Deutschland liest (2)

Haben Sie schon gehört, fragt meine Lieblingsbuchhändlerin (sie ist, wie gesagt, nicht immer glücklich mit ihrer Berufswahl, zur Zeit), Hitlers „Mein Kampf“ wird jetzt wieder aufgelegt. Nur den Titel haben sie ändern müssen. Das Buch wird ein Knüller. Es heißt jetzt: „Ich werd’s doch noch mal sagen dürfen“.

Harzer Käse

Seit geraumer Zeit findet sich auf der Titelseite der F.A.Z. eine mehr oder weniger launige Bildbetrachtung. Man könnte es auch als eine fortlaufende Dokumentation der Verblödung des deutschen Post-Bildungsbürgertums lesen. Heute sehen wir die Nahaufnahme eines Harzer Käse – muss man natürlich wissen, um es zu dechiffrieren, aber dazu ist die Bildbetrachtung der F.A.Z. ja da. Und sie geht heute so: „Der Hartz-IV-Streit dauert schon so lange, dass den ersten Empfängern das ‚Jugendwort’ von 2009 mehr sagen dürfte als der Name eines ehemaligen VW-Personalchefs: ‚harzen’. Weiterlesen

Titelschutz (3)

Aus meiner Lieblings-Rubrik „Titelschutz“ im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels vier Titel-Vorankündigungen für Werke, die uns entschieden für die letzten Tage des Abendlandes wappnen werden:

„101 Kriegsfilme, die Sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist
(Wenn schon kein richtiger Krieg uns das Leben verkürzen will, bevor es vorbei ist.)

„Gehen heißt verstehen – Walking in Your Shoes
(Heute Abend beim Spaziergang sah ich an mir herunter, und was musste ich sehen? Verstehe! Meine Schuhe.)

„Ich will auch mal Kanzler werden“
(Weil König ist nicht mehr, und Kanzlerin haben wir schon.)

„Sparen Sie 10 000 Euro mit einem Nagel
(Ein Buchtitel wie auf den Kopf getroffen.)

Deutschland kauft wieder ein Buch!

Sarrazin, sagte eine Buchhändlerin zur anderen in meiner Lieblingsbuchhandlung, das ist bei uns der neue Harry Potter. Das kaufen die nicht ein Mal, das kaufen sie gleich mehrere Male. Zum Verschenken und so. Das Buch muss man einfach haben als Deutscher. Damit man mitreden kann.

Das erinnert mich, sagt die andere (manchmal zweifelt sie an ihrer Berufswahl), an das Buch, das unsere Großeltern alle haben mussten. Wie hieß es doch gleich?

Politische Ökonomie

„Zur Strecke gebracht“ (Überschrift der F.A.Z. auf Seite 1 vom 11. September zum Rücktritt von Thilo Sarrazin: „Die Eile, in der das Staatsoberhaupt die ‚einvernehmliche’ Lösung begrüßte, spricht Bände“, und „Die Bank halte ihre früheren wertenden Äußerungen zu Sarrazin nicht aufrecht, erklärte der Vorstand. Sie behauptet also nicht mehr, dass seine Thesen ‚diskriminierend’, ‚provozierend’, ‚abwertend’ seien und dass er dem Ansehen der Bundesbank Schaden zugefügt habe“). Weiterlesen

Meinungsfreiheit

Schön, dass die F.A.Z. wieder mal, wie sagt man in diesen Kreisen: „Flagge zeigt“. Wenn die BILD schon riesentitelt: „Das wird man doch noch sagen dürfen“, dann will das, nun ja, bürgerliche Blatt nicht hinten anstehen und benutzt für den selben Unfug ein paar Worte mehr: „Was darf man in dieser Republik sagen und schreiben, ohne die mitunter bis zur Existenzgefährdung reichende ‚Menschenverachtung’ zu erfahren, die Sarrazins Kritiker nur bei ihm erkennen können?“  Und schon ruft der Fall wieder „die Frage auf, wie weit in Deutschland die Meinungsfreiheit reicht“. Interessanterweise taucht diese Frage in, nun ja, bürgerlichen deutschen Zeitungen stets auf, wenn wieder mal einer oder eine von rechtsaußen „Tabus bricht“, „politische Korrektheit vermissen lässt“ oder eben „Denkanstöße gibt“. Weiterlesen

Kulturverschätzung

In der ZEIT beklagt sich Fritz J. Raddatz: „Ich ärgere mich natürlich, wenn man mir für einen Vortrag nur 500 Euro zahlen will, weil ich das als ungerechte Behandlung empfinde. Das ist doch missachtend.“ Wollen wir einmal nachsehen, was ein Krankenpfleger, eine Feuerwehrfrau oder ein Kindergärtner verdient? Und uns dann noch einmal über das Wort „missachten“ unterhalten? Oder darüber, warum Kultur in Deutschland in ein Heer von Habenichtsen und ein paar mehr oder weniger erfreuliche „Prominente“ zerfällt? Wenn, wie Herr Raddatz betont, „Geld eine Art von Wertschätzung“ ist (darüber kann man ja reden), dann ist unsere Gesellschaft offenbar gerade dabei, sich gründlich zu verschätzen.

DER FALL SARRAZIN, oder WIE MAN EINEN RECHTSPOPULISTEN HERSTELLT (REDUX)

Jede Kultur bekommt die Skandale die sie verdient. Und jede politische Kultur bekommt die populistischen Zündler, die sie verdient. Wie die einen ihm dann klammheimlich zustimmen, die anderen sich empört zeigen, allesamt ihm aber das Brennmaterial liefern, das hat mittlerweile seine feste Dramaturgie in den europäischen Demokratien. In den Erscheinungen der Rechtspopulisten bündeln sich nicht nur die verborgenen Impulse von Missgunst, Aggression und ganz einfach Dummheit, sie scheinen, wie andernorts die begnadeten Komiker etwas von der verborgenen Seele einer Gesellschaft auszudrücken, etwas, von dem man nicht gern spricht, und dem man doch auf Schritt und Tritt begegnet, genau das, was einem gebildeten Menschen am eigenen Land so furchtbar peinlich ist. Weiterlesen

Meist ruft die Bafin nur an

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) macht bei Verstößen, so steht es im Bogen „Finanzmarkt“ in der F.A.Z. vom 7.9., und zwar in 101 von 105 Fällen, etwas ganz böses: Sie ruft bei Verletzungen von Pflichten wie etwa der, „Geschäfte von Führungspersonen mit Aktien des eigenen Unternehmens zu veröffentlichen (directors’ dealings)“ nur kurz mal an. Dann ist aber auch gut. Dieses „unbürokratische Vorgehen“, so erfahren wir weiter, „spiegele sich in der geringen Rate von Bußgeldern wider“.

Das wird die nächste Discounter-Kassiererin freuen, die wegen eines Pfand-Bons entlassen wird. Auch in unbürokratischem Vorgehen.

Karneval der Peinlichkeit

Alice Schwarzer berichtet für BILD vom Prozess gegen Jörg Kachelmann. Oliver Pocher macht am ersten Prozesstag den verschärften Kerkeling und tritt als komischer Doppelgänger auf. Jedes Land bekommt die Kulturkatastrophen, die es verdient. Nun gibt es aber wohl Menschen, die verursachen keine Kulturkatastrophen, die sind Kulturkatastrophen. Und wenn nun drei davon zusammenkommen, wie könnte man so etwas nennen? Falsche Frage. Die Kultur, in der sich Katastrophen ereignen könnten, gibt es nicht mehr. Daher dürfen wir den Karneval der schmerzhaften Peinlichkeit, den Kachelmann, Pocher und Schwarzer für unsere Medien da veranstalten mit einem Wort bezeichnen: als Normalfall.