Aug 15 2010

Was ist ein realistischer Film?

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmwissenschaft.

Realismus muss man mindestens fünf mal behandeln:

- Als eine besonders gelungene Illusionserzeugung (mit technischen Mitteln) („realistische“ Stunts, „realistische“ Special Effects).

- Als eine weitgehende Annäherung an das Körperliche, Organische, Schmerzhafte und Zerstörbare („realistische“ Darstellung der Enthauptung eines Zombie).

- Als eine direkte Wiedergabe historisch-sozialer Verhältnisse und der Situationen der Menschen in ihnen (eine „realistische“ Darstellung des Zweiten Weltkrieges, der Lebensbedingungen im Ghetto).

- Als eine logische und erfahrungs-kompatible Bewegung des Subjekts in Raum und Zeit (der Realismus des linearen Codes).

- Als eine harmonisch-logische Anordnung der Dinge im Raum („auf der Leinwand“) (der Realismus des visuellen Codes).

Eine besondere, durchaus reaktionäre Anschauung verlangt eine Gleichzeitigkeit (mehr oder weniger) aller fünf Merkmale eines „realistischen“ Films (mit „erlaubten“ Überschreitungen in die Tiefen des Traumes oder die Höhen der Vision).

In der Regel wird der eine Realismus erzielt, indem man auf einen anderen mehr oder weniger großzügig verzichtet.

Realismus hat nichts mit Wahrheit zu tun.

Auch mit der Wirklichkeit nicht, wenn man unter Wirklichkeit die Beziehung von menschlichen Subjekten mit der Natur versteht, als Gesamtheit der beobachtbaren Dinge und ihrer Beziehungen.

Der „psychologische Realismus“ behauptet, er würde Menschen so darstellen, wie sie auch in der Wirklichkeit erscheinen und handeln würden.

Eine Beziehung der verschiedenen „Realismen“ gibt „Diskurse“. Film beginnt jenseits des Realismus.

Ein Kommentar

Ein Kommentare zu “Was ist ein realistischer Film?”

  1. Reinold Ophüls-Kashimaam 27 Jan 2011 um 20:27 Uhr.

    Lieber Georg,

    ich bin ein alter Fan (anders kann ich das nicht sagen) von Deinen Texten, und in einem Seminar an der Sophia-Universität in Tokyo habe ich ein Jahr lang eine Auswahl Deiner Artikel zur Alltagskultur lesen lassen. Am 31. März werde ich bei der OAG in Tokyo einen Vortrag zum “Der realistische Modus im japanischen Film der Gegenwart” halten. Deine Beschreibung (Definition?) ist wirklich hilfreich.

    Dein Reinold Ophüls-Kashima
    (Japanologe und Germanist, Professor an der Sophia-Universität)

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