Komplexreduzierung zur Folge haben kann, sind aufgeklärte und zur Selbstkritik begabte Zeitgenossen nämlich nicht ganz ohne gute Gründe so misstrauisch. Die Handlungsfähigkeit einer Gruppe in bürgerlichem Widerstand ist in gewissem Grad davon abhängig, dass aus Interesse, Überzeugung und Methode ein partielles oder fundamentales WELTBILD ersteht, das ebenso verlässlich wie kommunizierbar ist. Inmitten der sozialen Geste ist es schwierig, ICH und WIR auseinanderzuhalten. Wir, von den Wasserwerfern der Polizei und den Schlagzeilen der Bild-Zeitung bedroht, teilen nicht nur eine Erfahrung, sondern wir teilen auch Überzeugungen. Weiterlesen

„Smoke on the Water“

Der postdemokratische Staat verhält sich ein wenig so wie die Bild-Zeitung: Man weiß nicht recht, ob es sich um ein echtes Terror- und Unterdrückungsinstrument handelt oder um eine dadaistische Nonsense-Veranstaltung. Wahrscheinlich geht es eben darum, die Unterschiede zwischen beidem zu verwischen. Ziemlich fassungslos kann man also dabei zusehen, mit welcher Akribie und Zähigkeit dieser Staat eine menschenwürdige Unterbringung von Personen auf der Flucht zu verhindern vermag, und gleichzeitig eine Benzinsorte auf den Markt drückt, die wie ein verspäteter Karnevalsscherz anmutet (diese Krapfen mit Senffüllung, wirklich sehr komisch). In alledem übersieht man leicht, was das eigentliche Wesen des postmodernen Staates ist: Ein Wirtschaftskrieg gegen das eigene Volk.

Die Verbindung von Dadaismus und Terror veranschaulichte sich im übrigen besonders schön im Abschieds-Zapfenstreich für Guttenberg. Uniformierte Massen, die mit martialischen Geräten versuchen, „Smoke on the Water“ zu spielen. So hat er es wieder geschafft, der Freiherr: Bei ihm muss es eben immer etwas besonderes sein. Und wenn es auch besonders blöde ist. Weiterlesen

AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (3)

Alles vorbei

Arsch

Eremit

Wucher

Dem Vernehmen nach war dieses Gelegenheitsgedicht zum Karnevalsende von Edgar P. Kuchensucher neben zwanzig anderen einem Schreiben des Dichters an Raymond Queneau beigefügt, mit dem er um den Status eines korrespondierenden Mitglieds in der OuLiPo, der Werkstatt für potentielle Literatur, nachsuchte. Queneau antwortet ihm freundlich:

Toux fini

Art

Serve Mits

E Vos Chères

(Aus der korrespondierenden Mitgliedschaft in der sprachwissenschaftlichen Organisation des Raymond Queneau wurde für Edgar P. Kuchensucher dennoch nichts, zumal auch Eichenweich mit einem ganz ähnlichen Anliegen an den französischen Dichter herangetreten war. Daher wartet Deutschland noch heute auf die Begründung einer Werkstatt für potentielle Literatur.)

Neulich in der Fußgängerzone

Am Grabbeltisch vor dem Drogeriemarkt steht ein älterer Mann. Eine Frau, etwa in seinem Alter, ist neben ihn getreten und betrachtet ihn anhaltend und ohne den Blick zu wenden. Nach einer Zeit wird der Mann doch ein wenig nervös und fragt:

„Is’ was? Kann ich was für Sie tun?“

„Nein, nein“, antwortet die Frau. „Ich habe nur gerade gemerkt, dass Sie gar nicht der sind, von dem ich geglaubt habe, dass du es bist.“

„Na dann is’ ja gut“, sagt der Mann, und wendet sich wieder dem Aftershave-Sonderangebot zu. „Dann kann ja jeder wieder seine Sachen erledigen“.

Die Frau sieht ihn immer noch an und sagt dann: „Das hast du früher auch immer gesagt.“

Dann wendet sie sich sehr langsam um und geht, um tatsächlich ihre Sachen zu erledigen.

Der Mann schaut ihr missmutig nach. Wahrscheinlich hat er das Gefühl, an irgend etwas Schuld zu sein. Wenn er nur wüsste, an was.