Aug 11 2010

Hilf dir selbst

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Politik.

Eine Regierung, die darauf verzichtet, ihrem Kapitalismus „Manieren beizubringen“, erzeugt nicht nur neue Klassen, sondern vor allem einsame Menschen. Betrachtet man die einschlägigen Sendungen unseres Fernsehens, in denen sich das Medium als beherzter großer Bruder von Geschädigten, Betrogenen und Bedrängten inszeniert (dieser „große Bruder“ hilft indessen nur, während er die Skandale entpolitisiert), fällt vor allem die Fassungslosigkeit der Betroffenen auf, mit der sie zur Kenntnis nehmen, mit welcher Gleichgültigkeit sie von ihrer Regierung, ihrem Staat, ihrem Rechtssystem, den Geschäftemachern und Bürokraten geopfert werden.

Hilf dir selbst, grinst der postdemokratische Staat, nachdem er dem Einzelnen alle Instrumente weggenommen hat, sich zu helfen.

Hilf dir selbst, sagt er, und gibt den Banken die Macht, sich an den verzweifelten Vorsorge-Bemühungen zu bereichern.

Hilf dir selbst, und außerdem müssen wir Afghanistan helfen, mit Panzern und Polizisten.

Die Regierungsgeschäfte gehen indessen gut.

Die Bevölkerung nimmt regen Anteil daran, dass ein Bürgermeister nicht zurücktreten kann, obschon noch die Reste von politischer Moral das erfordern würden, weil er dann auf Versorgungsleistungen verzichten müsste. Das rechnen unsere Zeitungen auf Euro und Cent durch. Und das verstehen wir gut: Bei Versorgungslücken hört die Verantwortung auf.

Hilf dir selbst, sagt der postdemokratische Staat. Und seine Repräsentanten helfen sich selbst. Soll niemand sagen, wir hätten keine Vorbilder mehr.

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