Für ein Hynkel-Soziologie-Seminar in Berlin

„Die Thesen von Thilo Sarrazin zu Bildung und Zuwanderung sollte man diskutieren, nicht den Autor verteufeln“, schreibt Necla Kelek in der F.A.Z. Na, Bravo! Vielleicht sollte man auch noch mal die Ansprachen eines gewissen Hynkel, alias Charles Chaplin aus „The Great Dictator“ (Sie erinnern sich: „Sauerkraut mit de Wiener Schnitzel. Und de Jüden! Ah, de Jüden!“) dahingehend befragen, ob man sie nicht diskutieren müsse, statt darüber zu lachen. Und die BILD, scheinheilig wie immer: „Alle gegen Sarrazin!“. Das ist gemein! Alle gegen Hynkel, auch gemein. „Der Eindruck drängt sich auf, hier solle eine überfällige Debatte mit den bewährten Begriffen wie Rassismus und Populismus kontaminiert werden“. Schreibt Frau Kelek, die eine Soziologin in Berlin ist. Vielleicht möchte sie ein Sauerkraut-und-Wiener- Schnitzel-Seminar einrichten, um zu beweisen, dass man Rassismus und Populismus ganz übel kontaminiert, wenn man sie bewährterweise „Rassismus“ und „Populismus“ nennt. Oder Sauerkraut „Sauerkraut“.

Heil Hynkel, Frau Kelek, und frohes Schaffen noch, wenn Sie mit Thilo Sarrazin „die Diskussion um Armut aus der materiellen Abhängigkeit befreien“ möchten. Wo die Armut doch eindeutig in den Genen liegt.

Gott in Oberammergau (Deutschland)

In der jüngsten F.A.Z. eröffnet Thomas Gottschalk, genau der, das Feuilleton mit einem Erweckungsbericht aus Oberammergau („Nicht sehen und doch glauben: Wer als Zweifelnder kommt, geht im Innersten berührt.“) und ob das nun eine gute Idee ist oder nicht, jedenfalls erinnern wir uns spätestens beim letzten Satz wieder daran, wo wir hier gelandet sind: „Ich wünsche mir nur“, heißt es da, „dass die anderen Hilfstruppen des lieben Gottes ihre Sache ebenso gut vertreten würden wie seine Kinder aus Oberammergau“.

Schauen wir mal nach, was die Wikipedia über „Hilfstruppen“ zu sagen hat: „Hilfstruppen, oft auch, vor allem in der Antike, nach dem lateinischen Namen Auxilia genannt, werden Truppenverbände genannt, die aufgrund ihrer Bewaffnung und Rüstung nur unterstützende Funktionen ausüben, z. B. um die Schlachtlinie zu verlängern. Sie werden häufig aus ausländischen Söldner rekrutiert. Historische Beispiele sind die Auxiliartruppen der römischen Legionen, aber auch die Askari der deutschen Kolonialtruppen in Deutsch-Ostafrika (Tangajika).“

Tja. Um es mal so zu sagen: Selig ist, wer nicht glaubt, dass Gott ein Deutscher ist und ein Bamberger Fernsehstar sein Prophet.

Schon wieder: Sitten- und Sinnverfall der intellektuellen Debatte

„Die Linke, die sich zu verlieren drohte, rückt gegen den gefährlichen Indianer da draußen zusammen. Aber vielleicht wollte Sloterdijk genau das, uns den reaktionären Reduktionismus einer überlebten geistigen Formation, einer Schwund-Linken vor Augen führen“, so endet eine, nun ja, Rezension des Bändchens „Angriff der Leistungsträger?“ Das Buch zur Sloterdijk-Debatte in der F.A.Z., in der der Autor, Wolfgang Kersting, mir, der ich das Buch noch nicht gelesen habe, konsequent verweigert, eines der Argumente darin, die es ihm offensichtlich zu zerfetzen Herzensangelegenheit ist, einmal vorzustellen. Schreibt man jetzt so? Behauptet man einfach, „nahezu alle Texte unterbieten das Niveau ihres Anlasses eklatant“ ohne diesen Texten die Chance zur Selbstverteidigung zu geben? Oder gilt nicht nach wie vor, dass man jemandem, der Blödsinn schreibt den Blödsinn auch nachweist, bevor man es Blödsinn nennt?  Und gälte es nicht sowieso, durch einen Zeitungsartikel, nur zum Beispiel, Feuer und Vergnügen in eine Debatte zu bringen, statt bloß ein Weltbild zu rahmen? Weiterlesen

Früher war alles besser

Wenn coole Leute Kritik hören, die sie nicht hören wollen, dann setzen sie eine Sonnenbrille und ein überlegenes Grinsen auf und sagen: „Ja, ja! Früher war alles besser!“. Sie unterschlagen damit den Gegenstand der Kritik (egal auf welchem Niveau und aus welcher Perspektive), nämlich dass es (was immer es ist) seit früher nicht im versprochenen bzw. möglichen Maße besser geworden ist. Denn früher war in der Tat insofern immer alles besser, als ja noch mehr Möglichkeit, noch mehr „Zukunft“ war. Weiterlesen

Was ist ein realistischer Film?

Realismus muss man mindestens fünf mal behandeln:

– Als eine besonders gelungene Illusionserzeugung (mit technischen Mitteln) („realistische“ Stunts, „realistische“ Special Effects).

– Als eine weitgehende Annäherung an das Körperliche, Organische, Schmerzhafte und Zerstörbare („realistische“ Darstellung der Enthauptung eines Zombie).

– Als eine direkte Wiedergabe historisch-sozialer Verhältnisse und der Situationen der Menschen in ihnen (eine „realistische“ Darstellung des Zweiten Weltkrieges, der Lebensbedingungen im Ghetto). Weiterlesen

Hilf dir selbst

Eine Regierung, die darauf verzichtet, ihrem Kapitalismus „Manieren beizubringen“, erzeugt nicht nur neue Klassen, sondern vor allem einsame Menschen. Betrachtet man die einschlägigen Sendungen unseres Fernsehens, in denen sich das Medium als beherzter großer Bruder von Geschädigten, Betrogenen und Bedrängten inszeniert (dieser „große Bruder“ hilft indessen nur, während er die Skandale entpolitisiert), fällt vor allem die Fassungslosigkeit der Betroffenen auf, mit der sie zur Kenntnis nehmen, mit welcher Gleichgültigkeit sie von ihrer Regierung, ihrem Staat, ihrem Rechtssystem, den Geschäftemachern und Bürokraten geopfert werden.

Hilf dir selbst, grinst der postdemokratische Staat, nachdem er dem Einzelnen alle Instrumente weggenommen hat, sich zu helfen. Weiterlesen

Lieber Gott

Wollen Sie einmal einen „christlichen Witz“ lesen, von der Seite „2Jesus.de“?

Bitte sehr:

Klein Achmed kommt in den Himmel, als er an der Pforte steht sagt er zu Petrus:

„Ey Alder isch suche Allah, weiß Du?!“

„Der ist weiter oben, nimm dort die Treppe“, antwortet Petrus

Achmed istm erstautn und geht die Treppe hoch – dann steht er vor Erzengel Gabriel:

„Ey, isch suche Allah, weiß Du?!“

„Da musst du mal eine Etage höher gehen – der ist nicht hier. Nimm die Treppe dort“

Endlich steht er vor Gott:“Ey, isch suche Allah wei… – .“

„Jaja, ich weiß“ antwortet Gott, „der ist eine Etage höher – Moment…“, wendet sich um und ruft die Treppe hoch: „Ey Allah, bring mal zwei Kaffee, aber zack zack!“


So sind sie wohl, die Deutschen. Sogar bei ihrem Gott reicht es ihnen nicht, dass er Rassist und Pascha ist. Nein, auch beim Gott der Deutschen muss es „Zack zack“ gehen. Selig ist, wer in diesen Himmel weder will noch muss.

Kleinigkeiten (4)

Es mag ja sein, dass die Wahrheit immer einfach und konkret ist. Wer weiß das schon, hat sie doch noch niemand gehabt, gesehen oder gehört. Egal. Wenn die Wahrheit auch einfach wäre, so ist es der Weg dorthin doch niemals. Aufgabe der Kritik ist es nicht nur, einfache Wahrheiten in Aussicht zu stellen, sondern auch den schwierigen Weg dorthin zu beschreiben. Der Versuch, einen schwierigen Gedanken in einfachen Worten auszudrücken, ist eine mindere Form der Lüge. Aber umgekehrt ist es natürlich auch nicht besser.

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Wir Bayern, Angehörige eines tückischen kleinen Bergvolkes, verzeihen einem betrügerischen Gewaltmenschen schon gerne einmal mit dem bei Preußens gern zitierten Spruch: „Aber ein Hund ist er schon“.

Aber jetzt haben wir einen Horst Seehofer, und der wäre gern so einer, von dem man das sagt.

Er ist aber kein Hund, sondern nur ein Opportunist. Ein Hund wird man so leicht nicht, und schon gar nicht bloß, weil man es gern werden will. Und wenn man sich dann auch noch beim Hund-Sein von Krawattenbürscherln aus dem hohen Norden beraten lassen muss: Aus ist es, Horst, sag’ ich. Zefix! Das reicht ja noch nicht einmal für einen Dackel.

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Arbeit im Spätkapitalismus ist ein Witz. Kein guter. Weiterlesen

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 5/10

„Kunst ist eine Form des Tuns, nicht des Denkens“, behauptete der französische Autor, der sich nur „Alain“ nannte, am Beginn des Jahrhunderts. Tatsächlich spricht (und denkt) die Kritik nicht die Kunst, sondern „Kunst und Gesellschaft“. (Eben das, was Kunst nicht denken kann; was der Künstler denkt, ist dagegen seine eigene Sache.)

Kunst „drückt“ nichts „aus“, das Entschlüsseln (ein soziales Geschehen) führt nicht zum Zentrum des Kunstwerkes, sondern schafft ein Umfeld, eben jene Zone, in der sich Kunst und Gesellschaft begegnen können (demütig voreinander, und stolz zugleich).

Sorgfaltspflicht hingegen herrscht vor der Wirklichkeit des Kunstwerks. Weiterlesen