Jul 14 2010

Vom Ficken reden

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Es war ein Seitenprojekt der Aufklärung, auch dem Körperlichen, Geschlechtlichen und Lustvollen eine Sprache zu geben, gegen die Heuchelei und das Verbergen vor einer gewaltigen „moralischen“ Instanz, der christlichen Kirche.

Eine Kirche ist der Ausdruck dessen, was an einer Religion nicht stimmt (und „Fundamentalismus“ wiederum ist der Ausdruck dessen, was an einer Kirche nicht stimmt). Drückte die Kirche also Augustinische Leibfeindlichkeit und Frauenfurcht aus, oder hatte sie vielmehr das Machtpotential einer Hysterisierung des Körpers erkannt? Wie dem auch sei, ein unproblematischer Übergang zu einem auch sprachlich „entspannten“ Verhältnis war so leicht nicht zu haben.

„Was hat“, schrieb Montaigne in seinen Essais (Buch 3), „das arme Zeugungsgeschäft, das so natürlich, so notwendig, so gerecht ist, den Menschen zuleide getan, dass sie, ohne schamrot zu werden, davon zu sprechen sich nicht erlauben, und es aus ernsthaftem, ehrbaren Gesprächen verbannen?  Wir sagen ohne alles Bedenken: töten, stehlen, verraten, und jenes würden wir nicht ohne entsetzliches Maulspitzen nennen.“

Mittlerweile reden wir ohne schamrot zu werden vom Ficken, Vögeln, Pudern, Stopfen (vornehmer: Sex haben, guten oder schlechten). Besonders glücklich hat uns das nicht gemacht, denn offensichtlich ist es uns zwar gelungen, die Rede freizugeben, aber nicht, die Hysterisierung zu überwinden. Über Sexualität sprechen ist immer noch skandalös, nur haben wir gelernt, das Skandalöse als Alltäglichkeit zu behandeln.

Aber was hat uns denn das Zeugungsgeschäft in der Tat zuleide getan? Jedenfalls scheint der Widerspruch zwischen Lust und Bindung noch lange nicht aufgehoben. Es ist nun mal mehr Begehren als Liebe in der Menschenwelt, und so verwandt das eine mit dem anderen ist, so kannibalistisch führt es sich gegeneinander auch auf. Ist „guter Sex“ das Paradoxon des „vernünftigen Fickens“? Oder das des „verliebten Fickens“? Die Widersprüche, so geht das bei uns zu, müssen mit Macht gefüllt werden. Was will ich? Was willst du? Was wollen die anderen? Und das andere, die Regel, die Gewohnheit, die Macht, das Bild, die Erzählung, der Staat, die Gesellschaft, was wollen die, und was wollen die, dass ich will? Und was geschieht dann mit dir und uns? Die sexuelle Moral ist weder abgeschafft noch neu formuliert, sondern verknäuelt und zerrissen. Und so ist die Sprache.

Daher ist statt einer befreiten eine obszöne Gesellschaft entstanden, und statt ohne Maulspitzen davon zu reden, ist das Maulspitzen selber zum Code und zum Genre geworden. In den nimmermüden Versuchen, doch noch Skandalisierung und Erregung zu erzeugen, beginnt es, furchtbar zu nerven. Die allfällige sexuelle Rede, zur Befreiung in kleinster Münze geworden, wurde zum Gegenteil dessen, was Aufklärung sich zu erhoffen wagte. Es ist die neue Form des Schweigens über eine Form des Begehrens und des Sehnens, über das man ehrlich nicht sprechen kann. Nicht weil es ein großes anderes verböte (war das nicht eine wundervolle Ausrede, und liebten wir nicht intensiver, als es noch verboten war?). Sondern weil man darüber so leicht verrückt wird.

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