Sep 06 2010

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Staatliche Sprachlehre

Der frühe Herbst in der Stadt dient den Bewohnern vor allem dazu, sich gegenseitig zu zeigen, wie prächtig man sich erholt hat und wie frisch man nun anzupacken gedenkt. Vorausgesetzt, es gibt etwas anzupacken.

Herr Reiner und Herr Kainer dagegen schlenderten durch den Park, als gäbe es für sie keinen Unterschied zwischen Ferienhaben und Arbeitenmüssen. Hauptsächlich deswegen, weil es für sie tatsächlich keinen Unterschied zwischen Ferienhaben und Arbeitenmüssen gab, weil es auch kein Arbeithaben und kein Ferienmüssen gab. Glückliche Herren! (Irgendwann werden sie uns ihre politische Ökonomie verraten.)

Wieder einmal warf Herr Reiner, er kann es nun einmal nicht lassen, verächtlich die Zeitung in den Abfallkorb, den die Stadt freundlich bereitstellt (aber doch nicht für so etwas!). „Wissen Sie, was der Oswald Wiener über den Staat gesagt hat?“, frug er und antwortet sogleich selbst: „Wen Sie nicht aufhängen, dem bringen sie ihre Sprache bei. Das hat Ossi Wiener gesagt“.

„Oh, was für ein Optimist!“ warf Herr Kainer ein. „Es müsste doch heißen: Wen sie nicht anders umbringen können, den bringen sie durch ihre Sprache um“.

Herr Reiner und Herr Kainer beschlossen ein Weißbier zu nehmen. Sie spürten wie die tolle Erholung aus den Menschenkörpern entwich und das Ozonloch vergrößerte. Der Abend war nicht mehr fern.

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