Charlie Brown in Mönckersheim (VII)

Und unterdessen, weit zurück in New York: Henry, mit den verträumten Augen, Henry, an der Staffelei, Schweißperlen im Gesicht, kommender Stern, sagen die einen, wohl eher überschätzt, murren die anderen (dabei hat Henry es gerade mal geschafft, von seiner Kunst leben zu können), Henry also, dessen Gedanken einerseits bei seiner Arbeit sind, und andererseits bei seinem Geliebten in Europa, drittens noch ganz woanders, erinnert Ihr Euch an diese Party, wo Schroeder den Flohwalzer als Reggae spielte, und Henry dazu Champagnergläser füllte, aus den unmöglichsten Entfernungen?, Henry mit dem Knackarsch, mit dem er für jede Jeans-Firma der zweiten Liga Reklame hätte machen können, aber so etwas kam Henry nicht in den Sinn, Henry, der Existentialist (mein Gott, wer ist heute noch „Existentialist“?), der sein kleines Nest so liebte, im dritten Stock, zugegeben, nicht gerade die beste Adresse, und der Hausmeister war ein dauerkiffender Nigerianer, der sich nicht die Mühe machte, Interesse für Malerei zu heucheln, aber Henry, der existentialistische Träumer, der sich alle paar Minuten den Schweiß vom Gesicht wischen musste, einfach um zu sehen, hier, dieser Strich war definitiv ohne jeden Anflug von Demut und musste deshalb entfernt werden, aber was heißt schon entfernt?, kein Mensch kann einen Pinselstrich entfernen, so wenig man einen Atemzug zurücknehmen kann, oder eine Liebesgeschichte (und Henry seufzte tief), man kann nur einen anderen Kontext schaffen, Weiterlesen

Warum die Liebe so kinematografisch ist

Kein Mensch ist etwas, ohne zugleich etwas anderes zu sein. Und kaum sieht man ihn an, sucht er auch schon, diesem Blick entweder zu trotzen oder sich ihm anzupassen oder beides gleichzeitig. Deswegen fangen die meisten Probleme mit der Zahl drei an.

Als Liebe begreifen wir, vermutlich, eine Empfindung der vollkommenen Identität von Blick und Bild. Du siehst mich so, wie ich bin. Ich bin so wie du mich siehst. Manchmal dauert das einen Moment, manchmal (eher selten, um die Wahrheit zu sagen) ein ganzes Leben. Ob diese Identität von Blick und Bild „passiert“ oder ob sie „hergestellt wird“, das hängt von den kulturellen Codes ab. Jedenfalls muss durch die Liebe auch immer so viel verschwinden, wie erzeugt wird.

Denn, wie gesagt, kein Mensch ist etwas, ohne zugleich etwas anderes zu sein.

Deshalb wäre es wohl genauer zu sagen, dass die Liebe nicht nur kinematografisch ist, sondern sich viel mehr alles Kinematografische für die Liebe interessiert (und sei’s die Liebe des Cowboys zu seinem Pferd). Denn eine Kamera vermittelt zwischen Blick und Bild, mal dominant in jene, mal in die andere Richtung. Sie bearbeitet mit anderen Worten die Beziehung zwischen Blick und Bild, oder eben andersherum: Die Kamera bearbeitet die Liebe bzw. ihre Abwesenheit.

Randnotizen

Der Gag, behauptet Pierre Etaix, ist eine vergleichsweise neue Technik; bei Molière gibt es keine Gags, und auch nicht bei Kleist, könnten wir hinzufügen. Der Gag sei vielmehr eine Errungenschaft des Zirkus und des Kinos.

Vermutlich hängt das auch mit einer Form der Repräsentierung zusammen: Der Gag ist stets körperlich, das heißt übrigens auch, man kann ihn nicht einfach „erzählen“ (und doch muss man ihn „schreiben“). Und etwas an dieser Körperlichkeit des Gags ist stets zweifellos „echt“; es ist der Übergang vom Repräsentieren zum Simulieren. Ja, genau besehen ist jeder Gag eine Erinnerung an die Körperlichkeit des Lebens, zugleich Ausdruck der Verstofflichung und schließlich Verdinglichung und Protest dagegen. Im Gag wird der Körper wie ein Ding gesehen, und das Ding wie ein Körper. Glücklich am Gag ist, dass er diese Differenz sichtbar macht, die der Heroismus nebenan verschwinden lässt. Im Heroismus erscheint es sinnvoll, den Körper als Ding zu betrachten, und das Ding als Körper (den Körper zur Kampfmaschine machen und die Waffe zur Geliebten); im Gag bricht diese groteske Gleichung wieder auf.

Gags gibt es nur, wo es Heroismus gibt. Oder anders gesagt: Gags, als Manifestationen des verdinglichten und rebellischen Körpers, treten nur auf, wo Sprache zugleich herrscht und versagt. Dies unterscheidet den Gag von der Pointe: Weiterlesen

AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER

In ewigem Holz (1956?)

Rose ist eine Rose ist eine

Rose ist eine Rose ist

Eine Rose ist eine Rose

Ist eine Rose ist eine Rose ist eine

Rose ist eine dumme Pute

Eine Rose ist eine Rose ist eine

Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine

Rose ist eine Rose ist eine Rose ist

Eine Rose ist eine Rose ist

Weg.

Edgar P. Kuchensucher war ein Vertreter des leider nur kurzlebigen „Bäuerlichen Radikalformalismus“, der sich als Abspaltung der von Kuchensuchers ehemaligem Mitstreiter und Freund Kurt Eichenweich begründeten Schule der „Drastischen Naturlyrik“ in den fünfziger Jahren rund um die „Mönckersheimer Literaturtage“ entwickelte. Das Gesamtwerk von Kuchensucher so wie die Dokumente der Eichenweich/Kuchensucher-Debatte, die seinerzeit unter Germanisten und Kritikern für Gesprächsstoff sorgte, galten lange Zeit als verschollen. Ein aufsehenerregender Fund im Mönckersheimer Heimat-Archiv macht es nun möglich, diesen bedeutenden aber verdrängten Teil der deutschen Literaturgeschichte der Forschung wie der literarisch interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aus finanziellen Gründen bat die Mönckersheimer „Kuchensucher-Gesellschaft“ die kommentierte Publikation dieser Funde auf meinem blog vorzunehmen, bis ein namhafter deutscher Verlag für die Edition einer Gesamtausgabe gewonnen werden kann. Auf juristischen Einspruch der „Eichenweich-Gesellschaft“ (ebenfalls Mönckersheim) hin dürfen allerdings einige Dokumente entweder gar nicht oder nur in gekürzter Form veröffentlicht werden. Wir bitten um Verständnis.

Kleinigkeiten (6)

Wenn ich behaupte, der Widerstand der Citoyens gegen die Abschaffung von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sei notwendig aber auch schön, so versuche ich damit, den Begriff der Notwendigkeit aus dem Gefängnis von Mechanik und Effizienz so wie vom bloßen prä-apokalyptischen „Notbremse-Ziehen“ zu befreien, ohne den Ernst der Lage zu leugnen. Das Nein-Sagen im allgemeinen, und das Nein-Sagen als öffentliche Geste im besonderen ist eine Kunst, die gelernt werden kann und muss. Notwendig ist es dabei, zu lernen sich zu behaupten, gegen die Angst ebenso wie gegen die Diffamierung, schön ist es, dass wir die Kunst des Nein-Sagens voneinander lernen.

Das Nein-Sagen in Stuttgart ist nicht zu vergleichen mit dem Nein-Sagen in Kairo, und doch sind wir in eben dem miteinander verbunden, dass wir von der Herrschaft unser eigenes Leben zurück verlangen. Hier wie dort wollen wir wirkliche Bürger in einer wirklichen Demokratie werden, und hier wie dort ist nicht vor-geschrieben, was das eine wie das andere tatsächlich ist. Weiterlesen

Ideenskizze für ein Projekt zur theoretischen Begründung des zivilen Ungehorsams gegenüber der Abschaffung von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität durch Finanzkapitalismus und Postdemokratie

Für Menschen, die denken und fühlen, können „der Bürger“ und „die Bürgerin“ keine rundum sympathischen Erscheinungen sein. Deshalb sieht man sich gelegentlich gedrängt, das Bürgerliche zu überwinden, in der Welt und in sich selbst. Vermutlich indes gibt es nichts, was so tief bürgerlich ist wie die Sehnsucht nach dem Nicht-Bürgerlichen.

Die Hilfskonstruktion ist bekannt: Wir sprechen einerseits vom „Citoyen“, jenem Bürger des Staates, der diesem Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität abverlangt, wenn es sein muss auch mit den Mitteln des mehr oder weniger zivilen Ungehorsams. Das ist ein hellwacher, kritischer, aufgeklärter, zu Zeiten rebellischer, jedenfalls unruhiger Geist, der den Diskurs selber bestimmen will. Wir stellen uns den Citoyen und die Citoyenne als dynamische, empfindsame eher schlankere Menschen vor, die irgendwie immer mit einem „Projekt“ oder einer „Manifestation“ beschäftigt sind. Ausruhen können sie später, wenn die Welt eine bessere geworden ist.

Und wir sprechen andererseits vom „Bourgeois“, jenem Nutznießer des Kapitalismus, der sich gern dem Gerechtigkeits- und Solidaritätsfimmel des Staates entzieht, der möglichst alles beim alten belässt, es sei denn, es bringt ihm Profit und Vorteil, ein Mensch, der sich nichts daraus macht, zu genießen im Angesicht des Elends, der gleichwohl seine bigotten Rituale der Selbstbeweihräucherung hat, sei es in der Kirche oder vor dem Fernsehapparat, jemand, der sich blind stellt und sich gern verblenden lässt und der fette Speisen in einem fetten Körper begräbt. Weiterlesen

Charlie Brown in Mönckersheim (VI)

Der Künstler namens Schroeder hatte Angst. Das war zwar nicht ungewohntes für ihn, aber diesmal war es entschieden zu viel. Angst war der Begleiter, ach was, der Führer im Leben Schroeders gewesen, so lange er sich zurück erinnern konnte. Angst bei den Erzählungen der Großeltern von Deutschland und den Deutschen, vom Zu-Tode-Arbeiten im Lager, dem Hunger, dem Vergasen und Verbrennen. Von der Flucht aus einer Heimat, die sich in eine Hölle verwandelt hatte. In etwas Schlimmeres als die Hölle. In etwas, was man weder Gott noch den Menschen vergeben kann. Und wofür man sich auch noch schuldig fühlen musste. Weil man es überlebt hatte und jetzt in einer schmucken amerikanischen Vorstadt lebte.

Schroeder hatte gelernt, sich die Angst zum Freund zu machen. Angst bei den Begegnungen mit den rüpeligen Nachbarjungen, aber genau so viel Angst vor der Mutter, die ihn vor ihnen beschützte. Weiterlesen