Jun 17 2010
KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/10
Egal was es ist, wenn es Kunst ist, muss es besprochen werden in einer Art, in der man weiß, dass es nie zu Ende besprochen ist. Eine Kritik, die behauptet, sie hätte so etwas wie ein endgültiges Urteil parat, kann man ohne weiteres in die Mülltonne klopfen. Alle dreißig bis vierzig Jahre, sagt man, gibt es ein große Revision, ein Neubewerten und Verstehen. Dann geht die Sache wieder von vorne los.
Doch die zyklische Neu-Entdeckung und Neu-Interpretation bedeutet nicht, dass es keine nachhaltigen Diskurswechsel in der Kunst und ihrer Theorie (mehr) geben könne.
Kunst ist unter anderem eine Erzählung mit einer Grammatik. Sie erzählte in den sechziger Jahren definitiv in die Zukunft hinein, sie konzentrierte sich aufs Gegenwärtige in der Folgezeit, und sie meint das Mögliche und Unmögliche in der Millenniumszeit. Was aber erzählt die Kunst (nicht das Kunstwerk) im Jahr 2010? Sie will sich, so scheint es, vorsichtig von ihrer „marktradikalen“ Position verabschieden (und sie ist in diesem Abrücken vom Kunstmarkt als allein selig machenden Impulsgeber so vorsichtig und unkonsequent wie der Rest der Gesellschaft). Von Neo Rauchs Galeristen hört man, dass sie bewusst gegen die Auktions-Rekorde arbeiten; man versucht die Preiskurve „stetig aber nicht steil“ nach oben zu lenken. Kapitalistische Verrücktheit gegen Kunstmarktplanung? Nein, der Kunst-Diskurswechsel muss woanders stattfinden. Die Kunst wird manchenorts politisch sogar überladen: Sie soll einspringen, wo die populären Medien so offensichtlich als Institution von Kritik und Interesse versagen: Aber zweifellos tut die Kunst (und ihre Reflexion) gut darin, sich nicht erneut als Instrument der Gesellschaftskritik zu reduzieren. (Ihre Kritik freilich besteht schon darin, dass sie „verstörend“ in das eindringt, was man den öffentlichen Raum gerade noch so nennen kann.)
Der Diskurswechsel ist dennoch radikal politisch und politisch radikal. Er verlangt die Kunst vom Kapitalismus zurück. Das ist eine utopische Forderung. Wo, wenn nicht in der Kunst, kann man Utopisches verlangen? Das Verlangen nach der Utopie ist selber utopisch. Oder eben Kunst.

