Aug 09 2010
Kleinigkeiten (4)
Es mag ja sein, dass die Wahrheit immer einfach und konkret ist. Wer weiß das schon, hat sie doch noch niemand gehabt, gesehen oder gehört. Egal. Wenn die Wahrheit auch einfach wäre, so ist es der Weg dorthin doch niemals. Aufgabe der Kritik ist es nicht nur, einfache Wahrheiten in Aussicht zu stellen, sondern auch den schwierigen Weg dorthin zu beschreiben. Der Versuch, einen schwierigen Gedanken in einfachen Worten auszudrücken, ist eine mindere Form der Lüge. Aber umgekehrt ist es natürlich auch nicht besser.
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Wir Bayern, Angehörige eines tückischen kleinen Bergvolkes, verzeihen einem betrügerischen Gewaltmenschen schon gerne einmal mit dem bei Preußens gern zitierten Spruch: „Aber ein Hund ist er schon“.
Aber jetzt haben wir einen Horst Seehofer, und der wäre gern so einer, von dem man das sagt.
Er ist aber kein Hund, sondern nur ein Opportunist. Ein Hund wird man so leicht nicht, und schon gar nicht bloß, weil man es gern werden will. Und wenn man sich dann auch noch beim Hund-Sein von Krawattenbürscherln aus dem hohen Norden beraten lassen muss: Aus ist es, Horst, sag’ ich. Zefix! Das reicht ja noch nicht einmal für einen Dackel.
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Arbeit im Spätkapitalismus ist ein Witz. Kein guter. Eine postdemokratische Regierung, die stolz verkündet, wie nun wieder – war da was von Krise? – die „Arbeitslosenzahlen“ sinken, und die Nachrichten verkünden das Mantra, macht es ihren ökonomischen Arbeitgebern nach und verkauft den Abbau als Leistung. Denn wenn von solchen Zahlen die Rede ist, schweigt man konsequent von der Qualität dieser Arbeit. Vom kulturellen und menschlichen Wert der Arbeit sowieso, aber natürlich auch vom ökonomischen Wert. Nur einer der besonderen Finsterlinge des Neoliberalismus sagt aus Versehen wieder einmal die Wahrheit, wenn er dagegen protestiert, die Renten nicht zu kürzen, wenn doch die Löhne gekürzt werden. Aha! Die postdemokratische Regierung ist sich also dessen durchaus bewusst, dass in der Zeit, da Comerzbanken und Kollegen wieder Milliardengewinne einfahren die Löhne gekürzt werden. Für das Wort „Lohnkürzung“ gibt es nur ein anderes: Ausbeutung. Klingt altmodisch, nicht wahr? Und wieder hält man uns eine Kündigung wegen einer Flasche Orangensaft vor Augen (damit wir im Witz bleiben, erledigt das gleich das menschenfreundliche Rote Kreuz): Die Macht der „Arbeitgeber“ und die Ohnmacht der „Arbeitnehmer“ steigen ins Groteske. Wer so froh sein muss, dass er überhaupt noch arbeiten darf, und wem mit der Hartz 4-Drohung nicht nur der ökonomische Abstieg ins Haus steht, sondern auch der Eintritt in eine politisch und medial erzeugte „Neue Unterschicht“, der fragt nicht mehr, ob seine Arbeit Menschen-wert und von ethischer Substanz ist. So wie die Dinge stehen muss man einer Regierung, die (bekennenderweise) „für die Wirtschaft“ ist, attestieren, dass sie zugleich gegen die Menschen ist. Im Lehrbuch der Politik ist soziale Gerechtigkeit eine Grundvoraussetzung der Demokratie. Dafür wiederum wären faire Verhältnisse auf dem Markt, und eben auch auf dem Arbeitsmarkt eine Voraussetzung, und zu der wiederum wäre ein Wille der demokratischen Regierungen eine Voraussetzung, für ihre Einhaltung zu sorgen und, sehr einfach, die Rechte der Schwächeren zu stärken. Für faire Verhältnisse auf dem Markt sorgt dieser Staat nicht einmal, wenn es darum geht, die so genannten Verbraucher gegen Willkür und Kriminalität zu schützen.
Die „Verhältnisse“ haben sich radikal vom Bewusstsein und vom Interesse des einzelnen entfernt, der nun freilich dafür narzisstisch genug gefüttert wird, und weil, je schlechter es einem in den Verhältnissen geht, der Hunger nach narzisstischer Fütterung um so größer wird, so entsteht eben auch die „Neue Unterschicht“ als Masse narzisstisch gestörter Wesen. Diese narzisstisch gestörten Wesen, von Fernsehen, BILD und Schnäppchen-Konsum verfestigt, haben weder Möglichkeit noch Interesse, sich dem konstanten Aushandeln der Aufgaben und Grenzen politischen Handelns zu widmen. Ein Mensch, der wegen einer Bagatelle seinen Arbeitsplatz verliert, ist für die Demokratie verloren, nein, umgekehrt: die Demokratie geht an den tausenden von Fällen, bei denen Regierung und Recht sich so eindeutig auf die Seite der Ökonomie gegen den Menschen stellen, verloren. Bleibt die Frage, ob es genau das ist, worauf „die politische Klasse“ hinaus will.

