Aug 17 2010

Schon wieder: Sitten- und Sinnverfall der intellektuellen Debatte

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Politik.

„Die Linke, die sich zu verlieren drohte, rückt gegen den gefährlichen Indianer da draußen zusammen. Aber vielleicht wollte Sloterdijk genau das, uns den reaktionären Reduktionismus einer überlebten geistigen Formation, einer Schwund-Linken vor Augen führen“, so endet eine, nun ja, Rezension des Bändchens „Angriff der Leistungsträger?“ Das Buch zur Sloterdijk-Debatte in der F.A.Z., in der der Autor, Wolfgang Kersting, mir, der ich das Buch noch nicht gelesen habe, konsequent verweigert, eines der Argumente darin, die es ihm offensichtlich zu zerfetzen Herzensangelegenheit ist, einmal vorzustellen. Schreibt man jetzt so? Behauptet man einfach, „nahezu alle Texte unterbieten das Niveau ihres Anlasses eklatant“ ohne diesen Texten die Chance zur Selbstverteidigung zu geben? Oder gilt nicht nach wie vor, dass man jemandem, der Blödsinn schreibt den Blödsinn auch nachweist, bevor man es Blödsinn nennt?  Und gälte es nicht sowieso, durch einen Zeitungsartikel, nur zum Beispiel, Feuer und Vergnügen in eine Debatte zu bringen, statt bloß ein Weltbild zu rahmen? Und ganz nebenbei: Man kann von Sloterdijk ja halten was man mag, aber wenn er seine doch nicht unbeträchtlichen Textmengen produzierte, um irgend jemand den reaktionären Reduktionismus der Schwund-Linken vor Augen zu führen, dann, ja dann hätte man doch lieber ein paar Bäume geschont, die der Papiergewinnung zum Opfer fielen.

Der Opportunismus, hat Oskar Negt gesagt, ist die Geisteskrankheit der Intellektuellen. Es gibt noch eine zweite. Es ist diese fade Respektlosigkeit voreinander, dieser eklatante Mangel an Neugier aufeinander, diese eigentliche Unlust am Disput.

Gegen seine Feinde, da kann er sich ja wehren, der Sloterdijk, auch nicht gerade mit den sympathischsten und anregendsten Mitteln, wie mir scheint. Aber an seinen „Freunden“, da erstickt man leicht.

So wie die Politiker durch ihr Verhalten an der von ihnen beklagten „Politikverdrossenheit“ schuld sein können, so können die Intellektuellen am Anti-Intellektualismus schuld sein. Denn es geht ja nur einerseits darum, das richtige zu sagen, wenigstens das vorläufig richtige, wenigstens das interessante oder eigenwillige, das kritische und widerständige; zum anderen aber geht es darum, zu zeigen, wie man miteinander redet, wie man miteinander umgeht, wie man, zum Beispiel während man gerade entgegengesetzte Positionen vertritt, einem gemeinsamen Ziel verpflichtet wäre, der Suche nach der Wahrheit – von der wir wissen, dass niemand sie „haben“ kann. Dass es eine Schönheit des geistigen Streits geben kann, das kann man doch nicht mit einer Mischung aus Bildungshuberei und Besserwisserei vermitteln, das kann man nur, wenn man sich gegenseitig ernst nimmt, und wie bei einem Boxkampf alter Schule (ist ja leider auch nicht mehr, was es einmal war), edle Regeln einhält.

Ich gebe ja zu: Die „Schwund-Linke“ wird ihre Gegner durch gnadenlose Höflichkeit kaum eines besseren belehren können. Sie möchten halt zu gerne beides: Dass das Pferd tot ist, und dass sie es trotzdem noch schlagen dürfen. Merkwürdigerweise geben sie gerade durch diese doppelte Verneinung zu erkennen, wie wenig sicher sie sich ihrer Sache sind.

Wonach ich mich als Schwund-Linker gelegentlich sehne: nach ehrbaren Gegnern.

3 Kommentare

3 Kommentare zu “Schon wieder: Sitten- und Sinnverfall der intellektuellen Debatte”

  1. molosovskyam 18 Aug 2010 um 15:49 Uhr.

    Lieber Herr Seeßlen.
    Endlich raffe ich mich, seit ich Ihre »Autobahn-Schönheit« vor wenigen Wochen entdeckt habe, dazu auf, Ihnen zu sagen, wie fein ich es finde, dass Sie ein Blog führen. (Entdeckt habe ich das Blog über den Kurz-Essay zur Fantasy-Phantastik: »Contra Naturam«.)

    Der heutige Beitrag bringt sehr präzise ein Übel (bzw. ein Ideal) zur Sprache, das mich auch oft ärgert (bzw. nach dem ich mich sehne, man würde es öfters als der Fall ist, anstrebt).

    Ich wünsche mir ganz egoistisch, dass Ihr Blog noch lange blüht und Früchte abwerfen wird.

    Mit besten Grüßen
    Alex / molo

  2. Jan Rehmannam 19 Aug 2010 um 15:31 Uhr.

    Lieber Herr Seeßlen,

    Ihr kritischer Kommentar zum FAZ-Verriss unseres Sloterdijk-Buchs „Angriff der Leistungsträger? Das Buch zur Sloterdijk-Debatte” spricht mir aus der Seele. Gerne wuerde ich mich mit einer ernsthaften konservativen Kritik auseinandersetzen, aber wie kann ich das, wenn der Rezensent das schlichte Handwerkszeug zum Schreiben einer Rezension, naemlich zunaechst zuverlaessig ueber den Inhalt des zu kritisierenden Buches aufzuklaeren, so hochmuetig verschmaeht? Die Abscheu geht offenbar so weit, dass man die Autoren nicht einmal namentlich nennt — als wuerde man sich durch blosse Nennung die Finger schmutzig machen. Wie kann man ein solches Ressentiment begreifen? Marx hatte einen Menschen, der die Wissenschaft einem “von aussen, ihr fremden, aeusserlichen Interessen entlehten Standpunkt zu akkomodieren versucht”, als “gemein” bezeichnet. Ist es das?

    Mit freundlichen Gruessen

    Jan Rehmann

  3. Peter Parkeram 20 Aug 2010 um 11:19 Uhr.

    An dieser Stelle passt vielleicht auch ein kurzer Hinweis auf die Möglichkeiten intellektueller Streitkultur in der digitalen Sphäre. Als Beispiel könnte man etwa die folgende Debatte zwischen dem Religionskritiker Sam Harris und dem Physiker und Wissenschaftsautor Philip Ball anführen:

    http://www.project-reason.org/archive/item/what_should_science_dosam_harris_v_philip_ball/

    Nachdem beide zunächst indirekt über verschiedene Medien kritisch aufeinander Bezug genommen hatten, schlug Sam Harris vor, die offenkundigen Differenzen direkt in einem online veröffentlichten “Streitgespräch” auszutragen. Hier eröffnet sich also eine Möglichkeit, eine Debatte grundsätzlich für jeden Interessierten zugänglich zu machen, zu der jeder Interessierte (über die Kommentarfunktion) seine Stimme abgeben kann und die sich gewissermaßen in Echtzeit mitverfolgen lässt. Dass diese Art der Transparenz eine Rückbesinnung auf die Macht des Arguments begünstigen könnte, und jede Art der leeren Rhetorik allzu sichtbar werden lässt, war zumindest mein Eindruck.

    Und es gibt hierfür sicherlich noch bessere Beispiele.

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