Sep 09 2010

DER FALL SARRAZIN, oder WIE MAN EINEN RECHTSPOPULISTEN HERSTELLT (REDUX)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Politik.

Jede Kultur bekommt die Skandale die sie verdient. Und jede politische Kultur bekommt die populistischen Zündler, die sie verdient. Wie die einen ihm dann klammheimlich zustimmen, die anderen sich empört zeigen, allesamt ihm aber das Brennmaterial liefern, das hat mittlerweile seine feste Dramaturgie in den europäischen Demokratien. In den Erscheinungen der Rechtspopulisten bündeln sich nicht nur die verborgenen Impulse von Missgunst, Aggression und ganz einfach Dummheit, sie scheinen, wie andernorts die begnadeten Komiker etwas von der verborgenen Seele einer Gesellschaft auszudrücken, etwas, von dem man nicht gern spricht, und dem man doch auf Schritt und Tritt begegnet, genau das, was einem gebildeten Menschen am eigenen Land so furchtbar peinlich ist. Jörg Haider verkörperte das finstere Herz der österreichischen Gesellschaft, Jean-Marie LePen war es für Frankreich, Pim Fortuyn für die Niederlande, Christoph Blocher für die Schweiz, Alaska hat immerhin Sarah Palin. So unterschiedlich alle diese politischen Charaktere auch sein mögen, unterschiedlich wohl auch im Grad ihrer politischen und menschlichen Bösartigkeit, sie alle haben auch etwas erschreckend komisches an sich. Und bei allen von ihnen vergeht einem das Lachen, wenn man bemerkt, auf wie viele offene Ohren ihre absurden Hasspredigten treffen.

Was den Rechtspopulismus in Deutschland anbelangt haben wir ein paar  deftige Fehlversuche hinter uns. Schönhuber war vielleicht doch ein wenig zu historisch, Peter Gauweiler zu süddeutsch, Ronald Schill verkokste seine Karriere, und der furchtbare Spaßpolitiker Möllemann erledigte sich selbst. Nun also Thilo Sarrazin. Vielleicht wird es Zeit, die Dramaturgie des politischen Skandals zu verlassen und die schlichte Frage zu stellen: Womit haben wir den verdient?

Zu einem anständigen Rechtspopulisten gehören eine Geschichte, ein Bild und ein paar Begriffe, die er auswirft wie Köder und die bizarre Verbindungen von Altem und Neuen erzeugen, wie sagen wir die Verbindung von geheimnisvollen neuen Nachrichten über wissenschaftliche Gen-Entschlüsselungen und uralten rassistischen Phantasmen. Fangen wir

1. mit der Geschichte an. Es ist eine deutsche Biographie, die etliche Widersprüche zu vereinen scheint. Sohn eines Arztes und der Tochter einer ehemaligen westpreussischen Gutsbesitzerfamilie, genau so steht es in den Biographien, humanistisches Gymnasium, Wehrdienst, Studium der Volkswirtschaftslehre und dann gleich die politische Karriere als SPD-Mitglied: wissenschaftlicher Angestellter bei der Friedrich Ebert-Stiftung, Referent im Bundesministerium der Finanzen, dann Arbeit für die Treuhandanstalt und die Deutsche Bahn, wo er sich mit Hartmut Mehdorn öffentliche Schmähungen lieferte. Berliner Senator für Finanzen; dort erzielte er mit 46 Nebentätigkeiten den Rekord unter allen Senatsmitgliedern. Im August 2009 nahm die Berliner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wegen Untreue auf. Er soll dem Golf- und Landclub Berlin-Wannsee e.V. einen Golfplatz zu unverhältnismäßig niedrigem Preis verpachtet haben. Im selben Jahr Wechsel in den Vorstand der Bundesbank.

Es ist das Schillernde, das Befleckte, das Zwielichtige der politischen Karriere, was dem Mythos des Rechtspopulisten offenbar stets nutzt. Bemerkenswerterweise sehen die Anhänger einem Rechtspopulisten persönliche wie politische Verfehlungen leichter nach als einem normalen Politiker, was uns auf den Verdacht bringt, es könne sich auch gerade umgekehrt verhalten. Rechtspopulismus als Plan B des gekränkten Karrieristen.

2. Die Erscheinung. Thilo Sarrazin ist weder so ein durchgestylter Feschist wie es Jörg Haider war, noch hat er etwas so provinziell verschlamptes wie LePen. Alles an ihm scheint den Geist jenes deutschen Mittelstandes zu atmen, der mit unschuldig-ignorantem Augenaufschlag sein Reden beginnt mit „Man wird doch noch mal sagen dürfen“. Thilo Sarrazin ginge als Versicherungsvertreter durch, der es mit Fleiß und ein bisschen Intrigieren zum Bezirksleiter gebracht hat. Wenn nur nicht dieser Schnauzer wäre! Thilo Sarrazin macht uns auf die Dringlichkeit einer semantischen Untersuchung über die Rolle des Schnauzbarts in der deutschen Nachkriegspolitik aufmerksam. Der leichte Anflug von Zerzausung schließlich signalisiert: Dieser Mann gehört nicht zu den glatten und geschniegelten, den Politikern mit den Betonfrisuren und dem Gefriergrinsen. Dieser Mann ist vielleicht nicht besonders sympathisch, aber so was von authentisch – oder?

3. Die Rhetorik. Im Kern jeder rassistischen Argumentation steckt neben Angst und narzisstischer Kränkung auch das Sexuelle. Die Bühne des Rechtspopulismus betrat Thilo Sarrazin deswegen sehr gekonnt mit dem Hinweis auf die, wie wir ahnen, einigermaßen lustvolle Erzeugung von Kopftuchmädchen. Danach geht es um die Stärkung eines irrealen Überlegenheitsgefühls. Es scheint sich hier mit der Vorstellung von der Erblichkeit der deutschen Intelligenz und der der migrantischen Dummheit zu verbinden. Der nächste Schritt besteht darin, die verbotenen Worte gleichsam durch die semiotische Hintertür wieder einzuführen; Auslese, Selektion, kulturell bedingte Mentalität, dysgenisch. Gestern noch waren die Begriffe im Wörterbuch des Unmenschen gut aufgehoben.

Der erfolgreiche Rechtspopulist kann ab einem bestimmte Punkt seiner Karriere, in der sein Bild und seine Botschaft medial einmal verankert ist, kaum noch etwas falsch machen. Wird Thilo Sarrazin aus der SPD ausgeschlossen, so wird ihm sein Opferstatus nutzen. Wird er es nicht, hat der Rechtspopulismus einen festen Platz in einer sogenannten Volkspartei. Verliert Thilo Sarrazin seinen Job bei der Bank, darf er sich ganz seinem publizistischen Werk widmen. Behält er ihn, ist die Verbindungslinie von Rechtspopulismus und deutscher Wirtschaft gezogen. Bekommt einer wie Thilo Sarrazin intellektuellen Gegenwind, mobilisiert sich die anti-intellektuelle Stimmung für ihn, wird er von der intellektuellen Kritik ignoriert oder gar verspottet so mobilisiert sich der gekränkte Narzissismus. Kommt er im Fernsehen gut rüber, hat er’s allen gezeigt, ist er, wie jüngst bei „Beckmann“, sagen wir mal höflich: so wie immer, dann ist eben das Medium unfair.

Das erste, was dem Rechtspopulisten zum Opfer fällt, ist das Niveau der Debatten. Würden wir allen Ernstes ein Buch lesen, in dem eine Kapitel-Überschrift lautet: „Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist“.? Nein, das würden wir nicht, wir haben schließlich noch Lektürerückstand bei Immanuel Kant, Thomas Mann und Donald Duck-Sonderheften. Aber leider: Nun ist der Rechtspopulist bereits ein feuilletonistisches und massenmediales Phänomen. Nun kann man sich der Auseinandersetzung gar nicht mehr entziehen, auch wenn sie sich in einer Sphäre bewegt, in der von intellektuellem Anspruch und Redlichkeit nicht mehr die Rede ist.

Was Thilo Sarrazin zum echten Rechtspopulisten noch fehlt, ist eine Organisation. Ein paar Verbündete, ein paar Lakaien, ein paar Mitläufer, am besten solche mit einem gewissen Promi-Status. Irgendein Fernseh-Idiot wird sich doch finden lassen, der in seiner Koch- oder Talk Show Thilo Sarrazin preist, schließlich haben sich ja schon allen Ernstes Wissenschaftlerinnen und Publizisten gefunden, die wie die Berliner Soziologin Necla Kelek behaupten (Zitat): „Die Thesen von Thilo Sarrazin zu Bildung und Zuwanderung sollte man diskutieren, nicht den Autor verteufeln“. Denn: „Der Eindruck drängt sich auf, hier solle eine überfällige Debatte mit den bewährten Begriffen wie Rassismus und Populismus kontaminiert werden“. Es ist aber auch zu giftig, wenn man Rassismus „Rassismus“ und Populismus „Populismus“ nennt.

Wir wollen nicht verhehlen, dass umgekehrt Thilo Sarrazin sich vordem gern lobend auf die auf ganz eigene Weise islamkritische Soziologin bezog und diese ihre sonderbare Verteidigungsrede in der gutbürgerlichen Zeitung F.A.Z. veröffentlichen darf. Am selben Tag formuliert die BILD-Zeitung ganz im Sinne der Opfer-Mythologie auf Seite eins: „Alle gegen Sarrazin“. Und Tags darauf: „Angst um Sicherheit. Sarrazin-Auftritt abgesagt: Angst vor Randale, Sorge um Sicherheit“. Ein drittklassiger PR-Agent hätte es nicht anders aufgezogen. Sind sie nicht geschickt, unsere Medien, die der selbsternannten bürgerlichen Elite wie die der selbsternannten anständigen kleinen Leute? Wenn es darum geht, sich den Rechtspopulisten zu basteln, den man nun endlich auch haben will, dann spielt man gerne über Bande, lässt andere die Drecksarbeit erledigen, will es nachher nicht gewesen sein. Aber soviel ist sicher: Wir bekommen den Rechtspopulisten, den wir verdienen, weil wir die Medien haben, die wir verdienen. Weil wir die Intellektuellen haben, die wir verdient haben. Weil wir die politische Kultur haben, die wir verdient haben. Und weil uns immer „Meinungsfreiheit“ einfällt, wenn es um eine klare Sprache geht, und so schreit es die BILD-Zeitung denn auch hinaus: DAS WIRD MAN DOCH WOHL NOCH SAGEN DÜRFEN.

Als würde es um das Recht gehen, gehässigen Blödsinn zu reden. In Wahrheit geht es dem Rechtspopulismus um das Verbot, den gehässigen Blödsinn gehässigen Blödsinn zu nennen.

2 Kommentare

2 Kommentare zu “DER FALL SARRAZIN, oder WIE MAN EINEN RECHTSPOPULISTEN HERSTELLT (REDUX)”

  1. Johannesam 12 Sep 2010 um 01:29 Uhr.

    Ja. bester Sarrazin-Beitrag, den ich bisher gelesen habe. Danke.

  2. Georg Seeßlen « Kritik und Kunstam 20 Dez 2010 um 16:16 Uhr.

    [...] Ganz großartig über Sarrazin. By hf99, on Dezember 20, 2010 at 17:16, under Geschichte, Gesellschaft, Kunst. Schlagwörter:Georg Seeßlen. Keine Kommentare Kommentiere oder hinterlasse ein Trackback: Trackback URL. « Ernst Engelberg LikeSei der Erste dem dieser Beitrag gefällt. [...]

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