Aug 16 2010
Früher war alles besser
Wenn coole Leute Kritik hören, die sie nicht hören wollen, dann setzen sie eine Sonnenbrille und ein überlegenes Grinsen auf und sagen: „Ja, ja! Früher war alles besser!“. Sie unterschlagen damit den Gegenstand der Kritik (egal auf welchem Niveau und aus welcher Perspektive), nämlich dass es (was immer es ist) seit früher nicht im versprochenen bzw. möglichen Maße besser geworden ist. Denn früher war in der Tat insofern immer alles besser, als ja noch mehr Möglichkeit, noch mehr „Zukunft“ war.
Die sarkastische Wendung restauriert den ansonsten glücklicherweise nicht mehr so einfach zu setzenden Fortschrittsglauben in der Negation, ganz so als wäre alle Kritik, die sich historisch verortet, notwendig schon konservativ, wenn nicht gar reaktionär.
Von der Philosophie hat Max Horkheimer einmal gesagt, sie sei die gedankliche Anstrengung, sich nicht dumm machen zu lassen. Er trennte also ein philosophisches Subjekt von der Kraft des Dumm-Machens. Ja, da scheint in der Tat früher etwas besser gewesen zu sein.
Die Dummheit hat sich nicht nur immer tiefer in den Körper der Gesellschaft sondern auch in den Einzelnen gefressen; offensichtlich ersetzt diese allgemeine Dummheit (von der speziellen wollen wir gar nicht reden, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang) den Gesellschaftsvertrag: Demokratie scheint derzeit nichts anderes zu bedeuten als dass wir mehr oder weniger alle gleich dumm sind.
Die Philosophie derzeit also muss zugleich tiefer ansetzen und radikaler sein. Sie fragt nach den inneren und äußeren Kräften des Dumm-Machens (ohne archimedischen Punkt, natürlich). Es ist die Frage, die sich offensichtlich früher besser stellen ließ (oder gab es einfach nur bessere Antworten?): Nämlich, ob Menschen so weit dumm gemacht werden können, dass sie nicht nur die Freiheit, sondern die „Freiheitsfähigkeit“ selber verlieren.
So ist Philosophie ganz entschieden zu wichtig, um sie den Philosophen zu überlassen. Sie gehört auch nicht dem Überschuss an, sie ist kein Freizeitvergnügen und keine Unterhaltung (dazu ist sie, unter anderem, auch zu schön), sondern Teil des alltäglichen Kampfes um die Freiheit, die man zwar nicht abschaffen kann, wohl aber unnütz machen. Der vom Markt geregelte Mensch hat einerseits genau die Freiheit, die er nicht anwendet. Sie ist ein gesellschaftlicher Schatz, der nicht angerührt werden darf. Er muss zwangsläufig die Freiheit des Marktes mit der Freiheit des Menschen verwechseln; er hält sich für frei genug, zwischen Dutzenden von Fernsehprogrammen und einem halben Dutzend von „Parteien“ zu wählen.
Es gibt zwei Bruchstellen in der Gesellschaft des Dumm-Machens. Die eine ist die wachsende soziale Ungerechtigkeit. Niemand vermag zu sagen, wo die Mischung von Apathie und sektorialer Gewalt (Kriminalität und Schattenherrschaft) in den Bürgerkrieg umschlägt. Die andere aber ist der permanente Versuch der Ökonomie und der Regierung, das Dumm-Machen über jenen Punkt hinaus zu treiben, da die Kantsche Verpflichtung des Menschen zur Freiheit auf dem Spiel steht.
Eben hier treffen sich die soziale und die philosophische Erhebung. Es ist die Philosophie (Kritik, Theorie und Diskurs), welche allein verhindern könnte, dass sich der Aufstand gegen die soziale Ungerechtigkeit als schierer Terror ereignet, und dass sich die Postdemokratie gleichsam nahtlos in eine neue Form der Diktator fortsetzt (wir müssen nicht weit sehen, um zu beobachten wie das geht). Das Dumm-Machen muss als eine Form der Gewalt erkannt werden, die eine menschliche, humane und aufgeklärte Gesellschaft nicht dulden kann.
Früher war alles besser? Vielleicht insofern sich das Dumm-Sein vom Dumm-Gemacht-Werden unterscheidet, und dieses vom Dumm-Gemacht-Werden-Wollen.

