Sep 10 2010

Meinungsfreiheit

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Politik.

Schön, dass die F.A.Z. wieder mal, wie sagt man in diesen Kreisen: „Flagge zeigt“. Wenn die BILD schon riesentitelt: „Das wird man doch noch sagen dürfen“, dann will das, nun ja, bürgerliche Blatt nicht hinten anstehen und benutzt für den selben Unfug ein paar Worte mehr: „Was darf man in dieser Republik sagen und schreiben, ohne die mitunter bis zur Existenzgefährdung reichende ‚Menschenverachtung’ zu erfahren, die Sarrazins Kritiker nur bei ihm erkennen können?“  Und schon ruft der Fall wieder „die Frage auf, wie weit in Deutschland die Meinungsfreiheit reicht“. Interessanterweise taucht diese Frage in, nun ja, bürgerlichen deutschen Zeitungen stets auf, wenn wieder mal einer oder eine von rechtsaußen „Tabus bricht“, „politische Korrektheit vermissen lässt“ oder eben „Denkanstöße gibt“. Aber, Deutschland ist noch nicht verloren, der F.A.Z.-Kommentator Berthold Kohler berichtet von „mutigen Blättern, die sein (Sarrazins) Buch in Auszügen vorab druckten“.

Teufel auch, was haben wir für mutige Verleger und Redakteure! Nicht achten sie der Gefahr, die laut F.A.Z von Künstlern in Potsdam ausgeht, die die Meinungsfreiheit mit Füßen treten und allen Ernstes nicht mehr ihre Bühne betreten wollen, wenn Sarrazin dort „seine Thesen verteidigen dürfe“. Und natürlich muss auch wieder die arme Rosa Luxemburg herhalten wenn es um die Freiheit der „Andersdenkenden“ geht, von Voltaire ganz zu schweigen. Darf ich an einen klugen Satz von ihm erinnern: „Je öfter eine Dummheit wiederholt wird, desto mehr bekommt sie den Anschein der Klugheit.“

Das ist der ganze Trick dieses Diskurswechsels in Sachen Sarrazin: War er am Anfang noch ein amüsanter Rüpel, mit dem man mit ein bisschen Huch und Hach das Spätsommerschwein durchs Mediendorf jagen konnte, so wird er nun, bevor endgültig der News-Wert beim Teufel ist, zum Schlüsselbild, ausgerechnet, für Meinungsfreiheit.

Noch etwas hat Voltaire geschrieben: „Wenn Sie einen Bankier aus dem Fenster springen sehen, springen Sie hinterher. Es gibt bestimmt was zu verdienen.“ Die Abwandlung davon: Wenn Journalisten in, nun ja, bürgerlichen deutschen Zeitungen sich vor einen Vollidioten stellen, stellen Sie sich dazu, es dient bestimmt der Karriere.

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