Jul 31 2010
Kleinigkeiten (2)
Wenn man sagt: Der Sinn des Lebens ist das Leben (und fast alle nicken bedächtig und verständig mit dem Kopf), so macht man sich den Abgrund nicht recht klar zwischen dem Satz: “Selbstverständlich lebe ich.” und der Frage: “Wie verständlich lebe ich?” (Für mich und für die anderen.) Mehr als selbstverständlich, und zugleich weniger, nämlich verständlich zu leben, dürfte einem alten Griechen, auch wenn er nicht allzu großen philosophischen Ehrgeiz besaß, als erstrebenswert erschienen sein. Vor dem Anspruch verständlich zu leben flüchten wir Heutigen uns lieber, wenn auch in die unterschiedlichsten Richtungen.
Was uns auf die schmerzhafte Frage bringt: Warum eigentlich waren diese alten Griechen so klug? Und warum sind wir so hemmungslos blöde?
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Als Angela Merkel eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einer ungeheuren Birne verwandelt.
Die Birne als politische Metapher entstammt einerseits einer gewissen Kopfform von Herrschern, etwa der des französischen „Bürgerkönig“, der übrigens sowohl den verbliebenen Adel als auch etwas geistreichere Bürger in das trieb, was damals zum ersten Mal so genannt wurde, nämlich eine „innere Emigration“, oder der des deutschen Kanzlers vor dem Agenda-G. Schröder. Sie bezeichnet aber allgemeiner brisanter „viel Bauch und wenig Hirn“. Auch bei Helmuth Kohl ging es nicht bloß um eine Kopfform, es war viel mehr gewiss: Dieser Mensch denkt birnenförmig. Wenn er es denn tut.
Angela Merkel sieht nicht aus wie eine Birne. Dazu ist sie zu sehr protestantische Pastorentochter, von der wir nach Max Weber annehmen dürfen, dass sie den Kapitalismus nicht so sehr genießt als ihn als einzige Form der Bewegung in einer leeren (vor allem sinn- und erleuchtungslosen) Welt akzeptiert. Sie ist gewissermaßen ein Birne ohne Bauch. Es mag durchaus schwierig sein, birnenförmig zu denken, aber keine Birne werden zu dürfen.
Vielleicht müssen wir uns die Sache daher einmal genau anders herum vorstellen:
Als die Birne eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich vom Baum geschüttelt und zu einer ungeheuren Angela Merkel verwandelt.
Wie traurig das Leben doch manchmal ist.
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Wo wird sie hinführen, die Diktatur der Fiesen und der Blöden? Die Leute glauben, man muss nur unverschämt und doof genug sein, dann kommt man ins Fernsehen, und dann kommt die BILD-Zeitung und schon hat man sein Glück gemacht. Sie bemühen sich unentwegt zu beweisen, dass sie die Macht haben, über jegliche Form von Bildung, Intelligenz und Skepsis zu triumphieren: Das Internet gibt der Diktatur der Fiesen und der Blöden (es sind ja auch die Feigen allemal) das richtige Instrument: Das versteh ich nicht!, blöken sie jedem halbwegs interessanten Text hinterher, das ist mir zu hoch, das ist intellektuelle Scheiße, Fremdwörter-Onanie, Besserwisserei, Spekulation: Wir „normalen“ Leute, wir wollen mit „schwierigen Texten“ nichts anfangen. Und wir dürfen die Intellektuellen hassen und beschimpfen, BILD und Fernsehen machen es ja vor.
Und dann? Wir sehen uns vor den Jobcentern und den Gratisläden wieder. Wir sehen die Ackermänner, die das Wissen und die Klugheit eingekauft haben und jene, denen BILD, Werbung und Fernsehen die Grenzen ihrer Welt sind, die sich nicht mehr wehren, höchstens ein paar Sündenböcke suchen (und schnell folgen die Blöden den Fiesen, zu den Nazis, wenn es sich eben so ergibt). Die Diktatur der Fiesen und der Blöden läuft zuallererst auf die soziale Vernichtung der Blöden (das heißt jener, die es für klug halten, den Blöden zu spielen) hinaus. Eine winzige Schicht der Eliten entsteht, die nun ihrerseits in eine innere Emigration geht; nicht vor birnenförmigen Herrschern, sondern vor einer Mehrheit, die sich Blödheit als Religion und Ideologie gleichermaßen hält. Und wer gewinnt am Ende? Sollte verschmähte Intelligenz nicht die Wärme der Herrschaft suchen?
Die Großeltern der militanten Blödheitsverbreiter trafen sich, oft nach mehr als einem verdammten Acht-Stunden-Tag, um Texte zu lesen, die heute manchem Studenten Schwierigkeiten bereiten. Sie wussten, dass sie Wissen brauchten, wenn sie die Verhältnisse verändern wollten; für jedes bisschen Recht und Würde brauchten sie neben der Tapferkeit und dem Fleiß das Wissen. Sich Blöd-Stellen und darauf gar noch stolz sein, mag schnelle Befriedigung geben, aber morgen kann man sich den Breitbildschirmfernseher nicht mehr leisten, und übermorgen keine frischen Vitamine mehr. Die Verhältnisse ändern sich nicht, wenn die, die sie verändern könnten und müssten, zu blöd geworden sind, um sie überhaupt noch zu begreifen. Anti-Intellektualismus und die militanten Feiern der Blödheit sind die besten Waffen gegen den politische Widerstand.
Die Religion der militanten Blödheit hat das Kanonenfutter für den Neoliberalismus geschaffen.
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Gegen die Dummheit, heißt es, kämpfen selbst die Götter vergeblich. Aber welche Götter haben das eigentlich je versucht? Unsere nicht, so viel ist sicher.

